So soll das innovative neue, nach Prinzipien des Gebäudetyps E geplante Bürogebäude von Drees & Sommer in Stuttgart aussehen. Foto: Drees & Sommer SE

Mutig – ein großes Bauvorhaben nach dem Prinzip des „Gebäudetyps E“ entsteht am Firmenhauptsitz des Beratungsunternehmens Drees & Sommer SE in Stuttgart-Vaihingen. Wie das funktionieren soll, erklärt Steffen Szeidl, einer von drei Vorständen bei Drees & Sommer.

Wer bauen will, muss lesen können: Aktuell existieren rund 20 000 baurelevante Normen, die es zu beachten gilt. Dass das zu viele sind, leuchtet inzwischen allgemein ein, vermutlich selbst jenen, die diese zum Teil absurden Normen immer noch nicht abgeschafft haben. Mit dem „Gebäudetyp E“, mit dem weniger Normen erfüllt werden müssen und den maßgeblich Architektinnen und Architekten erarbeitet haben, soll es besser werden – nachhaltiger und günstiger. Insbesondere die Abweichungen vom sogenannten „Stand der Technik“ sollen es möglich machen, dass Bauherr und Planer vereinbaren können, beim Bau von einem Typ-E-Gebäude von diesen Standards abzuweichen.

 

Kühner Plan von Drees & Sommer in der Stuttgarter Zentrale

Im Land Baden-Württemberg ist es erlaubt, wie und ob es in der Praxis bei der Abstimmung mit den Bauämtern funktioniert, wird sich zeigen. Jetzt schreitet mit einem großen Projekt das Beratungsunternehmen Drees & Sommer voran und plant das nach eigenen Angaben erste große Bürogebäude in Baden-Württemberg nach dem Prinzip des „Gebäudetyps E“ am Firmenhauptsitz in Stuttgart-Vaihingen.

Steffen Szeidl (44) verantwortet als CEO die Zukunftsthemen der Unternehmensgruppe wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und die internationale Ausrichtung des Unternehmens Drees & Sommer. Foto: Drees & Sommer SE/Tom Maurer Photography © 2020/ www.tommaurer.de

Deutschlandweit handelt es sich um den bisher größten Bürokomplex, bei dem der zukunftsgerichtete Ansatz verfolgt wird. Drees & Sommer-Vorstand Steffen Szeidl (44) sagt: „Mit dem Neubau wollen wir demonstrieren, was beim ökologischen Bauen machbar und wirtschaftlich ist.“ Wie das Projekt einfacher gebaut werden soll, erklärt Steffen Szeidl im Interview.

Herr Szeidl, wie groß soll das neue Gebäude werden und für wie viele Mitarbeiter wird es konzipiert?

Unser neues Gebäude THE NEW 22 ist als multifunktionaler Bau geplant, der allen 1200 Mitarbeitenden am Standort in Stuttgart offensteht, wobei etwa 300 neue Arbeitsplätze im Gebäude vorgesehen sind. Wir reagieren mit dem Neubau auf das Wachstum unseres Unternehmens. Der Neubau soll künftig nicht nur Büroflächen für Mitarbeitende bieten, sondern auch für Veranstaltungen, Kongresse und weitere Nutzungen auf dem Campus ausgelegt sein. Die Bruttogrundfläche beträgt knapp 10 000 Quadratmeter. Das Gebäude ist viergeschossig geplant.

Sie wollen einfacher bauen, Prinzipien des Gebäudetyps E anwenden, mit denen neue Gebäude einfacher und effizienter gebaut werden sollen. Warum und wie soll das funktionieren?

Der Gebäudetyp E könnte schon jetzt von jedem Bauherrn, von jedem Planer ohne Änderungen im Baugesetz oder im BGB angegangen werden. Wir sind schlicht und einfach auf einem Qualitätsniveau angelangt, das nicht mehr bezahlbar ist. Das heißt, wir müssen an Komfortstandards ran, von denen man als Planer ohne Probleme abweichen kann. Dabei herrscht ein Irrglaube, dass solche Themen immer in Berlin entschieden werden. Wenn wir uns das Bau- und Planungsrecht anschauen, geschieht dies weder auf Bundes- noch auf Landesebene, sondern am Schluss entscheiden die Kommunen über einen Bauantrag.

Oft scheitern die guten Vorsätze daran, dass Furcht vor späteren Rechtsstreitigkeiten herrscht. Bei Ihnen allerdings sind Bauherr, Planer und Nutzer identisch.

Wenn sich Bauherr, Planer und Bauunternehmen einigen, sind sie laut Vertragsrecht frei, Vereinbarungen zu treffen. Natürlich müssen Sicherheitsstandards etwa beim Brandschutz und der Statik eingehalten werden. Aber bei allem anderen kann man schon heute abweichen, insbesondere dann, wenn ein professioneller Bauherr beteiligt ist, der das mit den bauausführenden Firmen vereinbart.

Können Sie schon konkrete Maßnahmen des einfacheren Bauens bei THE NEW 22 nennen?

