Damit Hebammen gute Arbeit leisten können, brauchen sie gute Bedingungen, fordert ihr Berufsverband. Im Kreis Ludwigsburg findet etwa ein Drittel der jungen Mütter keine Geburtshelferin.
Kreis Ludwigsburg - „An alle Schwangeren: Meine Kapazitäten sind belegt. Ich kann leider erst wieder Geburtsvorbereitungskurse, Rückbildungskurse und Wochenbettbetreuung für Frauen mit Endtermin ab 20. Juli 2020 anbieten.“ Automatisierte Antworten wie diese bekommen Frauen auf Hebammensuche nicht nur bei Irmfriede Pilz-Buob aus Ludwigsburg.
„Die meisten von uns sind bis zum Sommer 2020 ausgebucht“, berichtet Christel Scheichenbauer. Die Benningerin ist Vize-Vorsitzende des Hebammenverbandes Baden-Württemberg. „Nach Erfahrungen der Kolleginnen im Kreißsaal findet im Kreis Ludwigsburg gefühlt ein Drittel der Frauen keine Hebamme“, sagt sie. „Belegt ist das nicht, aber ich halte die Zahl für realistisch.“ Die in Ludwigsburg und Umgebung praktizierende Geburtshelferin hat oft sogar verzweifelte Frauen aus Nachbarkreisen am Telefon. Besonders hart treffe es diejenigen, die nach der zwölften Schwangerschaftswoche zu suchen begännen, bereits schwanger neu zuzögen oder denen Sprachkenntnisse fehlten.
In manchen Kommunen gibt es gar keine Hebamme mehr
Zwar ist der Hebammenmangel noch nicht so groß wie in Regionen, in denen ganze Geburtsstationen geschlossen werden müssen. Doch auch in den Kreißsälen in Ludwigsburg und in Bietigheim-Bissingen sei der Betrieb angesichts von unbesetzten Stellen, Krankheit, Urlaub oder schwangeren Personals oft nur mit Überstunden zu wuppen, „und wenn man ständig über das Limit hinaus arbeitet, ist das wiederum Nährboden für Krankheit.“
An freiberuflichen Hebammen für die Vorsorge und für die Betreuung nach der Geburt mangelt es vor allem in den westlichen Randbezirken des Landkreises und Richtung Zabergäu, berichtet Scheichenbauer. Im Bottwartal sei die Lage ebenfalls prekär gewesen, „zum Glück sind dort aber jetzt zwei junge Kolleginnen.“ In manchen Kommunen hingegen gibt es gar keine Hebamme mehr.
Lieber hinter der Supermarktkasse
Der Verband zählt im Landkreis 78 Geburtshelferinnen. Doch das Kreisgebiet sei sehr groß, und die Zahl der Hebammen nicht repräsentativ für den Versorgungsgrad, „weil viele nur einen kleinen Aspekt des ganzen Betreuungsbogens anbieten, und das oft auch nicht in Vollzeit“ sagt Scheichenbauer. Und immer wieder stiegen junge Kolleginnen, die motiviert gestartet seien, aus und verdingten sich hinter Ladenkassen oder an Brötchentheken. Mit kleinen Kindern und Familie könne man die freiberufliche Tätigkeit meist weder in Einklang bringen noch sie finanzieren: „Miete für Räume, Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge, Betreuung für die eigenen Kinder: Das können junge Hebammen kaum stemmen.“ Christel Scheichenbauer kann verstehen, dass sich manche lieber für ein berufsfremdes Angestelltenverhältnis, geregelte Arbeitszeiten und freie Wochenenden entscheiden.
Die Rahmenbedingungen müssten dringend verbessert werden, meint sie klipp und klar, „damit Kolleginnen wieder in den Beruf zurückgehen“. Immerhin sei das vor wenigen Jahren noch gravierende Problem der immens hohen Haftpflichtversicherungskosten für Hebammen mit Geburtshilfe mittlerweile abgefedert: Wer die Haftpflichtprämie nicht erwirtschaftet, kann einen sogenannten Sicherstellungszuschlag beim Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen beantragen, muss aber in Vorleistung gehen.
Weitere Engpässe sind zu befürchten
Aktuell ist drängendste Frage, wie die Akademisierung der Ausbildung, die der Verband ausdrücklich begrüßt, adäquat umgesetzt werden soll. In den anderen EU-Ländern findet die Hebammenausbildung bereits an Hochschulen statt, laut EU-Richtlinie muss das auch in Deutschland bis Anfang 2020 passieren. „Es stehen aber noch nicht mal alle Studien-Standorte fest“, moniert Scheichenbauer. Sie fürchtet, dass diese Situation in ihrem Berufsstand zu weiteren Engpässen führt.