Wie gut ist das Gastronomie-Angebot in Stuttgart? Foto: dpa//Bernd Weißbrod

Es ist nicht die Stadtmitte, die in unserer Umfrage Heimat-Check die besten Noten für die Gastronomie in Stuttgart bekommt. Eine Bewertung, die Gastronomen etwas unfair finden.

Mehr als 10 000 Stuttgarter haben in unserer Umfrage Heimat-Check ihren Stadtbezirk bewertet – und die Gastronomie schneidet dabei nur mittelmäßig ab. Von den 14 Kategorien landete sie mit einem Durchschnittswert von 5,68 von zehn möglichen Punkten auf Platz zehn. Nur für Familienfreundlichkeit, den Themenbereich Digitalisierung, Energie und Klima sowie die Kategorien Verkehr und Immobilienmarkt fielen die Bewertungen noch magerer aus. „Der Schwabe ist ein Bruddler, der nur selten zufrieden ist“, kommentiert Heiko Grelle die Ergebnisse – zumal 70 Prozent der Heimat-Checker 46 Jahre und älter sind. Der Inhaber der Schräglage und Teilhaber mehrerer Lokale hat vielmehr „ein sehr gutes Gefühl“, was die Ausstattung Stuttgarts mit Restaurants, Kneipen und Bars betrifft.

 

Vielfalt und Qualität im Heimat-Check Stuttgart abgefragt

Die Vielfalt des gastronomischen Angebots in ihrem Stadtbezirk sollten die Teilnehmer der nicht-repräsentativen Umfrage bewerten. Außerdem war gefragt, wie zufrieden sie mit der Qualität der Restaurants und Lokale sind. Der Gewinner ist ganz klar der Stuttgarter Westen mit 7,98 Punkten, dicht gefolgt von der Innenstadt die auf 7,59 Punkte kam. Platz drei belegt der Süden mit 6,88 Punkten danach kommen Degerloch, Plieningen und der Osten. Das Schlusslicht bildet Stammheim mit 3,98 Punkten, für Zuffenhausen, Mühlhausen, Untertürkheim, Hedelfingen und Botnang gab es weniger als fünf Punkte. Die Interpretation des Ergebnisses ist damit offensichtlich: Je weiter draußen desto mehr Unzufriedenheit herrscht mit der Gastronomie in Stuttgart.

Wünsche auch für den besten Stuttgarter Stadtbezirk

Aber sogar im Westen fallen den Teilnehmern noch Verbesserungsvorschläge ein. Einer findet das Angebot „teuer“, ein anderer vermisst „gemütliche Restaurants mit Plätzen im Freien“. Der Wunsch nach einem Biergarten kommt mehrmals auf, aber nicht irgendeiner: „ein gescheiter“ soll es sein, schreibt der eine, „ein ruhiger“ ein anderer. Auch für die Innenstadt sind „mehr Restaurants“ gefordert, „mehr normale Kneipen und weniger Shisha-Bars“. Das klingt ähnlich wie die Anmerkungen zum Schlusslicht. „Bei der Gastronomie in Stammheim ist sehr viel Luft nach oben“, erklärt ein Teilnehmer, „das wenige, was es gibt, wirkt wie eine Bahnhofskneipe.“ Er oder sie hätte gerne „ein Qualitätsrestaurant“, eine andere Forderung lautet „mehr deutsche Gastronomie“. In Mühlhausen träumt jemand vom Frühstücken oder „abends einfach mal was trinken gehen“, in Möhringen von „einem modernen Café“ – und Botnang wird als „verschnarchter Stadtteil“ abgekanzelt.

Stuttgart im Vergleich mit anderen Städten

Wie lässt sich die gastronomische Qualität einer Stadt überhaupt bewerten? Bei der Haute Cuisine kann Stuttgart bundesweit mithalten: Acht mit Michelin-Sternen dekorierte Restaurants gibt es für 630 000 Einwohner, eines weniger als im gleich großen Düsseldorf, zwei weniger als in Frankfurt am Main, wo rund 765 000 Menschen leben. Im statistischen Vergleich sieht es ebenfalls nicht schlecht aus: Stuttgart kann mit fast 1300 Restaurants und 190 Schankwirtschaften aufwarten, Düsseldorf, wo die Eckkneipe das Wohnzimmer vieler Einwohner ist, hat laut dem Statistischen Landesamt rund 1500 Speisegaststätten und fast 700 Bars zu bieten. „In Frankreich, Italien oder Spanien gibt es auch ein besseres und cooleres Angebot“, sagt Heiko Grelle, „aber dort gehen 90 Prozent der Leute nach der Arbeit etwas trinken oder essen.“

Hohe Kaufkraft, wenig spendierfreudig

In Stuttgart können sich die Gastronomen zwar über die hohe Kaufkraft der Bevölkerung freuen. Doch laut Nima Nafeei, der unter anderem Burgerheart betreibt, fehlen eben zwei entscheidende Punkte: die Touristen und die Spendierfreudigkeit. „Die Schwaben wissen genau, wie man mit Geld umgeht, in Berlin, Hamburg oder München geben sie es einfach aus“, sagt er. Auch in anderen Städten mit geringerem Durchschnittseinkommen würden in der Gastronomie höhere Umsätze erzielt. Für hippe Marken sei Stuttgart deshalb nicht die erste Anlaufstelle, die Edelrestaurantkette Big Mamma aus Frankreich suchte sich für den Markteintritt in Deutschland lieber die bayerische Landeshauptstadt aus. Trotzdem sei in Stuttgarts Gastro-Szene „extrem viel passiert“, findet Nima Nafeei. Als er 1999 im Café le Théâtre arbeitete, gab es in der Umgebung nur zwei weitere Lokale, nun reiht sich in der Bolz- und der Lautenschlagerstraße eines an das andere.

Mehr Aufenthaltsqualität für mehr Gastronomie in Stuttgart

In Cannstatt würde Volker Krehl mehr Konkurrenz, die das Geschäft belebt, begrüßen. Der Inhaber von Hotel und Restaurant Linde kann den Kommentar eines Umfrage-Teilnehmers nachvollziehen, dass „die Masse der Fast-Food-Läden mit schlechtem Essen“ den Stadtteil, der mit 5,98 Punkten abgeschnitten hat, „echt billig aussehen lassen“. Der Koch hat ebenfalls den Eindruck, dass „das Bad bei Cannstatt vergessen“ wurde. Der Bezirk habe mit den Mineralquellen und dem Kurpark viel Potenzial, sei jedoch vernachlässigt worden. Für gehobene Gastronomie bleibe in einem solchen Umfeld wenig Platz. Seine Gäste kommen gezielt in die Linde, die in einem Wohngebiet liegt, wo es außer einer Apotheke sonst keine Läden und Lokale mehr gab. Immerhin sei nun gegenüber der Grieche Meze Meze eingezogen, freut er sich.

Sinneswandel bei den Gästen

Das Ergebnis des Heimat-Checks versieht Volker Krehl dennoch mit einem Fragezeichen. Ihm fallen in fast jedem Bezirk „sehr viele gute Adressen“ aus einer Vielfalt von verschiedenen Küchen ein. In der Innenstadt sei natürlich mehr geboten, „das ist der Nachteil in den Stadtrandgebieten“. Optimistisch für die Entwicklung der Branche stimmt ihn, „dass die Nachfrage nach regionaler Küche wieder steigt und junge Leute sich wieder viel mehr fürs Essen interessieren“. Er spürt einen Sinneswandel bei den Gästen, die den Aufwand in der Küche für gute Qualität schätzen und einschätzen können.