Weil der Original-Hahn zwischenzeitlich entwendet wurde, hat der Gebäudeeigentümer einen Ersatz bei Ebay gekauft und auf dem Vordach des Hahnen montiert Foto: T. Krämer

Unbekannte haben kürzlich das Symboltier der Gaststätte Hahnen in Filderstadt-Sielmingen abmontiert und vor dem Stadtarchiv abgestellt. Dahinter verbirgt sich wohl mehr als ein Dummejungenstreich.

Filderstadt - Plötzlich war der Hahn weg. Seit einigen Jahrzehnten schon hatte er den Eingang der Gaststätte Hahnen an der Hauptstraße überwacht. „Das war kein Dummejungenstreich“, sagt Andreas Schweizer. 30, vielleicht auch 40 Kilogramm wiege das vergoldete Bronzetier, das auf dem Vordach fest verschraubt war. „Das schafft man nur mit einer Leiter und auch nicht alleine“, sagt der Haupteigentümer des Gebäudes und ärgert sich darüber, dass ein mehr als einhundert Jahre altes Kulturgut – so Schweizer – „geklaut“ wurde.

An dem gestohlenen Hahn war ein Zettel befestigt

Doch auf Facebook war bald darauf ein Posting mitsamt Bild zu sehen, auf dem das vergoldete Federtier am Eingang des Filderstädter Stadtarchivs in Sielmingen zu sehen war. „Wir haben die Eigentümer umgehend informiert, als der Hahn am Morgen vor der Tür stand“, sagt Nikolaus Back. Gefunden hat der Filderstädter Stadtarchivar jedoch nicht nur das Bronzetier, sondern auch einen Zettel, der daran befestigt war. „Bitte rettet den Sielminger Hahnen!“, stand darauf – unterschrieben von der „Aktionsgemeinschaft zur Erhaltung Filderstädter Traditionsgastronomien“.

Und damit wird klar, dass es sich nicht um Schabernack von Witzbolden gehandelt hat und sich niemand mit dem Gockel bereichern wollte, sondern dass der kurzzeitige Diebstahl einen durchaus ernsten Hintergrund hat. Denn es ist gut ein Jahr her, dass der letzte Zwiebelrostbraten in der einstigen Sielminger Traditionsgaststätte serviert wurde. Der damalige Pächter Joachim Pollak hatte den Pachtvertrag gekündigt und ein neues Restaurant in der Nähe von Böblingen eröffnet. „Von der Küche ist nicht viel übrig geblieben“, sagt Schweizer, die Pächter hätten alles abmontiert.

Der Haupteigentümer des Gebäudes hofft nach eigenen Worten darauf, einen neuen Pächter zu finden. „Doch es ist schwierig“, bekennt Schweizer, durch dessen Kopf verschiedene Ideen schwirren, unter anderem die von Kultur- und Heimattagen im Hahnen.

Droht gar ein Abriss der Traditionswirtschaft?

Aber wenn ein nach seinen Worten „intaktes Gebäude“ ein Jahr lang leer steht, könne man natürlich auch auf andere Gedanken kommen, will heißen: Verkauf und Abriss – „wenn der Preis stimmt“, wie Schweizer sagt. Ganz so einfach ist es allerdings nicht, zumal Schweizer als Stadtrat der Freien Wähler unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit steht und jeglicher Verdacht einer Vetterleswirtschaft auch für die Stadt Filderstadt fatal wäre. Denn das Gebäude prägt nach Ansicht der Stadtverwaltung nicht nur das Stadtbild von Sielmingen.

Das Hahnen-Haus war nach den Worten der Filderstädter Baubürgermeisterin Susanne Schreiber der Auslöser dafür, dass in Sielmingen – und auch in anderen Filderstädter Stadtteilen – Erhaltungssatzungen erlassen worden sind. Diese sollen verhindern, dass architektonischer Wildwuchs die historischen Ortskerne verschandelt. Denn laut einem Inschriftenstein in der Gaststube wurde das Gebäude im Jahre 1606 erbaut. Die Gastwirtschaft Hahnen selbst geht auf das 18. Jahrhundert zurück und war seit 1817 im jetzigen Gebäude. Damit ist der Hahnen die älteste Gastwirtschaft von Sielmingen und wahrscheinlich sogar von ganz Filderstadt.

Der Name der Wirtschaft stammt von der alt eingesessenen Sielminger Familie Hahn, die die Gaststätte bis in die 1920er Jahre führte. Danach übernahm der Metzger Albert Schweizer – nicht verwandt mit den heutigen Eigentümern – die Wirtschaft von seinem Schwiegervater, dem langjährigen Hahnenwirt Carl Hahn (1843-1933). In den 1960er Jahren wurde die Metzgerei aufgegeben und die Gaststube ins Erdgeschoss verlegt.

Momentan grüßt ein Ebay-Hahn

Diese Umbauten gaben letztlich auch den Ausschlag dafür, dass das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht. Doch die Erhaltungssatzung, die für das besagte Gebiet erlassen worden ist, schiebt nicht ins dortige Ortsbild passenden Neubauten einen Riegel vor. „Die Anordnung des Wohngebäudes mit der angebauten Scheune, ein sogenannter Hakenhof, ist typisch für Sielmingen“, erklärt die Bürgermeisterin Schreiber.

Man wolle den Eigentümern in den betroffenen Gebieten signalisieren, dass sie wertvolle Gebäude besitzen und auch die Allgemeinheit ein Interesse an einem schönen Stadtbild habe. Schreiber kann sich beispielsweise für den Hahnen eine Modernisierung des Hauptgebäudes und einen Neubau an der Stelle vorstellen, an der heute die Scheune steht.

Bis eine Entscheidung über den Hahnen fällt, könnte allerdings noch einige Zeit vergehen. Den Bronze-Hahn will Andreas Schweizer lieber erst wieder auf das Vordach stellen, wenn die Diebe gefunden worden sind, sagt er. Bis dahin steht ein – im Gegensatz zum Original – reichlich zerfleddertes Federvieh an seiner Stelle, das Schweizer bei der Online-Auktionsplattform Ebay gekauft hat. „Für 30 Euro“, wie er sagt.

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