Eric Gauthier mit seinen Eltern, die aus Kanada angereist sind. Noch mehr Fotos von der großen Geburtstagsparty nach der Premiere im Theaterhaus in unserer Bildergalerie. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Wie sie ihn alle lieben! Eric Gauthier hat im Theaterhaus mit Ballettprominenz und Sponsoren den zehnten Geburtstag seiner Kompanie gefeiert. „Big Fat Ten“ ist der deftige Programmtitel. Mit einem eigenen Tanzhaus auf dem Pragsattel soll es noch dicker kommen.

Stuttgart - In dieser langen Premierennacht läuft alles wie geschmiert – bei Eric Gauthier ist dies so üblich. Selbst die Gäste der After-Show-Party im Foyer des Theaterhauses bekommen was zum Schmieren. In der Give-away-Tüte am Ausgang befindet sich eine Handcreme. Aufschrift: „Zieht schnell ein.“

Wenn Sponsoren, mag man fürchten, bei der Jubiläumsfeier eines Ballettensembles so präsent sind, dauert es nicht lang, bis die Tänzer mit Firmenlogos auf nacktem Oberkörper auftreten. Dabei ist das schnelle Einziehen, das die verschenkte Naturkosmetik verheißt, eine treffende Beschreibung für „Big Fat Ten“, für die Produktion zum zehnten Geburtstag von Gauthier Dance. Vieles von dem, was auf die Bühne kommt, zieht tief ein, dringt rasch bis ins Herz und Hirn der Zuschauer.

In den besten Momenten dieser bejubelten Aufführung hältst du den Atem an und glaubst, dich in dem Tanz selbst zu sehen: in deinen Träumen, deinem Stolz, deinen Begierden, deinen Irrtümern.

Mit dem ewigen Charme eines großen Jungen

Die ersten Jahre, sagt der Ballettdirektor mit dem ewigen Charme eines großen Jungen dem Publikum vorab, habe man die „sunny side“, die Sonnenseite des Balletts, zeigen wollen, um neue Zuschauer für den Tanz zu gewinnen. Sponsoren sonnen sich gern im Glanz des Erfolgs.

Bei der Premierenparty hat man für die Firmenchefs und ihre Gäste wahre Häppchen-Türme auf die Stehtische gestellt. Schampuskorken knallen. Unsereins zahlt sein Bier selbst. Aber unsereins macht auch keine riesige Summen locker, um den Millionenbedarf von Gauthier Dance zu erfüllen. Vom Elf-Millionen-Euro-Etat des Theaterhauses beanspruchen die Tänzer 2,5 Millionen. Das ist noch lange nicht alles. Auf dem Parkplatz hinterm Gebäude soll ein Tanzhaus entstehen. Das Theaterhaus hat keine Oberbühne, nur eine kleine Seitenbühne und keinen Platz für Live-Musik. Von einem eigenen Domizil erhofft sich der Kanadier mehr Vorstellungen und bessere Arbeitsbedingungen. Dann werde es endlich leichter, an Karten zu kommen.

Vergnügt stehen die Freikartengäste an Stehtischen. Es fallen Worte wie „Wahnsinn“, womit die Vorstellung gemeint ist. Und man hört, was etliche besonders beschäftigt. „Muss man das verstehen?“, fragt eine Frau. Es geht um die Eröffnungschoreografie der superfetten Zehn, bei der sich ein von einer Frau gespielter Faun ein Horn an den Unterleib schnallt, um ihn als Phallus zu nutzen und Lichtstrahlen zu pene­trieren. „Das les ich im Programmheft nach“, sagt ihr Gegenüber. Ein Gück: Für jede Unklarheit gibt’s was zum Nachblättern.

Bei der Party begrüßt Eric zuerst seine Eltern

Zwei Ballettlegenden sind begeistert. Hans van Manen, 84, einer der berühmtesten Choreografen der Welt, und Egon Madsen, 74, der legendäre Cranko-Solist, verneigen sich vor dem mit 39 Jahren vergleichsweisen jungen Kollegen Gauthier. Tamas Detrich, 56, der Nachfolger von Reid Anderson, 67, als Chef des Stuttgarter Balletts wird, findet den Abend „großartig“. Es freut ihn, dass Stuttgart zweifach Spitze beim Tanz ist.

Jason Reilly, Kammertänzer des Stuttgarter Balletts und Erics bester Freund, hat jede Premiere von Gauthier Dance besucht. Tief bewegt ist er auch an diesem Abend, auch seine schwangere Verlobte, die Erste Solistin Anna Osadcenko, schwärmt. Außerdem gesehen: die Schauspielerin Hannah Herzsprung, den Schauspieler Walter Sittler und seine Frau, die Filmemacherin Sigrid Klausmann, Renitenztheater-Intendant Sebastian Weingarten, Varieté-Chefin Gabriele Frenzel, Wirtin Laura Halding-Hoppenheit, Breuninger-Chef Willy Oergel, Wittwer-Geschäftsführer Rainer Bartle, die Bürgermeister Werner Wölfle und Fabian Mayer, OB-Gattin Waltraud Ulshöfer.

Und dann schlendert der Hochgelobte in den abgesperrten Teil des Foyers zur After-Show-Party hinein. Eine dicke Tasche hat Eric umgehängt, als gehe er auf Reisen. Damit steuert er erst mal seine Eltern an, die aus Kanada angereist sind. Auf die Jubiläumspremiere haben sie sich gefreut, aber ebenso auf die drei Enkelkinder, auf die Sprösslinge ihres Sohnes. Ohne Scheinwerferlicht fällt der ganz in Schwarz gekleidete Chef eines 16-köpfigen Spitzenensembles kaum auf. Nicht einen bösen Verriss hat er in den vergangenen zehn Jahren lesen müssen, sagt seine Sprecherin Nicole Steller. So ein Pech! Er muss an Erfolgen reifen, und das ist viel schwieriger als an Niederlagen.

Die Landtagspräsidentin ist ein Fan von Gauthier

Alle lieben Eric. Landtagspräsidentin Muhterem Aras hat eine Vermutung, warum dies so ist. „Er geht auf alle zu“, sagt die Grüne, „wer ihn zuvor selten getroffen hat und mit ihm redet, glaubt, schon lange mit ihm befreundet zu sein.“

Gauthiers Verdienst ist es, dass die einen den Tanz mit neuen Augen sehen und die anderen den Tanz erst entdecken. Auf der Handcreme, die jeder VIP-Gast mit nach Hause nehmen darf, steht außer „Zieht schnell ein“ noch was: „Schützende Pflege.“

Gauthier Dance ist ein Schatz, der Schutz braucht und Pflege. Wenn die Zuschauer weiterhin strömen und die Finanzierung des Tanzhauses steht, endet die Erfolgsgeschichte wohl nie. Auf dass Eric eines Tages selbst als 84-Jähriger wie der große Hans van Maden auf den Nachwuchs verdammt stolz sein wird. Ob er selbst dann noch lausbübisch ist?

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