Den Tänzer Andrew Cummings packt der Wahnsinn im Corona-Käfig: Dreharbeiten für Eric Gauthiers Beitrag „Covid Cage“ zum „The Dying Swans Project“ Foto: Gauthier Dance

64 Künstlern gibt Eric Gauthier mit seinem „The Dying Swans Project“ in der Coronapandemie eine Perspektive. Am 16. April gehen die 16 Kurzfilme online. Wir haben schon reingeschaut.

Stuttgart - Schon wieder Ausgangssperre? Immer noch Lockdown? Wem die Zeit daheim lang wird, dem reicht Eric Gauthier mit seinem Film-Tanz-Projekt „The Dying Swans“ nun die Hand. Von diesem Freitagvormittag an sind die 16 kurzen Filme auf diversen Kanälen online: In jedem trifft ein Tänzer oder eine Tänzerin von Gauthier Dance für ein Drei-Minuten-Solo auf einen Choreografen, einen Filmemacher, einen Komponisten – und manche Szenen erlauben tatsächlich kleine Fluchten an Orte, die derzeit unerreichbar sind: Stadtbibliothek! Wilhelma! Eine Theaterbühne!

 

16 Zeichen der Hoffnung

Als Zeichen der Hoffnung für alle Pandemiegeplagten hat Eric Gauthier das Projekt konzipiert: Künstler wollen arbeiten, also gibt er ihnen Arbeit. 64 Protagonisten waren insgesamt für das Projekt am Werk, viele Helfer hinter den Kulissen kommen dazu. Hoffnungsfrohe Momente finden sich auch in einigen der 16 Beiträge, Eric Gauthier geht da beherzt voran und lässt sein Solo voller Pathos enden: Eine grauhaarige Dame mit Impf-Piks am Arm bewahrt einen Verzweifelten vorm Sprung vom Balkon. Doch davor musste der Eingesperrte in „Covid Cage“ durch düstere Szenen der Isolation. Andrew Cummings tanzt das mit solch irrlichterndem Wahnwitz im Ausdruck, als befände er sich nicht in schicker Stuttgarter Halbhöhenlage, sondern im „Shining“-Hotel.

Die Einsamkeit der Bühnenkünstler

Und tatsächlich machen etliche der Choreografen, von denen die Mehrzahl Choreografinnen sind, die Einsamkeit und Ängste der Bühnenkünstler in Zeiten von Corona so direkt erfahrbar, dass ihre Filme eigentlich eine Triggerwarnung bräuchten: Achtung, hier kommen Coronadepressionen zurück! Kinsun Chan schickt Bruna Andrade wie im Kinderspiel durch und über eine Reihe von Stühlen; sie tanzt als letzte Überlebende, die sich nach Gemeinschaft verzehrt. In einem klaustrophobischem Treppenhaus inszeniert Guillaume Hulot einen echten Albtraumtanz, immer wieder fällt Jonathan dos Santos zurück, kämpft sich aufs Neue nach oben – und träumt sich dann weg aus der Enge hinaus in den Park.

Live im Juli bei den Schlossfestspielen

Kurz wie Popsongs sind die Filme, aber prall an Emotionen. Anita Hanke etwa erzählt in dichter Folge vom coolen Leben vor Corona sowie von den folgenden Einschränkungen und ihrer Melancholie allein über Musik, Licht und die expressiven Gesten von Shawn Wu. Ihren Beitrag „Thaleb’s Theory“ kann man sich gut auf der Bühne vorstellen, wenn „The Dying Swans Project“ wie geplant im Juli als hybrides, Film und Livetanz mixendes Format bei den Schlossfestspielen in Ludwigsburg zu Gast sein wird. Auch Smadar Goshens Solo für Theophilus Vesely passt trotz schneller Schnitte und filmischer Störelemente dorthin; raus aus dem Schutz eines Tuchs und damit aus der Komfortzone geht es in „Kamma“. Bühnenreif ist ebenfalls, wie Kevin O’Day in Stummfilmmanier für sein Solo „We were many“ Erinnerungen an bessere Zeiten in Hüten Form annehmen lässt und Luca Pannacci unter ihrer Last ins Taumeln gerät.

Viele der Schwanen-Soli spielen die Mittel des Films jedoch so gekonnt aus, dass sie nur in diesem Medium funktionieren – dafür aber die Türen in neue Welten weit aufstoßen. Der Mensch als Ermöglicher und Zerstörer, als einer, der sich nach unberührter Natur sehnt und der doch alles berührt und dadurch gefährdet: Nicki Liszta und Dominique Dumais erzählen davon im schnellen Wechsel von Beton und Grün.

Große Dramen in drei Minuten

16 Welten tun sich in „The Dying Swans Project“ auf. Verblüffend ist, welch große Dramen in die drei Minuten passen, die Michel Fokines Originalchoreografie vorgibt. Elemente daraus greifen übrigens viele Choreografen auf – in flatternden Gesten, schwanenhaftem Gehabe und witzigen Einfällen. Mauro Bigonzetti zum Beispiel steckt Garazi Perez Oloriz für „La cigne“ in einen Waschzuber und in ein Tütü aus Schaum. Edward Clug gießt für „Drops“ Wasser aus und lässt Alessio Marchini in einem Eimer tanzen. Itzik Galili häuft für „Emovere“ eine zauberhafte Blüte aus Tüll auf, deren Erblühen man sich beim Durchklicken als echtes Hoffnungsmotiv für ein Happy End aufheben sollte: Wie erst Füße, dann Beine sprießen, stellt das Original auf den Kopf und macht aus Sterben ein Werden und Wachsen.

Info

„The Dying Swans Project“ geht am 16. April 2021 um 10.15 Uhr online und ist auf dem Youtube-Kanal des Theaterhauses, auf der digitalen Bühne der Schlossfestspiele sowie in der 3Sat-Mediathek zu sehen. Eine Uraufführung auf der Bühne ist bei den Schlossfestspielen in Ludwigsburg im Juli als „The Dying Swans Live Experience“ geplant.