Gebäude aus der RAF-Zeit Stammheim ohne Terrorzeugnisse?

Von Josef Schunder 

Der Gerichtssaal in Stammheim ist noch fast so, wie er in den 1970er Jahren war Foto: dpa
Der Gerichtssaal in Stammheim ist noch fast so, wie er in den 1970er Jahren war Foto: dpa

Der Terror der Roten-Armee-Fraktion (RAF) wütete besonders im Südwesten. Stammheim wurde zum Symbol des Ringens zwischen Staat und Terroristen. In der dortigen Justizvollzugsanstalt wird immer mehr gebaut. Ob Erinnerungen an die Terrortage fortbestehen, ist noch nicht entschieden.

Stuttgart - Justizvollzugsanstalt Stammheim, siebter Stock des Hochhauses. Da sind die Zellen, auf die Ende der 1970er Jahre die Welt blickte. Wo die berühmt-berüchtigten Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Ulrike Meinhof als Untersuchungshäftlinge einsaßen – und wo sie starben. Die bauliche Zukunft dieses Hochhauses ist ungewiss. Immer noch.

Halbwegs sicher im einstigen „Hochsicherheitstrakt“ ist nur eines: Anfang 2016 will das Landesjustizministerium der Nutzung des Hochhauses ein Ende machen. Dann will man die U-Häftlinge, die zu dem Zeitpunkt dort einsitzen, in fünf neue Gebäude verlegen. Die entstehen zurzeit in der Nachbarschaft und sollen Ende 2015 fertig werden. Damit rückt die Frage, was aus dem Hochhaus mit den Zellen der Terroristen werden soll, immer mehr in den Blickpunkt.

Es gilt als Energieschleuder, als abrissbedroht, zumindest als sanierungsbedürftig. Doch der Abriss sei keineswegs schon beschlossen, sagt Steffen Ganninger, Pressesprecher von Landesjustizminister Rainer Stickelberger (SPD). „Noch ist unklar, was damit geschieht.“ Und ähnlich ist es im Fall des benachbarten, ebenfalls sanierungsbedürftigen Gerichtsgebäudes, in dem auch ein paar Unterkapitel bundesrepublikanischer Geschichte geschrieben wurden. Dort wurde den Terroristen der Prozess gemacht – und seither noch manches Verfahren gegen Mafiosi und ähnliche Kaliber abgewickelt.

Mit dem Bau des neuen Gerichtsgebäudes, das vom Oberlandesgericht Stuttgart für Verfahren gegen gefährliche oder gefährdete Angeklagte benötigt wird, ist noch nicht begonnen. Das werde, sagt Ganninger, „zeitnah geschehen“. Mitte 2017 solle das Gebäude fertig werden. Noch bleibt also Zeit, über das Schicksal des alten Gerichtssaals nachzudenken. Sollte es Museum werden?

Dass die RAF eng mit dem Südwesten verbunden ist, durch den die Terroristen ihre blutige Spur zogen, steht außer Frage. Ebenso die Symbolkraft des Namens Stammheim. Wer das Wort nennt, löst allein damit eine Kette von Erinnerungen aus: an eine Serie von Ereignissen, die die Republik zeitweise erschütterten. Und vor allem spricht man die Grundfrage an, wie der Staat der terroristischen Herausforderung begegnete – und wie er damit umgehen müsste.

Das stößt noch immer auf Interesse, sagt Thomas Schnabel, Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg. Zu dessen Ausstellung über die RAF kamen von Juni 2013 bis Ende Februar 2014 mehr als 60 000 Besucher. Die Auseinandersetzung mit der RAF dürfte auch weitergehen. Aber auch in Stammheim? Den Historiker und Museumsmacher Schnabel müsste es eigentlich ja reizen, am Originalort nachzuzeichnen, wie es in der vermeintlich strengen Haft wirklich zuging: Jeder Terrorist hatte seinen eigenen Fernseher, hat das Haus der Geschichte für die Ausstellung notiert. Acht Stunden täglich hätten sie bei offenen Zellentüren zusammenkommen dürfen. Wenn in den anderen Zellen um 22 Uhr die Lichter ausgingen, hätten die Terroristen weiterlesen dürfen. In den Regalen standen jede Menge Bücher.

Nach dem Suizid von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe, als ihre Freipressung durch Komplizen gescheitert war, wurden in den Zellen aber überall Pistolen und Kassiber gesucht. Heute existiere von den Zellen in der damaligen Form so gut wie nichts mehr, sagt Schnabel. Aber selbst wenn man sie noch herrichten könnte, wie sie damals waren, bliebe ein praktisches Problem: Zum siebten Stock des Hochhauses mitten im JVA-Gelände könnten Besucher gar nicht vordringen. Zumindest müsste der Rest des Hochhauses leer stehen und ein direkter Zugang von außen zum Hochhaus geschaffen werden. „Was Vernünftiges fällt mir dazu nicht ein“, sagt Schnabel. Zudem muss man sich fragen, ob so eine Museumszelle nicht wie eine Gedenkstätte für einen Terroristen wirken würde.

Deutlich einfacher, sagt Schnabel auf Anfrage, wäre das alte Gerichtsgebäude zu nutzen. Es steht am Rand des JVA-Geländes. Auch thematisch fände Schnabel so einen Ausstellungsort „deutlich reizvoller und spannender“. Der Gerichtssaal sei noch authentischer. Hier könnte man sie in musealer Form alle vorführen: die Terroristen und die Anwälte, die der Komplizenschaft mit ihren Mandaten verdächtig waren, und das Ringen um Rechtsstaatlichkeit im Umgang mit denen, die den Staat herausforderten.

Bleibt die Frage, ob so ein musealer Außenposten weit weg vom Stuttgarter Zentrum genug Besucher anziehen würde. Da hat Schnabel Zweifel. Außerdem dürfte sich das Verständnis der Bevölkerung in Stammheim, Grenzen halten. Schon so lang steht der Namen für die Terrorzeit .

Wie die Sache ausgeht, ist offen. Über das Schicksal der beiden Gebäude ist zwar noch nicht entschieden, aber das deutet nicht unbedingt auf eine Erhaltung hin. „Eine Option könnte es sein“, sagt Ministeriumssprecher Ganninger, „diverse Ausstattungsgegenstände aus dem alten Mehrzweckgebäude zu bewahren.“ Wo auch immer.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) tat jedenfalls gut daran, dass er Stammheim sicherheitshalber einen Besuch abstattete. Vor ein paar Wochen fuhr er mit Stickelberger von Stuttgart-Mitte nach Stammheim, um sich den siebten Stock des Hochhauses und das Gerichtsgebäude anzusehen. Gespräche mit Zeitzeugen vom Gericht, von der Bundesanwaltschaft und von der JVA halfen ihm, sich ein Bild von den Terrortagen zu machen. Das bleibt hängen, auch wenn die Gebäude verschwinden.

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