Sandra Bourdais und Valencia Martinez in „Seething Beneath“. Foto: Regina Brocke

Kompaniechef Eric Gauthier gibt seinen Tänzern regelmäßig die Gelegenheit, ihre choreografischen Fähigkeiten zu erproben. „Out Of The Box“ nennt sich das Format dafür – und dieses präsentierte im Theaterhaus extrem abwechslungsreiche Werke.

Kompaniechef Eric Gauthier gibt seinen Tänzern regelmäßig die Gelegenheit, ihre choreografischen Fähigkeiten zu erproben. „Out Of The Box“ nennt sich das Format dafür – und dieses präsentierte im Theaterhaus extrem abwechslungsreiche Werke.

Stuttgart - Kompaniechef Eric Gauthier gibt seinen Tänzern regelmäßig die Gelegenheit, ihre choreografischen Fähigkeiten zu erproben. „Out Of The Box“ nennt sich das Format dafür – und dieses präsentierte am Sonntagabend im Theaterhaus extrem abwechslungsreiche Werke.

Eric Gauthier ist erstmals nicht selbst mit einer eigenen Arbeit vertreten. Und weil Anneleen Dedroog wegen einer Verletzung kurzfristig ausgefallen ist, müssen in vier Stücken die Choreografen selbst einspringen – was perfekt gelingt. Eine willkommene Neuerung an diesem Abend sind kleine Videosequenzen, in denen sich die Choreografen in Umgebungen vorstellen, die sie zu ihrer Arbeit inspirieren: So beispielsweise auf einem Dachgarten oder im Degerlocher Wald.

Anna Süheyla Harms’ Stück nennt sich „Seething Beneath“, und sie spürt darin den bewegten Vorgängen hinter Oberflächen und Fassaden nach. Als Requisit setzt sie wirkungsvoll eine rollende Stange mit Vorhang ein, hinter der sich die Tänzer immer wieder verbergen. Vorsichtig, spielerisch oder auch gewaltsam entreißen die Akteure dem Vorhang das Geheimnis – ein starker Anfang zur Minimal Music Michael Nymans.

Anschließend präsentiert Miriam Gronwald ihre Choreografie „This Side Of The Truth“, die auf einem Gedicht Dylan Thomas’ basiert und etwas zu behutsam und leise ausfällt. David Valencia M. möchte in seinem Stück „Crazy Lambs“ dem Mysterium der Frau und der Geburt auf den Grund gehen. Zu diesem Zweck begibt er sich in eine psychiatrische Anstalt, wo sechs Insassinnen mit wild toupierten Haaren und Zwangsjacken-Ärmlingen hysterische Anfälle erleiden, weil sie ihre Kinder verloren haben. Ob antiquierte Klischees von psychisch Erkrankten und Horrorfilm-Anleihen wie gruselige Babypuppen und quietschende Kinderdreiräder dem Thema wirklich dienlich sind, scheint zweifelhaft.

Garazi Perez Oloriz entwickelt ihr melancholisch-ironisches Stück „A Thousand ­Silver Drops“ geschickt aus Alltagsbewegungen. Wenn die Tänzer mit hängenden Schultern slapstickhaft über einen roten Teppich trippeln oder Plastikgläser auftürmen und jäh zerstören, erscheint das Leben wie eine große Tragikkomödie.

Humorvoll präsentiert sich auch Rosario Guerras Choreografie „May-Be“. Er imaginiert Traummänner – und -frauen und konfrontiert die Illusionen dann mit der ernüchternden Realität. Sebastian Kloborg hat für „Ways To Go“ eine reizvolle Versuchsanordnung ersonnen. Die Tänzer erhalten auf Zetteln Instruktionen und entwickeln dramatische Szenen: Ein Akteurin kollabiert und stirbt, die Gruppe ermordet heimtückisch einen der Ihren, und das sind nicht die einzigen Toten. Dass sich die Tragödien so zuspitzen, ist auf destruktive Gruppenprozesse und mangelnde Zivilcourage zurückzuführen. Dabei oszilliert die Choreografie spannungsvoll zwischen Spiel und Todernst – denn die Verstorbenen tanzen rasch wieder weiter.

Zu einer wummernden Maschinenkomposition von Philipp Kannicht kämpft Maria Prat Balasch nun in dem Stück „Veste’n“ gegen selbst gesetzte Grenzen an und hinterlässt mit dem kurzen, konzentrierten Werk großen Eindruck. Florian Lochner rundet mit dem poetischen „Wan / del / Bar“ den Abend ab: Harmonisch-fließend verketten sich zwei Tänzerinnen und ein Tänzer.

Nächste Aufführungen: 17. bis 20. Dezember und 22. bis 25 Januar, jeweils um 20 Uhr im Theaterhaus (T3); Tickets: unter 07 11 / 4 02 07 20, www.theaterhaus.com

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