Wenn gelangweilte Götter Kriege anzetteln: Der israelisch-amerikanische Choreograf Barak Marshall studiert derzeit sein Ballett „Harry“ mit Gauthier Dance ein – ein Probenbesuch.
Die Stimmung ist gut im Proberaum von Gauthier Dance am Löwentor. Barak Marshall ist zu Gast, um sein Tanzstück „Harry“ einzustudieren, Premiere ist am 7. Mai. Es wird viel gelacht, der osteuropäische Swing, der aus den Boxen powert, fordert vom Tanz viel Energie und bekommt sie auch, wirbelnde Körper holen mit beiden Armen Schwung. Die Jungs, die kurze Hosen tragen, haben sich für Knieschoner entschieden – aus gutem Grund. Immer wieder gehen sie zu Boden, aber jeder mit einer starken Frau hinter sich. „Helft den Männern mit Nachdruck beim Aufstehen“, ermuntert sie der Choreograf, kräftig zuzupacken.
„Die neun Leben des Harry Fleischmann“ sollte sein Tanzstück ursprünglich heißen, erzählt Barak Marshall nach der Probe. Der fiktive Charakter mit viel schwarzem Humor habe schon ein Weilchen durch seine Fantasie gespukt, bevor er 2012 bei den Ballets Jazz de Montréal das Licht der Bühne erblickte. Der Titel erzählt fast schon den ganzen Plot: Harry ist ein Typ, der für die Liebe seines Lebens mehrfach sein Leben lässt.
Ein Abend allein für Barak Marshall
„Anthems“ heißt der Tanzabend, bei dem „Harry“ im Theaterhaus Stuttgart-Premiere feiert und der Barak Marshall gewidmet ist. Auch sein Colours-Beitrag „Barker“ ist zu sehen. Das für die Junioren und Turnhallen konzipierte Stück hat Barak Marshall für acht Tänzer erweitert. „Die Details sind wichtig, Mimik und Gestik müssen auch in der großen Theaterhaus-Halle funktionieren“, benennt der Choreograf die Herausforderungen.
Versteht er seine Stücke als Hymnen ans Leben, wie der Titel „Anthems“ andeutet? Auf die Frage, wie „Barker“ und „Harry“ zusammenpassen, antwortet Barak Marshall: „In beiden Stücken geht es ums Überleben. ,Barker‘ erzählt davon, wie man seine Stimme findet, um seine Freiheit einzufordern. ,Harry‘ handelt von der Gefahr, zu ängstlich zu sein. Im Zentrum steht ein Mann, der die Götter herausfordert und sich gegen ihre Regeln stellt. Ist er mutig oder dumm? Jeder, der sich nicht einschränken lassen will, trägt etwas von diesem Harry in sich“, sagt sein Erfinder.
„War-Section“ heißt die Sequenz , die geprobt wird. Das Video einer alten Aufführung hilft dabei; auf dem Bildschirm schlüpft gerade ein Tänzerpaar in die Rolle gelangweilter Götter: „Kannst du nicht einen kleinen Krieg für mich anzetteln?“, bettelt Hera bei Zeus. So fokussiert auf die Umsetzung von Bewegungen ist die Arbeit im Studio, dass Barak Marshall der Gegenwartsbezug seines Stücks im Gespräch fast überrascht. „Ja, stimmt, es ist sehr aktuell, wenn man sich die Grausamkeit und das Ego politischer Führer anschaut. Um an der Macht zu bleiben, beginnen sie Kriege und nehmen unzählige Tote in Kauf“, sagt der Choreograf mit amerikanischen und israelischen Wurzeln, die Namen von „Bibi“ Netanjahu, Trump, Putin fallen.
Zwei Wochen im Schutzraum in Tel Aviv
Mit den Folgen ist auch Barak Marshall konfrontiert; die Anstrengungen der letzten Wochen sind ihm allerdings nicht anzumerken. In Israel habe er sich zuletzt mit allem Notwendigen ausgerüstet, um auch mal zwei Wochen im Schutzraum bleiben zu können und vor allem nachts nicht mehr aus dem Schlaf geholt zu werden, berichtet er und sagt fast verwundert: „Sogar daran gewöhnt man sich.“
Er führt das Tanzerbe seiner Mutter in die Zukunft
In Tel Aviv leitet er in der Nachfolge seiner Mutter, der Tänzerin Margalit Oved, die Inbal Dance Company, die am Suzanne Delall Center beheimatet ist. „Ich will, dass diese Tradition lebendig bleibt. Im nächsten Jahr ist sogar eine Tournee geplant“, sagt Barak Marshall zu seinem Engagement. Im Februar ist seine Mutter im Alter von 96 Jahren in Los Angeles gestorben; bei der Rückreise nach Israel war der Choreograf mit dem Ausbruch des Irankriegs konfrontiert und fürchtet Auswirkungen auch auf die Kultur. „Dieser Krieg ist für alle Seiten eine Tragödie, die überhaupt keinen Sinn ergibt“, so Barak Marshall.
„Harry“ tanzt zwischen zwei Weltkriegen. „Es war eine verrückte Zeit, als die alte Garde stürzte, es einen Moment Frieden und Hoffnung auf eine Zukunft gab, aber sich die nächste Katastrophe schon ankündigte“, ordnet Barak Marshall sein Stück ein, nennt den Maler Otto Dix als eine Inspiration. Für die Kostüme vermisst er die Zusammenarbeit mit der im letzten Jahr verstorbenen Gudrun Schretzmeier: „Sie hatte ein unglaubliches Wissen über unterschiedliche Epochen und hat meine Ideen verstanden, als würde sie in einem offenen Buch lesen.“ Aber auch mit ihren Kolleginnen Kerry Rees und Christine Lange sei ein großartiges Resultat entstanden, macht er neugierig auf „Harry“.
Lob für Gauthier Dance
Überhaupt scheint sich Barack Marshall, seit 2025 einer der Artists in Residence von Gauthier Dance, in Stuttgart ausgesprochen wohl zu fühlen. Er schätzt die Atmosphäre am Marienplatz, wo er untergebracht ist, und auch die bei Gauthier Dance. „Eine tolle Kompanie!“, schwärmt er. „Die Individualität ihrer Tänzer und die in ihr gelebte Menschlichkeit sind unglaublich.“
Tanzpendler zwischen den USA und Israel
Termine
„Harry“ hat im Rahmen des Barak Marshalls gewidmeten Tanzabends „Anthems“ am 7. Mai bei Gauthier Dance Premiere. Weitere Aufführungen gibt es bis zum 10. Mai im Theaterhaus.
Stück
Uraufführung von „Harry“ war 2012 bei Les Ballets Jazz de Montréal. In der kanadischen Kompanie und in „Harry“ hat auch Mark Sampson getanzt, der nun Ballettmeister bei Gauthier Dance ist und Barak Marshall bei der Einstudierung assistiert. „Harry“ sei viele Jahre ein großer Hit gewesen und auch auf Tourneen in Europa oder Israel gezeigt worden, sagt der Kanadier und weiß, warum: „Da ist ganz schön viel Drama drin, es ist ein sehr emotionales Stück.“ Der swingende Sound kommt von Balkan Beat Box, Warsaw Village Band und vielen anderen.
Künstler
Barak Marshall wuchs in Los Angeles auf. Als Tänzer und Choreograf startete er in Israel durch, wo er Hauschoreograf der Batsheva Dance Company war und aktuell der landesweit ältesten Kompanie für zeitgenössischen Tanz, der Inbal Dance Company, als künstlerischer Leiter vorsteht.