Herbert Nowack baut im Ackermanns auf den harten Kern seiner Gäste. Foto: Lg/Leif Piechowski

Wirte, die keinen Außenbereich haben und auch bei der WM nicht mitspielen wollen, haben es jetzt schwer. Doch einige sehen auch positive Seiten, wenn draußen die Sonne brennt und König Fußball sein Zepter schwingt.

Stuttgart - Die Welt hat mal wieder einen neuen Herrscher auf Zeit. Er hört auf den Namen König Fußball und ist ein ziemlicher Despot. Wohin man auch blickt in der Stadt: Alles und jeder beugt sich seinem Gesetz. Besonders strebsam machen diesem Herrscher seit je die Gastronomien ihre Aufwartung. Jeder Außenbereich verwandelt sich in einen Fanblock, überall werden Fernseher und Leinwände auf die Straße geschoben, und es gibt mal mehr, mal weniger kreative WM-Specials zwischen selbst gemischtem Mexikaner beim Spiel Deutschland gegen Mexiko über WM-Bingo bis hin zu elaborierten Länderküchen, die an die jeweiligen Spieltage angepasst sind.

Wenn die Stadt schon im Fußballfieber ist, so scheint es, dann will man auch das meiste rausholen. Ist nur recht und billig. Auf dieses Geschäft zu verzichten wäre in etwa so, als würde ein Eisverkäufer von Mai bis September den Laden dichtmachen. Die Frage, die sich stellt, ist ja aber die Folgende: Gibt es in diesen Wochen dennoch ein Leben ohne den Fußball? Was machen eigentlich Kneipen und Lokale, die keinen Außenbereich haben und/oder vielleicht nicht mal Fußball zeigen?

Stammkunden halten die Treue

Zugegeben, viele sind das nicht. Aber es gibt sie. Und die bekommen die eh schon schwierigen Sommermonate unter König Fußball noch stärker zu spüren. Wer will schon im stillen Kämmerlein sitzen, während draußen die WM-Party schlechthin tobt? Herbert Nowack vom Ackermanns im Stuttgarter Westen hat Verständnis dafür: „Die Menschen drängt es nach der trüben und kalten Jahreszeit nach draußen. Ohne Außenbereich wird es dann zwangsweise ruhiger.“

Und das, obwohl das Ackermanns bei Fußballfans durchaus beliebt ist. Die halten dem Ackermanns aber auch ohne Außenbereich und WM-Zirkus die Treue. „Der harte Kern unserer Stammkunden bleibt uns auch im Sommer erhalten“, nickt Nowack und betont, dass das Ackermanns dennoch die Deutschlandspiele sowie die K.-o.-Runde zeigt. Nur eben ohne großes Trara. Und in reduzierter Form. „Wir wissen ja, was im Sommer auf uns zukommt, also haben wir uns entsprechend darauf eingestellt. Wir sparen Personal ein und haben bis zum Ende der Sommerferien eine kleinere Speisekarte. Außerdem bleiben die Flammkuchenöfen aus.“ Er grinst: „Wegen der Hitze.“

Sommerflaute hin oder her: Geklagt wird im Ackermanns nicht. Zudem sind Regentage auch im Sommer keine Seltenheit, da wird ein Gastraum wie dieser schnell zum WM-Zentrum des Westens. Nowack sieht aber auch Chancen, wenn die Temperaturen allzu stark klettern: „Je heißer es draußen ist, desto mehr haben wir davon“, merkt er an. „Viele sitzen dann doch lieber bei einem kalten Getränk ‚überdacht‘ im etwas kühleren Gastraum.“

Beim Essen kann es draußen schnell zu heiß werden

Natürlich gibt es auch diejenigen Restaurants, die bewusst einen großen Bogen um die WM machen. Entweder weil ihre Nation nicht dabei ist oder weil die Betreiber selbst nicht sehen wollen oder weil sie den Fußballmuffeln da draußen in diesen Wochen im Ausnahmezustand einen sicheren Hafen bieten wollen. Das griechische Restaurant El Greco beispielsweise weist gleich an seiner Eingangstür darauf hin, dass das Lokal fußballfreie und ruhige Zone ist. Gut möglich, dass es auch beim einen oder anderen Italiener in diesem Sommer ungewöhnlich ruhig ist.

Dennoch: Diese Läden stechen heraus. Und manche wollten sich auf unsere Anfrage teilweise gar nicht äußern. Gut möglich, dass sie nicht noch extra darauf hinweisen wollten, dass die WM bei ihnen draußen vor der Tür bleibt. Deutlich lockerer nimmt es Jan Tomasic. Er betreibt das Hegel Eins im Linden-Museum und ist mit seinem Restaurant im neoklassizistischen Gemäuer eh ziemlich weit von einer Fußball-Location entfernt. Den fehlenden Außenbereich bekommt aber auch er derzeit zu spüren. „Das ist immer sehr abhängig vom Planeten da oben“, grinst er. „Je mehr er sticht, desto ruhiger wird es bei uns. Und gerade zu Beginn des Sommers können die Menschen gar nicht genug davon bekommen, draußen zu sein.“ Er beobachtet das Phänomen, dass zu hohe Temperaturen auch nicht das Wahre sind. „Gerade beim Essen kann es draußen schnell mal zu heiß sein“, gibt er zu bedenken.

Dezent aufgestellter Fernseher hält auf dem Laufenden

Auch Tomasic fährt die Öffnungszeiten in den Sommermonaten ein wenig zurück, ist ansonsten aber gut auf die Flaute eingestellt. Die sei übrigens nicht abhängig von der WM, wie er betont. „Wer zu uns kommen möchte, der kommt so oder so.“ Und hat auch im Hegel Eins die Chance, das eine oder andere Tor live mitzuerleben: Ein dezent aufgestellter Fernseher ohne Ton hält auf dem Laufenden.

Aber so ist das eben unter der Ägide von König Fußball: In den Wochen der Weltmeisterschaft gibt es kein anderes Thema als einen kleinen runden Ball, der gefühlt das Schicksal ganzer Fußballnationen bestimmt. Fragt sich nur, was passiert, wenn Deutschland nicht durch die Vorrunde kommt. Aber da malen wir den Teufel mal lieber nicht an die Wand.

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