Fast jede dritte Entbindung in Deutschland ist ein Kaiserschnitt. Medizinisch notwendig wären nur zehn bis fünfzehn Prozent, meint die Weltgesundheitsorganisation. Foto: dpa-Zentralbild

Die Grünen wollen die Zahl der Kaiserschnitte senken und dabei das Vergütungsystem ändern. Die TK findet das gut.

Berlin - Die absolute Zahl der Kaiserschnitte steigt auch in Deutschland kontinuierlich an und erreichte 2015 mit 222 919 einen Höchststand. Die Grünen-Bundestagsfraktion will das ändern. Sie hat gerade ein es Positionspapier rund um das Thema Geburtshilfe verabschiedet. Die Grünen fordern darin eine Verpflichtung für Kliniken, „ihre Kaiserschnittraten und gegebenenfalls die von ihnen ergriffenen Maßnahmen zur Senkung“ zu veröffentlichen. Bei Bedarf sollen die zuständigen Landesbehörden mit den Kliniken „Maßnahmen vereinbaren, um die Ergebnisse zu verbessern.“

Tatsächlich lag der Anteil der Kaiserschnitte bei allen Geburten in Deutschland im Jahre 1991 noch bei 15 Prozent, in 2015 aber schon bei 31,1 Prozent. Damit liegt Deutschland über dem EU-Schnitt und weit über dem der Niederlanden und den skaninavischen Ländern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht keine Rechtfertigung für eine Rate oberhalb von 10 bis 15 Prozent. Baden-Württemberg nimmt in Deutschland zwar nicht die Spitzenstellung ein. Die wird erstaunlicherweise konstant vom Saarland gehalten – im Jahre 2015 mit 38,5 Prozent. Aber der Südwesten liegt ebenso konstant über dem Bundeschnitt: 2015 wurden hier 31,7 Prozent aller Entbindungen per Kaiserschnitt durchgeführt.

Im Osten ist die rate niedriger

Gesundheitsforscher rätseln über die Ursachen dieser Entwicklung, denn es gibt merkwürdige Phänomene. Warum liegt die Rate in Sachsen immer am niedrigsten, 2015 bei 24 Prozent und im Saarland am höchsten? Warum liegen die Kreise mit sehr hoher Kaiserschnittrate überwiegend in Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz und die Kreise mit den niedrigsten Quoten fast durchweg im Osten? Es gibt Erklärungsversuche, die nicht weiter brisant sind. Es wird auf das statistisch steigende Geburtsgewicht von Säuglingen hingewiesen, auf vermehrte Zwillingsgeburten oder ein allgemein veränderte Einstellung der Eltern zur Geburt und Schmerzen.

Es gibt aber auch wesentlich heiklere Erklärungen. Der Deutsche Hebammenverband sagte unserer Zeitung, man sehe die Ursachen vor allem in der „zunehmenden Arbeitsbelastung bei immer weniger Personal in den Kreißsälen, einen Verlust von Wissen über die normale Geburt sowie die steigende Angst vor Fehlern in der Geburtshilfe“. Auch die Grünen weisen darauf hin, dass „die Kaiserschnittrate in kleineren Kliniken und Belegabteilungen höher als in großen Einrichtungen“ sei. Insbesondere aufgrund des Personalmangels würden hier „nachts oder am Wochenende häufiger Kaiserschnitte durchgeführt“. Kaiserschnitt, weil es praktischer für die Klinik ist?

Immer mehr ungeplante Kaiserschnitte

Das wäre brisant genug. Politisch noch relevanter ist ein anderer Aspekt: Kaiserschnitte sind für Kliniken attraktiv, weil sie höher vergütet werden. Setzt das Vergütungssystem also falsche Anreize? Befeuert wird diese Debatte durch die Techniker-Krankenkasse (TK). Die weist darauf hin, dass es bei den Kaiserschnitten noch eine vergütungsrelevante Differenzierung gibt: nicht geplante Kaiserschnitte („sekundäre sectio“), etwa nach Komplikationen, werden höher vergütet als geplante Kaiserschnitte. Das war nicht immer so, sondern gilt seit einer Abrechnungsänderung seit Januar 2010. Das wisschenschaftliche Institut der TK hat in einer Studie gezeigt, wie sich das im Bereich der TK-Patienten ausgewirkt hat. Das Ergebnis: Waren etwa 2008 noch 51,4 Prozent der Kaiserschnitte geplant, steigt der Anteil der ungeplanten Kaiserschnitte ab 2010 kontinuierlich an und lag in 2014 bei rund 55,7 Prozent.

Diese Entwicklung ist nach Recherchen unserer Zeitung nicht auf die TK begrenzt. bei den baden-württembergischen AOK-Patienten lag das Verhältnis von geplanten zu ungeplanten Kaiserschnitten im Jahre 2008 bei 53,86 (geplant) zu 46,14 (ungeplant) Prozent. Ab 2010 gab es eine Tendenzukehr und 2015 war das Verhältnis zugunsten der besser abgerechneten Kaiserschnitte schon fast genau umgekehrt. Das entspricht der bundesweiten Entwicklung. Wie ist das alles zu interpretieren? Andreas Meusch, der Direktor des Wissenschaftlichen Instituts der TK, ist da ganz deutlich: „Es liegt nahe, dass es sich nicht nur um einen zahlenmäßigen, sondern auch um einen ursächlichen Zusammenhang handelt.“

Werden also spontane Entbindungen in den Kliniken zu oft mit Kaiserschnitten beendet, weil es sich einfach lohnt? So weit geht (noch) nicht jeder. Ein Sprecher der Südwest-AOK sagt, der Anteil der Kaiserschnitte, die nach Einsetzen der Eröffnungswehen eingeleitet werden, sei zwar seit 2010 leicht gestiegen. Über die Ursachen lasse sich aber nur spekulieren. Auch der Hebammen-Verband ist vorsichtig: Dort heißt es: „Ein Zusammenhang zwischen Vergütung und dem Anstieg ist aus den uns vorliegenden Informationen so nicht beweisbar.“ Die Grünen sind da forscher. Sie verlangen in ihrem Papier das Beseitigen „von Fehlanreizen zugunsten von Kaiserschnittgeburten“. Deshalb soll die Vergütung von Spontanentbindungen angehoben und an die für Kaiserschnitte angeglichen werden.“

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