Durch die Anwendung des Ansatzes Gebäudetyp E wollen wir verschiedene Aspekte des Bauens experimenteller, einfacher und auch ökologischer gestalten. Ein konkretes Beispiel hierfür ist der Rückbau des derzeitigen Bestandsgebäudes Obere Waldplätze 22, kurz OWP 22, nach Urban-Mining-Prinzipien.

Das bedeutet?

THE NEW 22 ist ein Pilotvorhaben, wie sich bereits eingebaute Bauteile und Materialien wiederverwenden lassen. Da galten und gelten bislang sehr strenge Bestimmungen im Bereich Abfallverwertung, die eine Wiederverwendung sehr erschweren. Hier arbeiten wir mit der Stadt Stuttgart an konkreten Lösungen, die eine Wiederverwendung der Bauteile aus einem Bestandsgebäude vereinfachen. Nur wenn viele an einem Strang ziehen und Veränderungen wollen, kann einfaches, innovatives Bauen gelingen. Besonders hervorzuheben ist der konstruktive Dialog und die sehr gute Zusammenarbeit mit dem Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper und dem Bau- und Umweltbürgermeister Peter Pätzold.

Was machen Sie sonst noch anders?

Beim Neubauprojekt THE NEW 22 verfolgen wir das Ziel, die klassische Trennung der Gewerke aufzubrechen. Stattdessen setzen wir auf vollintegrierte Bauteile, die mehrere Funktionen in sich vereinen – etwa inklusive einer Kombination aus Akustikoptimierung und Kühlung. Bereits bei unserem vorangegangenen Neubauprojekt OWP 12 am Stuttgarter Campus haben wir gemeinsam mit Würth ein innovatives TGA-Modul entwickelt.

Und was kann dieses Modul?

Es integriert Heizung, Klimatisierung und Elektrotechnik in einem einzigen, vorgefertigten Bauteil. Das TGA-Modul wurde Just-in-Time auf die Baustelle geliefert und montiert. Diese modulare TGA-Bauweise fördert die Standardisierung von Bauprozessen und verspricht erhebliche Zeit- und Kostenersparnisse auf Baustellen. Zudem vermeiden wir auch bei THE NEW 22 gängige Standards wie mehrschichtige Boden- oder Wandaufbauten und arbeiten stattdessen mit rohen Materialien wie Sichtbeton.

Neu entwickeltes TGA-Modul, das Zeit und Kosten sparen soll. Foto: Adolf Würth GmbH & Co./Drees & Sommer SE

Ist auch an das Weiterleben des Gebäudes nach Nutzungsende gedacht?

Soweit es der aktuelle Stand von Technik, Materialverfügbarkeit und Regulatorik zulässt, setzen wir auf das Cradle-to-Cradle-Prinzip. Ziel ist es, ein Gebäude zu schaffen, dessen Materialien am Ende des Lebenszyklus so weit wie nur möglich wiederverwertet oder schadstofffrei in biologische oder technische Kreisläufe zurückgeführt werden können. THE NEW 22 wird darüber hinaus als Plusenergiehaus realisiert, das im Betrieb mehr Energie erzeugt, als es selbst verbraucht.

Was ist der aktuelle Planungsstand?

Die Leistungsphase eins ist abgeschlossen. Im ersten Quartal 2026 wollen wir mit dem Rückbau der bestehender Strukturen nach dem Urban Mining-Prinzip starten. Mit dem Neubau wollen wir dann ebenfalls im Jahr 2026 beginnen.

Und ist einfacher bauen auch günstiger?

Ziel ist es, trotz des experimentellen Charakters marktübliche Kosten für Bürogebäude zu erreichen. Konkrete Daten hierzu veröffentlichen wir nach Abschluss der Leistungsphase drei.

Info

Zur Person
Steffen Szeidl (44) ist seit 2015 einer von drei Vorständen von Drees & Sommer in Stuttgart. Der studierte Architekt (TU Darmstadt, ETH Zürich) startete 2006 in dem Stuttgarter Beratungsunternehmen und stieg rasch auf. Mit 34 Jahren wurde er 2015 bereits in den Vorstand berufen. Er baute den Schweizer Standort auf, der heute über 200 Mitarbeiter hat. Szeidl verantwortet als CEO die Zukunftsthemen der Unternehmensgruppe wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und die internationale Ausrichtung des Unternehmens.

Unternehmen
Derzeit betreuen mehr als 6000 Mitarbeitende von Drees & Sommer weltweit Bau-, Immobilien- und Infrastrukturprojekte.

Messlatte
Bereits beim benachbarten Leuchtturmprojekt auf dem Campus in Stuttgart-Vaihingen, dem 2021 fertiggestellten Neubau OWP12, hat das Unternehmen Maßstäbe gesetzt. Als Plusenergiehaus erzeugt das mehrfach ausgezeichnete Gebäude mehr Energie, als es verbraucht, unterstützt durch eine hochdämmende Fassadenkonstruktion, Photovoltaikanlagen und Geothermie. Die Grünfassade funktioniert sogar an der Nordseite des Gebäudes. Darüber hinaus orientiert sich die Materialauswahl am Cradle-to-Cradle-Prinzip, was eine hohe Kreislauffähigkeit und Schadstoffminimierung gewährleisten soll.