Reinhold Würth hat eine umfangreiche Kunstsammlung und zahlreiche eigene Museen. Foto: dpa/Patrick Seeger

Reinhold Würth hat in Künzelsau einen Weltkonzern geschmiedet. Offiziell hat er sich zwar schon lange aus dem Tagesgeschäft verabschiedet. Doch auch mit 85 Jahren ist er noch kräftig dabei.

Stuttgart - Gefeiert wird im denkbar kleinsten Kreis. Auf seinem Schloss Hermersberg bei Künzelsau nimmt Reinhold Würth persönlich nur die Glückwünsche seiner Frau Carmen entgegen. Bei seinem vergangenen runden Geburtstag konnte er noch 500 geladene Gäste begrüßen. Doch im Zeichen des Coronavirus ist eben alles anders. Das gilt nicht nur für die Familienfeier, sondern auch für die wirtschaftliche Entwicklung beim weltweit größten Händler für Schrauben und andere Befestigungselemente: In manchen Ländern ging der Verkauf drastisch zurück, weil die Vertreter die Kunden nicht mehr besuchen konnten. Im elektronischen Handel dagegen gebe es Zuwächse um mehr als zehn Prozent, berichtet Würth. So wie jetzt im Internet, wuchs das Unternehmen fast stetig während der vergangenen Jahrzehnte. Aus dem Kleinbetrieb in der Künzelsauer Schlossmühle ist inzwischen eine Gruppe mit 78 000 Beschäftigten und einem Umsatz von mehr als 14 Milliarden Euro geworden.

 

Der Anfang war für Reinhold Würth alles andere als einfach, aber schien schnell Erfolg versprechend. „Den 16 Jahre alten Bubi haben die Kunden nur schmunzelnd ernst genommen“, erinnert er sich. Damals half er noch seinem Vater, musste auch „Päckchen sortieren, während meine Schulkameraden ins Freibad am Kocher gingen“. Schon wenige Jahre später schlägt das Schicksal zu: Der Vater stirbt überraschend, im Alter von 19 Jahren muss Reinhold Würth 1954 den Betrieb übernehmen.

Arbeit trägt Früchte

Natürlich hatte der Junge auch Glück – in der Nachkriegszeit wurden im Zeichen des Wirtschaftswunders immer mehr Schrauben gebraucht. Und dabei hat eingeschlagen, was er sich zum Motto gemacht hatte: zu den Kunden hinfahren, nicht zu warten, bis diese sich melden. Wer auf der Matte steht, verkauft seine Schrauben leichter. Die Schrauben brachten Milliarden, heute kann der einflussreichste Unternehmer Hohenlohes nicht nur über seine Familienstiftungen einen Weltkonzern steuern. Er ist zum Schlossherrn geworden und kann mit seiner 85 Meter langen Jacht über die Weltmeere schippern. Darüber zu reden, das ist für ihn kein Problem: „Ich habe noch nie etwas verprasst“, meint er. Er habe das Unternehmen groß gemacht, und da dürfe er sich doch auch etwas Luxus leisten. Schließlich habe er „zwei Arbeitsleben“ hinter sich: „Meine Arbeitszeit dauerte oft zehn bis zwölf Stunden am Tag.“ An seiner Seite hatte er dabei langjährige Vertraute, gerne aus Hohenlohe.

Die Sache mit dem Leiterwagen

Nicht bei diesen, wohl aber bei etlichen Mitarbeitern wuchs angesichts des unaufhaltsamen Aufschwungs auch ein bisschen die Arroganz. Für den Firmenchef war das im Jahr 1993 Grund genug, an einem eiskalten Wintertag mit Managern und Lehrlingen ein Leiterwägelchen durch Künzelsau zu ziehen – die Botschaft lautete: Seht, so habe ich angefangen. Der Leiterwagen war keineswegs nur Reminiszenz an vergangene Zeiten, sondern Mahnung für Gegenwart und Zukunft: Vor allem bei jüngeren Mitarbeitern habe er „manchmal die Demut vermisst“, sagte er damals.

Würth gibt sich freundlich und umgänglich mit seinen Mitarbeitern. Glaubt er aber, dass Dinge aus dem Ruder laufen könnten, greift er durch – etwa wenn sich seiner Ansicht nach zu viele Mitarbeiter auf einer Messe tummeln. Dann wird schon mal ein Brandbrief geschrieben. Und die Beschäftigten wurden auch schon aufgefordert, ihre Dienstwagen bitte nicht während der Arbeitszeit aufzutanken. Dem Außendienst hat er Anfang des Jahrhunderts auch einmal die Laptops weggenommen. Die Vertreter, so seine Aufforderung, sollten dem Kunden ins Auge schauen – nicht diesen durch Herumfingern auf ihrer Tastatur langweilen.

