Fellbach verliert noch einen Spitzenkoch: Philipp Kovacs, vom Restaurantführer Guide Michelin erst jüngst erneut mit zwei Sternen dekoriert, streicht im Goldberg die Segel.
Gerade mal zwei Wochen ist es her, dass sich der Guide Michelin in einer wahren Lobeshymne aufs Restaurant Goldberg und seinen Chefkoch ergossen hat. „Philipp Kovacs begeistert seine Gäste mit sehr durchdachten Kombinationen“, heißt es in der Mitte März an die Buchläden ausgelieferten aktuellen Ausgabe der bekannten Gourmet-Bibel. Gepriesen wird der Küchenchef nicht nur für die Modernität der Menüs, sondern auch für sein Bekenntnis zu ebenso regionalen wie saisonalen Produkten. Die asiatisch angehauchte Crossover-Küche des 39-Jährigen preisen die Restaurantkritiker als hip, die kulinarische Linie als stilsicher, den Service im Goldberg als charmant.
Ritterschlag für Kovacs und sein Team
Vor allem aber wird das im Fellbacher Kongresszentrum Schwabenlandhalle angesiedelte Speiselokal im wohl wichtigsten Gastronomieführer erneut mit zwei Sternen bewertet – ein Ritterschlag für Kovacs und sein Team. Denn die begehrte Auszeichnung macht das Goldberg nicht nur zum kulinarischen Aushängeschild für die Region. Sie belegt auch, dass die im Jahr 2021 erstmals erfolgte Vergabe des zweiten Sterns keine Eintagsfliege war. In und um Stuttgart gibt es nur zwei Restaurants, in denen in dieser Liga gekocht wird: die vom Guide Michelin in der aktuellen Ausgabe erstmals mit zwei Sternen dekorierte Speisemeisterei mit Stefan Gschwendtner in Schloss Hohenheim – und eben das Restaurant Goldberg in Fellbach.
Auf dem Gipfel seiner Karriere kündigt Kovacs den Rückzug an
Doch ausgerechnet auf dem bisherigen Gipfel seiner kulinarischen Karriere hat der preisgekrönte Küchenchef nun seinen Rückzug angekündigt. Ende Juni ist Schluss für Philipp Kovacs und seinen aus Oeffingen stammenden Sous-Chef Florian Pentzlin, die Tage von Gänseleber mit Birne, Walnuss und Gorgonzola oder einer mit Rhabarber und Pistazien präsentierten Gelbschwanzmakrele sind gezählt. Für die Feinschmecker in der Region ist das eine Hiobsbotschaft, für die Stadt Fellbach eine kleine Katastrophe.
Denn mit dem Aus für die exquisite Küche im Goldberg schwindet auch das in den vergangenen Jahren hart erarbeitete Image als Genießer-Metropole am Tor zum Remstal. Noch vor wenigen Monaten konnte sich Fellbach rühmen, seinen Gästen neben einer Vielzahl an Lokalen mit guter bis gehobener Küche auch mehrere Top-Restaurants mit dem gewissen Etwas bieten zu können. Bis zum Jahreswechsel strahlten vier Michelin-Sterne über der Stadt.
Fellbach wollte den Genuss in den Mittelpunkt der Imagewerbung stellen
Jetzt hat Armin Karrer im Avui mit Trennung von seiner Frau auch die Kochschürze an den Nagel gehängt, der Abschied von Philipp Kovacs ist nur eine Frage der Zeit. Übrig bleibt aus der Riege der lokalen Sterneköche nur Michael Oettinger mit dem Hirsch in Schmiden. Bitter ist das schon vor dem Hintergrund, dass die Stadt im Frühjahr eine Marketingoffensive starten wollte, um Freunde des guten Geschmacks zu locken – und ihre Reize bei Wein, Kultur, Genuss mehr in den Mittelpunkt zu stellen.
Begründet wird der Ausstieg von Philipp Kovacs und Florian Pentzlin im Goldberg übrigens mit der angeblich fehlenden Zukunftsperspektive für das Gourmet-Lokal. Betrieben wird das Restaurant im Kongresszentrum Schwabenlandhalle von Catering-Unternehmer Jörg Rauschenberger, der sich mit seinem Betrieb auch unter dem Eindruck der Coronapandemie neu aufstellen will. Denn fürs einst breit gefächerte Catering-Portfolio fehlt dem Gastronom inzwischen schlichtweg das Personal.
Dem Catering-König fehlt nach Corona schlicht das Personal
Etwa 250 Aushilfskräfte, sagt Jörg Rauschenberger, haben sich seit dem Ausbruch der Viruskrise nach einem neuen Nebenjob umgesehen. Und auch bei den festangestellten Mitarbeitern haben sich mehr als zwei Dutzend bewährte Kräfte einen neuen Arbeitgeber gesucht. Deshalb will der Catering-König sich auf die Geschäftsfelder konzentrieren, in denen das Geld leichter verdient ist. Der Betrieb der Schwabenlandhalle, wo in der Theaterpause schon mal drei Weißweine, zwei Wasser und eine Butterbrezel über den Tresen gehen, zählt definitiv nicht zu den Gewinnbringern. „Wir machen es so ähnlich wie Mercedes, wo wegen der fehlenden Chips auch nicht mehr alle Modellreihen produziert werden. Gebaut wird noch die S-Klasse, weil man mit diesem Auto auch Geld verdient“, sagt der Unternehmer.
Ob Rauschenberg den Pachtvertrag verlängert, ist eher zweifelhaft
Den Betrieb der Stadthallen in Reutlingen und Filderstadt hat Rauschenberger bereits abgestoßen, stattdessen wird ihm ein gastronomisches Engagement in der Motor-World München und in Metzingen nachgesagt. Ob der Ende 2024 auslaufende Pachtvertrag in der Fellbacher Schwabenlandhalle verlängert wird, ist eher zweifelhaft – zumal es schon früher reichlich Klagen gab, der Gastronom würde die kulinarischen Aufgaben für das Kongresszentrum als eher nachgeordnet betrachten.
Für Sternekoch Kovacs wiederum – mit Jörg Rauschenberger keineswegs im Streit – ist dieser Zeithorizont allerdings zu kurzatmig, um im Goldberg weiter mit Vollgas zu wirbeln. Er kündigt den Rückzug an – ob er ein neues Restaurant aufmachen wird oder im Rauschenberger-Reich einen neuen Job annimmt, ist ungewiss.
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