Angehörige legen bei der Einweihung der Gedenkstätte mit einem aus Bronze nachempfundenen Riss im Boden an der Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz in Berlin Kerzen nieder und umarmen einander. Foto: dpa

In Berlin ist der Gedenkort für die Opfer des Terroranschlags auf dem Weihnachtsmarkt vor einem Jahr eingeweiht worden. Bundeskanzlerin Merkel und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller haben Versäumnisse eingeräumt.

Berlin - Ein Riss, der sich über den Boden zieht. Eine bronzene Linie. Nicht aufdringlich ist die Gedenkstätte, die in Berlin an diesem Tag eingeweiht wird. Nichts, über das Fußgänger stolpern. Aber der Riss ist da. Für immer. Ein Riss und zwölf Namen. Sie sind eingelassen in die Stufen zur Berliner Gedächtniskirche am Breitscheidplatz. Sebastian Berlin, Anna Bagratuni, Gregoriy Bagratuni, Nada Cizmarovka, Dalia Elyakim, Christoph Herrlich, Klaus Jacob, Angelika Klösters, Dorit Krebs, Fabrizia di Lorenzo, Lukasz Urban, Peter Volker. Dazu eine Botschaft: „Zur Erinnerung an die Opfer des Terroranschlags am 19. Dezember 2016. Für ein friedliches Miteinander aller Menschen.“

Dieser verhangene, trübe Dienstag steht in der Hauptstadt im Zeichen des Gedenkens an den Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt vor einem Jahr. Ein wichtiger Tag. Ein Tag des Innehaltens. Doch der Anschlag hat die Stadt auch sonst in diesem Jahr nie wirklich losgelassen. Denn nach dem Schrecken über den Anschlag kam der Schrecken über seine Vermeidbarkeit. All die Nachrichten über Ermittlungspannen, Kommunikationsfehler, weitergeschobene Verantwortung und schlichte Schlampigkeiten. Der Täter, an dessen Namen wenigstens an diesem Tag niemand erinnern soll, hätte rechtzeitig aus dem Verkehr gezogen werden können. Beschämend fanden viele auch den Umgang mit den Opfern, den 12 Toten und 66 Verletzten. Es gab keinen Staatsakt. Der Trauergottesdienst fand ohne die Angehörigen statt. Stattdessen erhielten diese bald die Rechnungen der Gerichtsmedizin. Im November hatten Angehörige aller Opferfamilien einen Brief an die Kanzlerin geschickt: „Fast ein Jahr nach dem Anschlag haben Sie uns weder persönlich noch schriftlich kondoliert.“

Was schlecht gelaufen ist, soll in Zukunft besser gemacht werden

Nun ist sie da. Angela Merkel hatte sich schon unter Ausschluss der Öffentlichkeit am Montagabend mit ihnen getroffen, mit mehr als 80 Menschen, Opfern und Hinterbliebenen. Kein leichtes Treffen für sie. „Offen und schonungslos“, sei das Gespräch verlaufen, sagte die Kanzlerin am Dienstag. Der Tag sei auch eine Mahnung, „das, was schlecht gelaufen ist, in Zukunft besser zu machen.“ So werde sie sich bald erneut mit den Hinterbliebenen treffen. Die Einweihung der Gedenkstätte am Dienstag ist auch ein öffentliches Bekenntnis. Sie soll als Geste der Solidarität verstanden werden. Schon am Morgen hatte es eine gemeinsame Andacht gegeben. Ein geschützter Raum des Gedenkens für und mit den Angehörigen. Ohne Öffentlichkeit. Aber die Kanzlerin ist anwesend und der Bundespräsident. Frank-Walter Steinmeier findet die Worte, die die Politik so lange nicht gefunden hatte.

„Zur Wahrheit gehört auch, dass manche Unterstützung spät kam und unbefriedigend blieb“, sagt er den Angehörigen. „Und Sie sollen wissen: Ihre Erfahrung, Ihre Klagen und Warnungen stoßen nicht auf taube Ohren. Sie lassen niemanden unberührt, der in diesem Land Verantwortung trägt.“ Einige Sätze klingen wie ein Schuldgeständnis. „Die Politik darf nicht zu eilfertig sagen, dass es in unserer offenen Gesellschaft keine vollkommene Sicherheit geben kann, so richtig diese Erkenntnis auch ist. Wir müssen zuerst aussprechen und anerkennen, wo vermeidbare Fehler geschehen sind. Das ist es, was uns nicht ruhen lassen darf. Unsere Haltung muss sein: Dieser Anschlag hätte nie passieren dürfen. Und ja, es ist bitter, dass der Staat Ihre Angehörigen nicht schützen konnte.“ Michael Müller, der Regierende Bürgermeister spricht einige Worte, erinnert daran, dass der Gedenkort das symbolisieren soll, was den Terroristen fehle: „Menschlichkeit und den Glauben an die Zukunft.“ Die eigentliche Einweihung ist den Angehörigen selbst vorbehalten.

Die legen Blumen nieder, stellen Lichter auf, dort, wo der Name ihres Angehörigen in die Stufen der Gedächtniskirche eingeschrieben ist. Es gibt Umarmungen, Tränen, aber auch Gesten der Versöhnung, ein Lächeln, ein Nicken.

Parallel fanden Demonstrationen statt

Michael Müller spricht in einer Gedenkstunde im Abgeordnetenhaus noch einmal zu den Angehörigen. Er erinnert an die Fehler und Pannen, die dazu geführt hatten, dass der Attentäter ungestört seine Tat umsetzen konnte. Und sagt ganz deutlich: „Als Regierender Bürgermeister bitte ich Sie für diese Fehler um Verzeihung.“

Die Initiative „Berlin gegen Islamismus“ demonstriert derweil auf dem Kurfürstendamm. Ihre Unterstützer, zu denen auch die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer gehört, finden es anstößig, dass am Gedenkort nicht explizit daran erinnert wird, dass die Tat von einem Islamisten ausgeübt wurde. Vor dem Zoopalast steht die Linke und macht sich für ein „Berlin der Anteilnahme, Solidarität und des Miteinanders“ stark. Und rechtsradikale Gruppierungen hatten in der Tauentzienstraße eine Demo unter dem Motto „Grenzen schließen, nicht die Weihnachtsmärkte“ angemeldet.

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