Der Gebrauchtwagenmarkt ist im Kreis Esslingen leer gefegt. Das wirkt sich auch auf die Preise aus. Nach Ansicht von Experten könnte sich die Lage erst Mitte nächsten Jahres entspannen. Ob die Autos dann wieder billiger werden, ist aber fraglich.
Die Familienkutsche ist in die Jahre gekommen und sollte ersetzt werden, ein Baby vergrößert den Platzbedarf auf vier Rädern, eine Studentin benötigt den fahrbaren Untersatz für den Weg zur Universität: Wer sich jetzt nach einem Gebrauchtwagen umsieht, hat schlechte Karten. Und nach günstigen Wagen zu schauen, scheint erst recht aussichtslos zu sein.
Roland Battke sucht seit geraumer Zeit einen guten Gebrauchten. Sein alter VW hat 350 000 Kilometer auf dem Tacho. Noch fährt er, aber manchmal springt er schwer an und Battke hat schon etliche Tausender in die Reparatur gesteckt. Seine Werkstatt habe ihm geraten, nach einem anderen Auto zu schauen. Nur wie vorgehen? Ein neues Auto will sich Battke nicht leisten – zu teuer und zu lange Lieferzeiten. Also sollte es ein Gebrauchter sein. „Ich klappere im Internet Portale ab, weil mir Händler hierzulande keine guten Angebote machen können“, klagt Battke, der sich das viel einfacher vorgestellt hat. „Die Gebrauchten sind allgemein sehr teuer, größere Modelle kaum zu bekommen“, sagt er.
Corona verstärkt den Drang zur Mobilität
Den Eindruck bestätigt Frank Mulfinger: „Family-Vans wie der Opel Zafira oder wie der Renault Kangoo gibt es derzeit einfach nicht.“ Die großräumigeren Autos sind in den vergangenen Jahren zu den begehrten Modellen geworden – neu wie gebracht. Und die sind jetzt erst recht Mangelware. Mulfinger ist bei Opel Staiger in Esslingen für den Verkauf von Gebrauchtwagen zuständig. Er blickt auf einen Ausstellungsraum und ein Parkdeck, auf dem in normalen Zeiten bis zu 120 Gebrauchte verschiedener Marken auf Käufer warteten. Jetzt sind es bestenfalls 90 Autos. Der Mangel zieht sich laut Mulfinger durch alle Marken und Modelle. Kleine Unterschiede gibt es. Dieselfahrzeuge sind eher zu haben als Benziner.
Der Mangel an Gebrauchtfahrzeugen bildet das Ende einer Kette von Ereignissen in den vergangenen Jahren. „Fehlende Gebrauchtwagen sind die fehlenden Neuwagen von vor ein paar Jahren“, sagt Martin Enderlein, Pressesprecher der Deutsche Automobil Treuhand (DAT) und nennt Zahlen: „Im Jahr 2020 sind 30 Prozent weniger Neuwagen angemeldet worden als im Jahr zuvor, im Jahr 2021 waren es noch mal zwölf Prozent weniger.“ Das seien die jungen Gebrauchten, Jahreswagen und Werksdienstfahrzeuge sowie Leasing-Rückläufer, die jetzt fehlten. Gab es früher eine Pkw-Überproduktion und ein Überangebot an Gebrauchtwagen, so ist es heute umgekehrt. „Wir haben die Situation, dass mehr Menschen auf ein kleineres Angebot zugreifen“, sagt Endlein weiter. Corona habe den Drang nach Mobilität verstärkt, die Lust öffentlich zu reisen aber gemindert. So rückte das Auto vor allem bei Privatleuten in den Vordergrund. „20 Prozent des Autokaufs sind familiär bedingt“, sagt Endlein.
Reparaturwerkstätten haben voll Auftragsbücher
Elektrisch betriebene Autos spielen auf dem Gebrauchtwagenmarkt keine Rolle. Zum einen gibt es weniger E-Autos. Zum anderen hat der typische Gebrauchtwagenkäufer eher keine Garage und damit auch keine einfache Möglichkeit zum Aufladen. Auch die Lade-Infrastruktur lasse zu wünschen übrig, wie Endlein sagt: Auf eine Ladestation kämen rund 250 E-Autos. Auch gestiegene Preise spielen eine Rolle: Die Gebrauchtwagenplattform mobile.de schreibt in ihrem „Autobarometer“, dass die Preise innerhalb eines Jahres um knapp 27 Prozent gestiegen sind – das sei ein absoluter Höchstwert.
Wer jetzt auf das Auto angewiesen ist – und das sind laut DAT rund 79 Prozent der Pkw-Besitzer – der pflegt seinen alten Wagen, lässt ihn gegebenenfalls reparieren und wartet erst einmal ab.
Das merken auch Kfz-Werkstätten: Holger Keck, der in Esslingen eine Tankstelle mit Werkstatt betreibt, bestätigt den Trend. „Ich schätze, wir haben etwa 20 bis 25 Prozent mehr Reparaturaufträge. Die Kunden lassen allerdings ausschließlich sicherheitsrelevante Mängel beheben wie Bremsen, Stoßdämpfer und so weiter. Schönheitsreparaturen eher nicht.“
Fragt man beim Branchenkenner DAT nach einer Prognose, so will Martin Enderlein nicht viel Hoffnung machen. „Eigentlich dachten wir, dass sich die Situation Mitte dieses Jahres entspannen und normalisieren würde. Aber beruhigen wird sich der Markt wohl erst Mitte 2023.“ Ob dann die Preise wieder sinken, bleibt fraglich. Frank Mulfinger glaubt das nicht.
Carsharing, Reimporte oder ein Auto-Abo
Verkauf
Die Hälfte aller Gebrauchtwagenverkäufe sind Herstellerverkäufe, ein Drittel wird von privat zu privat abgewickelt, und der Rest läuft über freie Gebrauchtwagenhändler.
Hersteller
Laut Manuel Kallweit, Leiter Economic Intelligence und Volkswirtschaft beim Verband der Automobilindustrie (VDA), stehen zurzeit etwa zwölf Prozent der weltweit verfügbaren Containerschiffe und damit doppelt so viel wie vor Corona im Stau und beeinträchtigen die Lieferketten dadurch massiv.
Auto-Abo
Wer nicht ewig auf einen guten Gebrauchten warten will, hat laut ADAC ein paar Möglichkeiten, mobil zu bleiben. Für Wenigfahrer könnte Car-Sharing eine Alternative sein. Carsharing bieten auch verschiedene Hersteller ab Werk an. Man könne auch nach Reimporten schauen. Der ADAC bringt noch das Auto-Abo ins Spiel, eine Art Flatrate-Nutzung zu einer monatlichen Gebühr