Die Stühle werden noch nicht gebraucht: Der Lockdown für Restaurants wird verlängert. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Gastronomen dürfen weiterhin keine Gastgeber sein. Die einen warten bei Zahlungsunfähigkeit immer noch auf staatliche Hilfen. Die anderen denken schon über einen Restaurantbesuch der Zukunft nach, der nur mit einem Impfpass möglich sein könnte.

Stuttgart - Die Verlängerung des Lockdowns überrascht eigentlich niemanden in der Gastronomie. Und wie viele glaubt Jörg Rauschenberger, „dass er noch eine Weile weiter geht“. Der Chef des Rauschenberger Gastro-Unternehmens, zu dem auch drei Lokale gehören – das Cube im Kunstmuseum, das Pier 51 in Degerloch und das Sternerestaurant Goldberg in Fellbach – macht sich nicht nur Sorgen um die Finanzen, sondern auch um die Psyche seiner mehreren hundert Mitarbeiter. „Da zweifeln schon einige am Sinn ihres Daseins“, sodass sich Rauschenberger die Frage stellt: „In welcher Verfassung werden wir wieder starten?“

 

Mit großen Caterings ist erst zum Ende des Jahres zu rechnen

Die drei Restaurants könnten nach dem Ende des Lockdowns wohl zügig wieder ihren Betrieb aufnehmen, aber für den umsatzstarken Catering-Bereich sieht Rauschenberger frühestens gegen Ende des Jahres eine Normalisierung. „Viele Unternehmen stehen unter Druck und werden auf lange Sicht nur das Allernötigste veranstalten.“ Dennoch, so Rauschenberger: „Wir werden überleben und weiter nach vorne arbeiten.“

Ähnlich versucht sich Ulrich Schwer aufzustellen, Direktor des Althoff Hotels am Schlossgarten. Er glaubt zwar nicht so recht an eine Lockerung im Februar, hofft aber, dass bald wieder touristische Übernachtungen möglich sein werden in seinem Hotel, das seit November geschlossen ist. „Wir haben gezeigt, dass wir Hygienekonzepte umsetzen können. Da ist eine Übernachtung bei uns vielleicht ungefährlicher als Schlittenfahren auf der Alb“, sagt Schwer. Und was die Rekrutierung eines Teams für die seit März verwaiste Zirbelstube angeht: „Wir starten erst dann, wenn wir sicher sein können.“ In der Weinwirtschaft hingegen könnte man gleich wieder loslegen als Gastgeber.

Dehoga warnt vor erheblichen Verschlechterungen für Betriebe

Für den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) ist klar: Wenn die Betriebe nicht öffnen dürfen, müssen sie weiter entschädigt werden. Der Dehoga-Sprecher Daniel Ohl betont, dass es durch die von der Bundesregierung in Aussicht gestellte Überbrückungshilfe 3 „vor allem für die kleinen, oft familiengeführten Betriebe zu erheblichen Verschlechterungen kommen wird“. Der Dehoga Baden-Württemberg appelliert daher an das Land, die „Stabilisierungshilfe Corona Gastgewerbe“ fortzuführen. „Der politische Wille ist gut, die Abwicklung aber schlecht“, sagt Ohl. Von den Novemberhilfen hätten immer noch viele Betriebe nichts gesehen, geschweige denn für den Dezember, die erst ab dem 23. Dezember von Steuerberatern beantragt werden konnten. Was die Perspektive für eine Öffnung angeht, warnt Ohl vor einer „sektoralen Abgrenzung“, die sich nicht bewährt habe, und sagt: „Es muss Regeln geben, die auf alle Betriebsarten anwendbar sind.“

Bereits fünf Monate Berufsausübungsverbot für Wirte

Günther „Obi“ Oberkamm sieht das etwas anders nach der Devise „differenzieren und kontrollieren“, dass also etwa ein Restaurant mit zugewiesenen Sitzplätzen anders behandelt werden könnte als eine Stehkneipe. Seit 40 Jahren ist Oberkamm in der Gastronomie, seit vielen Jahren betreibt er mit seiner Frau Sabine das Augustenstüble im Stuttgarter Westen. Er sagt: „Die jetzt fünf Monate Berufsausübungsverbot gehen langsam an die Substanz.“ Die Novemberhilfe habe er noch nicht ausbezahlt bekommen, aber die Umsatzverluste zwischenfinanzieren können. Er kenne jedoch viele Kollegen „und auch Künstler, bei denen sich Tragödien abspielen“. Oberkamm fürchtet: „Es wird Insolvenzen hageln, der Mittelstand wird gegen die Wand gefahren und die Innenstadt anders aussehen.“

Hinterm Rathaus wird mit Zwangsräumung gedroht

Das lässt sich vielleicht bald hinterm Rathaus beobachten: Shisha-Bar oder Döner-Imbiss statt Ristorante und Vinothek. Hüseyin Gül betreibt dort außer dem Santa Lucia und Pane e Vino auch das Primo, das im Monat mit 14 500 Euro Fixkosten zu Buche schlägt. Für die beiden anderen Locations habe Gül, den bislang ebenfalls noch keine Hilfen erreicht hätten, eine Stundung der Pacht erreichen können. Der Vermieter des Objekts an der Geißstraße 1 aber gibt sich wie es scheint unerbittlich. Er wolle Geld sehen, ansonsten, so sagt Gül, drohe ab Mitte Januar die Zwangsräumung des Primo.

Besuch im Ritzi bald nur mit Impfpass?

Ben Benasr hat zwar auch ein schwieriges Jahr hinter sich: Zwischen den Lockdowns legte zusätzlich ein Wasserschaden den Betrieb des Ritzi an der Friedrichstraße lahm. Aber der Küchenchef und Geschäftsführer hat finanzkräftige Geldgeber im Rücken. Man habe „viel ins Marketing investiert“ für das Mischkonzept aus Gourmet, Brasserie und Bar. Das soll nicht alles umsonst gewesen sein: „Man spürt, dass die Leute wieder rausgehen wollen, besonders am Wochenende“, sagt Benasr. Und er denkt schon jetzt darüber nach, „dass eine weitere Lösung, Menschen zu schützen, ab dem Sommer oder Herbst der Impfpass sein könnte“. Auch für einen Restaurantbesuch im Ritzi.