Hohenlohe bleibt die Heimat

Würth besitzt neben der deutschen auch die österreichische Staatsbürgerschaft, hat einen Wohnsitz in Salzburg. Nach einem Steuerstrafverfahren 2008 akzeptierte er schließlich einen Strafbefehl, um, wie er sagt, weiteren Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. Heute sieht er es als falsch an, dass er die Sache nicht durchgefochten habe, ist er doch immer noch von seiner Unschuld überzeugt. Damals ging das Gerücht um, Reinhold Würth drohe mit dem Abzug ins Ausland. Doch inzwischen hat er wohl seinen inneren Frieden mit der Angelegenheit gemacht. In Salzburg gefällt es ihm, aber Hohenlohe blieb seine Heimat: „Ich bin in Öhringen geboren, habe mein Leben lang in Hohenlohe gelebt und fühle mich hier auch ganz wohl.“

Das heißt bei ihm aber nicht, sich abzufinden mit dem, was er vorfindet. „Ich wollte schon immer wissen, was hinter dem Berg kommt“, hat er einmal gesagt. Auch Neugierde war ein Antrieb – einer, der auch dazu führte, dass Würth heute mehr als ein Schraubenhändler ist: Der Konzern verkauft Elektrowerkzeuge, stellt Leiterplatten her, gehört zu den größten europäischen Elektrogroßhändlern und besitzt außerdem ein Bankhaus am Bodensee.

Betriebsrat im Mutterhaus

Offiziell hat sich Reinhold Würth schon mit 58 Jahren aus dem Tagesgeschäft verabschiedet, also vor fast 30 Jahren. Dies tat er nicht, weil es ihm lästig geworden wäre, aber, so sagte er einmal, „ich habe schon viele Unternehmen gesehen, die untergingen, weil der Chef nicht loslassen konnte“. Und der Abschied war auch nur ein kleiner. „Ich glaube, ich habe mich dann ein wenig eingemischt, das Management war manchmal anderer Ansicht“, kalauerte er vor einigen Jahren. Tägliche Umsatzmeldungen lässt er sich zwar nicht mehr vorlegen, aber „einmal im Monat gibt es eine Sitzung, bei der ich dabei bin, und jeder freut sich, wenn ich dann komme und meine Vorschläge mache“, erzählt der Firmenpatriarch. Und er setzt hinzu: „Entscheiden tut aber das aktive Management.“ Man darf vermuten, dass dieses zumindest bei größeren Vorhaben auch genau weiß, was Reinhold Würth will.

Ob er wirklich wollte, was 2019 geschah, wissen sicher nur wenige. Im Oktober wurde bei der Muttergesellschaft, der Adolf Würth GmbH, erstmals ein Betriebsrat gewählt. Zufrieden ist Würth damit, dass dieser sich „etwa zur Hälfte“ aus Mitgliedern seines jahrzehntelangen „Vertrauensrats“ zusammensetzt. Und außerdem habe seine Gruppe immer wieder Unternehmen mit Betriebsräten gekauft, Probleme habe es nie gegeben.

Päckchenschieben mit den Enkeln

„In 70 Berufsjahren“ habe er „sehr viel Wohlwollen erlebt“, davon habe er immer auch etwas wieder zurückgeben wollen, sagt er zu seinem umfangreichen Mäzenatentum. Würth unterstützt soziale Einrichtungen, ist aber auch Kunstmäzen in großem Stil. Im Verwaltungsgebäude in Künzelsau hängen Kunstwerke, in der Schwäbisch Haller Johanniterkirche wird eine Sammlung alter Meister präsentiert, in 100 Museen in aller Welt hängen Leihgaben. Den Kaufmann leugnet er beim Blick auf die Kunst keineswegs. „Es ist eine gute Reklame, wenn bei einer Ausstellung in Sydney oder Paris ‚Würth‘ als Leihgeber steht.“

Langweilig jedenfalls wird es Würth nicht. „Noch heute sitze ich oft bis zehn oder elf Uhr abends in meiner Lesestube und diktiere Briefe“, sagt er, „außerdem lese ich mehrere Tageszeitungen und habe auch eine App.“ Und inzwischen drei Urenkel. Für die Generation der Enkel gibt es jedes Jahr eine Veranstaltung. „Letztes Jahr waren wir im Lager, da habe ich auch mitgearbeitet, um den Enkeln zu zeigen, was es heißt, 20 Kilogramm schwere Pakete rumzuschieben.“ Der Hohenloher „Bubi“, der schon mit früh mit angepackt hat, wird an diesem Montag 85 Jahre alt.