Bundespräsident Gauck und Ministerpräsident Kretschmann (re). Foto: dpa

Auf der Suche nach einem Nachfolger von Bundespräsident Joachim Gauck könnte dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann eine Schlüsselrolle zukommen.

Stuttgart/Berlin - Nun kann man die Wahl eines Bundespräsidenten in der Bundesversammlung natürlich nicht mit der beliebten TV-Sendung „Wer wird Millionär?“ vergleichen. Aber die Frage, wer Nachfolger von Amtsinhaber Joachim Gauck wird, gehört mindestens in die Dimension der 125 000-Euro-Frage. Antwort A: Norbert Lammert, Bundestagspräsident. Antwort B: Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister. Antwort C: Frank-Walter Steinmeier, Bundesaußenminister. Antwort D: Winfried Kretschmann, Ministerpräsident in Stuttgart.

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Alle vier Varianten scheinen gleich plausibel. Was also tun? Telefonjoker? Geht nicht. Wen soll man auch anrufen. Es weiß ja noch keiner. Allein, die Frage ablehnen, geht gar nicht. Also heißt es rätseln. Denn seit am vergangenen Wochenende erste Informationen durchgesickert sind, dass Gauck an diesem Montag der Bundeskanzlerin seinen Abschied vom Amt ankündigen will, kocht die Spekulationsküche. „Das wird eine ganz spannende Nummer“, heißt es aus allen Richtungen von CDU und SPD. Vor allem, weil ein Name mit gehandelt wird, der auf den ersten Blick nur Außenseiterchancen zu haben scheint, der am Ende aber der Kompromiss-Kandidat werden könnte: nämlich Winfried Kretschmann.

Gerade wiedergewählt als Ministerpräsident von Baden-Württemberg, genießt der 68-Jährige aus Laiz bei Sigmaringen bundesweit hohes Ansehen. Im jüngsten Politbarometer vom Freitag steht er weiter unangefochten auf Platz 1 – vor allen anderen Spitzenpolitikern Deutschlands.

Vom Landesvater zum Bundespräsidenten?

Schon vor Wochen war spekuliert worden, der frühere Gymnasiallehrer sei doch der passende Kandidat, wenn Gauck keine zweite Amtszeit anstreben werde. Ruhig in der Art, besonnen im Umgang, ausgestattet mit der seltenen Fähigkeit zum Zuhören, hoch gebildet, einer, der sich für den Frieden genauso einsetzt wie für den Naturschutz, nicht jedes Scheinwerferlicht suchend, dazu ein Anhänger des ernst gemeinten Dialogs mit den Bürgern und einer, der zweimal nachdenkt, bevor er in die bereitstehenden Mikrofone etwas sagt. Einer also, wie sich die Menschen ihren ersten Mann im Staat in weltweiten Krisenzeiten wünschen.

Vom Landesvater zum Bundespräsidenten? Noch ist das im Staatsministerium in Stuttgart kein Thema. „So lange sich Herr Gauck nicht erklärt hat, geben wir keine Stellungnahme ab. Das gebietet der Respekt vor dem Amt und dem Amtsinhaber“, sagte Kretschmanns Sprecher am Wochenende unserer Zeitung. Auch der Koalitionspartner hält sich (noch) zurück. „Wir werden uns nicht an öffentlichen Spekulationen um den Bundespräsidenten beteiligen“, betonte Thomas Strobl, Bundes-Vize und Landeschef der CDU sowie stellvertretender Ministerpräsident bei Grün-Schwarz.

Gegenseitige Blockade droht

Allein, das vornehme Schweigen ändert nichts daran, dass der Name Kretschmann immer öfter gehandelt wird. „Für diese Bundespräsidentenwahl wird man einen Kandidaten brauchen, der aus der Person heraus überzeugt“, heißt es bei den Grünen. Soll heißen: Nach den drei Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt haben sich die Kräfteverhältnisse in der Bundesversammlung völlig verschoben. Lösungen nach dem Motto „das ist der Kandidat von SPD und Grünen“ werden nicht funktionieren, weil es solche Mehrheitsblöcke nicht mehr gibt. Hinzu kommt: Weder CDU noch SPD haben ein Interesse daran, am 12. Februar 2017 in der Bundesversammlung und damit wenige Monate vor der Bundestagswahl den Kandidaten der anderen Seite zu unterstützen. Die Folge könnte „eine gegenseitige Blockade“ sein, wie es einer umschreibt. Nach dem Strickmuster: Die SPD trägt weder Bundestagspräsident Lammert noch Bundesfinanzminister Schäuble oder andere mit. Im Gegenzug sagt die CDU dann Nein zu Bundesaußenminister Steinmeier.

„Wenn die zwei großen Parteien in dieser taumelnden Koalition nicht zusammenfinden, braucht es eine Lösung, mit der beide leben können“, heißt es aus der Berliner Koalition. Womit man wieder bei Winfried Kretschmann wäre. „So ganz aus der Welt sind diese Überlegungen nicht.“ Und Kretschmann selbst? Er hält sich bedeckt, fühlt sich geehrt, wie Freunde berichten. „Der Winfried ist doch eigentlich ein Baden-Württemberg-Politiker, der gehört hierher ins Land“, meint ein führender Grüner. Aber es gebe in der Politik nun mal die Regel, die da heißt: „Wenn es gewollt wird, dass Du es machst, dann kannst du es nicht ablehnen.“

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