Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin: Eric Gauthier und seine Kompanie haben es getan und im Haus der Berliner Festspiele Marco Goeckes „Nijinsky“ getanzt. Foto: Maks Richter

Lange hat Eric Gauthier auf diesen Moment gewartet. Nun war seine Kompanie erstmals in der Hauptstadt und zeigte im Haus der Berliner Festspiele „Nijinski“. Warum eigentlich erst jetzt?

Berlin - Am Anfang ist ein Kuss: Eric Gauthier kniet nieder und drückt seine Lippen auf den Bühnenboden im Haus der Berliner Festspiele. „Elf Jahre habe ich gewartet, um nach Berlin zu kommen“, begrüßt der Leiter von Gauthier Dance das Publikum zum ersten Gastspielabend in der Hauptstadt. Elf Jahre, also seit der Gründung von Gauthier Dance am Stuttgarter Theaterhaus. Jetzt ist er angekommen. Genießerisch schließt Eric Gauthier einen Moment die Augen. Dann ist er wieder ganz da, gewinnt die ihm zu Füßen sitzenden tausend Zuschauer für die Show: Marco Goeckes „Nijinski“, ein biografisches Ballett und rasender Reigen, dessen exquisite Schönheit durch einen Hauch Irrsinn an Tiefe gewinnt.

Ungewöhnlich an diesem Gastspiel: Auf eigenes Risiko hat das Theaterhaus seine Kompanie bei den Berliner Festspielen eingemietet. Zum ersten Mal überhaupt, wie Eric Gauthier ­erzählt, denn üblicherweise sollen die Gastspiele der Kompanie die Arbeit im Theaterhaus mitfinanzieren. Einen Etat von 2,7 Millionen Euro hatte Gauthier Dance im Jahr 2016. Stadt und Land übernahmen 20 Prozent davon; das Übrige hat die Kompanie selbst erwirtschaftet, an der Stuttgarter Abendkasse, aber auch in Moskau, New York, Tel Aviv.

Die Mercedes-Bank unterstützt die Berlin-Reise

Den Berliner Auftritt finanziert vorsorglich die Mercedes-Benz Bank mit. Doch alle drei Vorstellungen sind ausverkauft, die Schlange an der Abendkasse ist lang, vor dem Festspielhaus suchen manche am Premierenabend per Pappschild noch Karten. Nach der Vorstellung ist der Jubel groß. Ovationen im Stehen für die Stuttgarter Truppe und für Marco Goecke, der mit Eric Gauthier den Applaus entgegennimmt.

Warum also hat es so lang gedauert, bis Gauthier Dance in Berlin zu sehen war? In einer Stadt, die über eine der regsten Tanzszenen Europas verfügt? Aus zwei Gründen: Weil es in Berlin keine Spielstätte für größere Tanzkompanien gibt; und weil die Szene mit Ästhetiken wie der von Gauthier Dance fremdelt. Glamour, große Geste, Emotion? Am Staatsballett oder dem Friedrichstadtpalast, ja. Aber nicht in der freien Szene, die das Tanzgeschehen in der Hauptstadt trägt.

Blickt man zurück, ist der zeitgenössische Tanz in Berlin nicht von Ballett, modernem Tanz oder Tanztheater geprägt, sondern vom Postmodern Dance. Dessen Ideen, die eine Abkehr von Virtuosentum, Bühneneffekt und Erzählung beinhalten, wirkten in Berlin nachhaltig, denn eine nennenswerte Tanzszene entwickelte sich hier überhaupt erst wieder in den 1980ern. Zuvor war die Stadt durch den Eisernen Vorhang und die Mauer abgeschlossen von internationalen Entwicklungen. Mit der Konzepttanzwelle, die in den 90ern aus Paris und Brüssel nach Berlin schwappte, hielt dann die Theorie Einzug; Bewegung wurde zur Nebensache. Zwischen dem Staatsballett und der freien Szene klaffte ein ästhetischer Abgrund.

Ins Berliner Gefüge kommt Bewegung

Große Tourkompanien wie Gauthier Dance, die vom Ballett kommen und auch zeitgenössische Stile integrieren, passen nicht ins Profil der Häuser, die in Berlin überhaupt Tanz zeigen. Das Hebbel am Ufer, die Sophiensaele – zu klein und zu sehr auf queere, diskursive Arbeiten fokussiert. Am Radialsystem gibt es weder die Mittel noch eine entsprechende Programmabteilung.

Doch ins Gefüge kommt Bewegung. Die freie Szene, lobbystark und unermüdlich, könnte mit dem Runden Tisch Tanz etliche Anliegen politisch durchsetzen – um ein Tanzhaus etwa wird in Berlin seit Jahrzehnten gerungen, sogar Stuttgart ist diesbezüglich weiter. Die Dercon-Volksbühne öffnet sich dem Tanz. Und dem Staatsballett hat Noch-Intendant Nacho Duato aktuelle Tanzidiome erschlossen. Mit Sasha Waltz folgt ihm zudem eine dezidiert zeitgenössische Choreografin nach. Die Lücke schließt sich, scheint’s: Eine Kompanie wie das Nederlands Dans Theater, ähnlich aufgestellt wie Gauthier Dance, vermarktete sich im Haus der Berliner Festspiele bereits 2015 erfolgreich als Truppe, die den Hunger der Berliner nach „physisch und technisch an die Grenzen“ gehendem Tanz stillen könne.

2019 kehrt Gauthier Dance nach Berlin zurück

Richtig eingeschätzt haben die Berliner Situation auch Eric Gauthier und seine Tourmanager von ecotopia dance. Mit „Nijinski“ knüpft Gauthier Dance an Seherfahrungen des Spreepublikums an und bietet doch Neues, denn ein Abendfüller von ­Goecke war hier noch nicht zu sehen. Sein Stil hingegen ist vertraut: Das Staatsballett hatte unter Vladimir Malakhov die Uraufführung „and the sky on that cloudy old day“ im Repertoire; Nacho Duato lässt zum ­Abschied Goeckes „Pierrot Lunaire“ ein­studieren. Und im Premierenpublikum ­begutachten die designierten Staatsballett-Intendanten Johannes Öhman und Sasha Waltz das Gebotene. Neben Gauthier Dance liefert auch Marco Goecke seine Visitenkarte ab. Recht abrupt von seinen Aufgaben als Stuttgarter Hauschoreograf entbunden, ­wäre er frei, parallel zum Neustart am Staatsballett Berlin.

Nachvollziehbar ist daher die Euphorie der Kompanie, die noch Tage nach dem Gastspiel überliefert wird. Eric Gauthier hat nicht nur sein Ziel erreicht, das Berliner Publikum zu begeistern – er kehrt nach Stuttgart zurück mit einer Einladung in der Tasche. Im Frühjahr 2019 soll Gauthier Dance „Mega Israel“ bei den Berliner Festspielen zeigen. Auf geküsstem Boden.

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