Saul Friedländer (86) beim Gedenken an die NS-Opfer im Bundestag. Foto: AP

Der Holocaust-Überlebende und Historiker Saul Friedländer warnt beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag vor Nationalismus und Rassenhass.

Berlin - Als Saul Friedländer aus seinem Versteck in einem katholischen Knabeninternat in Frankreich ausriss, um bei seinen Eltern zu sein, war er zehn Jahre alt. Er stürmte in das Krankenhaus der Kleinstadt Montluçon, in dem Mutter und Vater sich versteckt hielten und auf die Gelegenheit zur Flucht in die Schweiz warteten. Sie schickten ihr Kind sofort zurück. Es war ihre letzte Begegnung.

„Was ging wohl in ihnen vor, als sie sahen, wie ihr kleiner Jungen, der sich mit Händen und Füßen wehrte, weil er bei ihnen bleiben wollte, entfernt wurde?“, fragt Saul Friedländer am Donnerstag im Deutschen Bundestag. Der 86-Jährige spricht beim Gedenken des Parlaments an die Opfer des Nationalsozialismus auf Deutsch, in der Sprache seiner Kindheit, „die ich über viele Jahre vergessen hatte“, und er bittet seine Zuhörer freundlich um Verständnis – für seine Vortragsweise.

Das immerwährende Gefühl der Fassungslosigkeit

Saul Friedländer ist allerdings sehr genau zu verstehen. Das Menschheitsverbrechen des Holocaust, die systematische Entrechtung, Vertreibung, Vernichtung der Juden im Dritten Reich zu erforschen, zu untersuchen – und das Unbegreifliche zu vermitteln, das hat sich der israelische Historiker zur Lebensaufgabe gemacht. Und die hört nicht auf.

Das „Primärgefühl“ der Fassungslosigkeit angesichts der Shoah habe Friedländer sein Leben lang nicht verlassen, sagt Parlamentspräsident Wolfgang Schäuble, als er den Gast begrüßt. Schäuble erinnert daran, dass jedes vierte Opfer des NS-Rassenwahns ein Kind war – 1,5 Millionen kleine Menschen. Wer überlebte, blieb allein zurück. Oben auf den Rängen des Parlaments sitzen weißhaarige Frauen und Männer, die das wie niemand hier im Saal verstehen – Überlebende. Bald werden auch sie nicht mehr da sein und berichten können.

Millionen wussten vom Holocaust

Friedländer erzählt seine Geschichte, „nicht um unseren besonderen Fall hervorzuheben, sondern um zu schildern, was mit Juden wie uns geschah“. Von seinen Eltern, die auf der Flucht verhaftet wurden. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt hätten die Schweizer Paare mit Kindern aufgenommen, berichtet er. „Wäre ich dabei gewesen, hätten wir wahrscheinlich in der Schweiz bleiben dürfen. In jenen Tagen waren für Juden rationale Entscheidungen sinnlos.“ Mutter und Vater wurden im Transport Nummer 40 von Drancy nach Auschwitz deportiert. „Ich frage mich oft, ob meine Eltern während der drei Tage dieser höllischen Fahrt zusammen waren. Falls ja, was mochten sie gesagt und gedacht haben? Wussten sie, was sie erwartete?“

Die Frage, wer was wann wusste, hat den Historiker immer beschäftigt, und auf sie antwortet er auch jetzt: Friedländer zitiert aus Tagebucheinträgen von Soldaten, die Erschießungsaktionen beiwohnten oder sich über Vernichtungslager austauschten. „Es gibt Hunderte Beispiele dieser Art, und Ende 1942, spätestens aber im Verlauf des Jahres 1943, wussten Millionen Deutsche, dass die Juden im Osten systematisch ermordet wurden.“

Was bewegt den Mann, der als Pavel in Prag geboren ist, im Versteck auf den Namen Paul-Henry getauft wurde und 1948 als 16-jähriger Shaul ein Leben in Israel begann – als einzigem Ort, dem er sich zugehörig fühlen konnte – nun hier in Berlin zu sprechen? Vor einem Parlament, in dessen Reihen auch einzelne Abgeordnete der AfD sitzen, die sich weigern, ihm zu Ehren zu applaudieren? Die Antwort ist ermutigend: Er traut diesem Land die Kraft zu, aus der Schuld ein besonderes Verantwortungsgefühl gewonnen zu haben.

Deutschland als Bollwerk

Antisemitismus ist nur eine der Geißeln, von denen jetzt eine Nation nach der anderen schleichend befallen wird“, sagt er. „Der Fremdenhass, die Verlockung autoritärer Herrschaftspraktiken und insbesondere ein sich immer weiter verschärfender Nationalismus sind überall auf der Welt in besorgniserregender Weise auf dem Vormarsch.“ Deutschland aber sei dank seiner langjährigen Wandlung seit dem Krieg eines der starken Bollwerke gegen diese Gefahren geworden. „Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum für die wahre Demokratie zu kämpfen.“

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