Armagan Gürak will die natürlich gewachsenen Strukturen am Wilhelmsplatz bewahren. Foto: Sascha Maier

Sämtliche Wirte am Wilhelmsplatz haben in den letzten Wochen Post von der Stadt erhalten, die sie auffordert, die Gestaltungsrichtlinien der Innenstadt einzuhalten. Die Gastronomen, für die jetzt die Hauptsaison beginnt, fühlen sich schikaniert – und beklagen zu kurze Fristen, die sie einhalten sollen.

Stuttgart - Ein Radfahrer brettert den Wilhelmsplatz runter. Nur mit Mühe kann ein Passant dem Raser auf der Höhe des Italieners Il Pomodoro gerade noch so ausweichen. „Das passiert hier leider häufiger“, sagt Petra Reim, die seit Dezember 2015 Pächterin des Restaurants ist. Doch die Stadt will eine ganz andere vermeintliche Gefahr am Wilhelmsplatz ausgemacht haben: Die Sandkästen für Kinder im Außenbereich des Il Pomodoro. In der Begründung, warum diese weg mussten, hieß es: Gefahr für Passanten, auf dem Sand auszurutschen.

Seit einigen Wochen erhalten alle Gastronomen am Wilhelmsplatz Schreiben von unterschiedlichen städtischen Behörden, dass ihre Außengastro die Gestaltungsrichtlinien der Innenstadt nicht einhielten. Schirme, Bestuhlung, Lichterketten, Sandkästen und auch Pflanzen: Kein Betrieb blieb von Kritik verschont. Die Fristen, den Zustand zu ändern, belaufen sich teils gerade mal auf zwei Wochen. Bei Nichteinhaltung wird direkt mit Sanktionen gedroht.

Stadt spricht von Verstößen

Die Stadt bestätigt dies: „Das Anschreiben an die Pächter des Wilhelmsplatzes ist das Ergebnis einer Vor-Ort-Begehung verschiedener zuständiger Ämter“, sagt Pressesprecher Martin Thronberens. Bei der Besichtigung seien Verstöße – unter anderem gegen die Gestaltungsrichtlinien – festgestellt worden.

Auch Armagan Gürak, Wirt des La Concha neben dem Il Pomodoro, hat Schreiben vom Ordnungsamt erhalten. Darin wurde er aufgefordert, seine „elektrische Leitung zur Beleuchtung der Außengastronomie“ – eine schmucklose Lichterkette – umgehend zu entfernen, da diese eine „widerrechtliche Überbauung der öffentlichen Verkehrsfläche“ darstelle. Wenn Gürak der Aufforderung nicht fristgerecht nachkomme, sehe sich die Behörde gezwungen, Leitung und Beleuchtung auf Kosten des Wirts entfernen zu lassen.

Ein anderer Schrieb nennt gleich eine Vielzahl von Verstößen, die Gürak begangen haben soll: Genehmigte Flächen würden nicht eingehalten, die Bodenhülsen für die Schirmständer seien nicht genehmigt und die Pflanzenkübel stünden an dafür nicht vorgesehenen Stellen.

Kein Verständnis für die Behörde

Die Pflanzenkübel sind mittlerweile weg. Armagan Gürak versichert, auch die Lichterkette vor Ablauf der Frist zu entfernen. Genau wie Petra Reim vom Il Pomodoro sucht er auch den Dialog mit der Stadt. Nur: Verstehen, warum die Ordnungsbehörden gerade jetzt zur Hauptsaison der Außengastro aktiv wird, das kann er nicht.

„Seit 25 Jahren bin ich hier. Und seit 25 Jahren hat sich nie jemand beschwert“, sagt Gürak. Für ihn hat sich der Wilhelmsplatz, über Jahrzehnte ein ziemlich totes Pflaster, gerade wegen des Engagements der dort ansässigen Gastronomen zu einem der beliebtesten Flanierplätze in der City entwickelt. „In all den Jahren seitens der Stadt sehr wenig in die Entwicklung des Platzes geflossen“, meint er sich zu erinnern. Und jetzt gebe es nichts als Kritik.

Ein Relikt aus der Vergangenheit

In der Tat muten bei näherer Betrachtung einige Dinge am Wilhelmsplatz etwas grotesk an. Zum Beispiel das Klohäuschen, das dort steht. „Ich habe noch nie gesehen, dass das jemand nutzt“, sagt Gürak. Da die Türen zu allen Gastrobetrieben offen stehen und niemand, der sich bei Gürak kurz die Hände waschen möchte, abgewiesen wird, sei das auch nicht nötig.

Ein Briefkasten zwischen dem La Concha und dem Bistro Einstein scheint ebenfalls ein Relikt aus der Vergangenheit zu sein. Wer dort Post einwerfen will, muss sich zumindest im Sommer durch die Sitzreihen beider Lokale quetschen. Laut Gürak wäre die Lösung einfach: „Auf der anderen Seite des Beetes würde das Ding niemanden stören.“ Ein weiteres Kuriosum ist die Telefonzelle, die zwischen Concha und Pomodoro zwischen diversen Tischen steht und angesichts des Geräuschpegels wahrscheinlich auch dann niemanden zum Telefonieren einladen würde, wenn wir nicht im Zeitalter des Mobilfunks lebten.

Für Armagan Gürak und Petra Reim ist es nicht nur gastronomische Selbstverwirklichung auf den Terrassen. Es geht auch um wirtschaftliche Aspekte. „Wenn ich ein komplett neues Sitzkonzept verwirklichen soll, kostet mich das mehrere zehntausend Euro“, rechnet er vor. Neue Schirme ohne Werbung und mit Schirmständern statt Bodenhülsen würden ihn 3000 Euro kosten – ganz abgesehen von den langfristigen Umsatzeinbußen, die durch die von den Schirmfüßen verdrängten Plätze entstehen würden.

Auch Petra Reim geht es nicht nur um den Schmerz, dass sie ihren über den Winter gepflegten Oleander nicht mehr auf­stellen darf und der kleine Springbrunnen nicht mehr plätschert: „Der umsatz­stärkste Tisch direkt neben dem Eingang musste weg. Dabei hat sich daran nie jemand gestört.“

Dafür hätten die Wirte einen Platz, wo die aus ihrer Sicht störenden Elemente wie das Klohäuschen besser untergebracht wären: gegenüber auf dem Henkersplatz. „Das ist, abgesehen vom Ciba Mato, eine vollkommen ungenutzte Freifläche“, sagt Gürak. Zumindest das Toilettenhäuschen wäre dort sicher weniger störend.

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