Christine Winkle und ihr Mann Herbert suchen einen Nachfolger für ihre urige Weinstube Löwen in Uhlbach. Foto: /Haasis

Christine Winkle findet, dass sie genug geschafft hat: Im kommenden Frühjahr will die Wirtin von der Uhlbacher Weinstube Löwen in Rente gehen. Ein Nachfolger ist gesucht. Möglicherweise geht dem Stuttgarter Stadtteil ein weiteres Lokal verloren. Wobei sich im Ochsen etwas tut und bald eine Perle öffnet.

Für diese Ankündigung ist Herbert Winkle noch einmal in sein Lokal gekommen. Seine Frau Christine holt tief Luft und sagt: „Ich werde definitiv aufhören – und zwar so bald wie möglich.“ Seit fast 29 Jahren betreibt das Ehepaar die Weinstube Löwen in Uhlbach. Spätestens im kommenden März möchten sie an einen Nachfolger übergeben, der allerdings noch nicht gefunden ist. Und die 65-Jährige wirkt, als hätte sie ein schlechtes Gewissen. Der Löwe ist schließlich die letzte Wirtschaft im Ortskern mit regulären Öffnungszeiten: Der Hasenwirt ist längst abgerissen, der Ochsen macht seit einhalb Jahren nur noch für Veranstaltungen auf, und sogar das Dreimädelhaus blieb diesen Herbst zu. „Nach Uhlbach gehört wieder ein schwäbisches Lokal“, findet Christine Winkle. Immerhin soll im Frühling das neue, lang angekündigte Tageslokal in der ehemaligen Bäckerei Hägele starten. Und auch im Ochsen tut sich ein bisschen was.

 
Seit Mai 2023 ist der Ochsen in Uhlbach hauptsächlich geschlossen und nur für Feiern und Gruppen geöffnet. /Kathrin Haasis

„Es ging ruckzuck“, findet Christine Winkle. Ein Lokal nach dem anderen hat Uhlbach in kurzer Zeit verloren – und ihre Wirte. Im Mai 2023 ist Elke Wagner vom Ochsen morgens nicht mehr wie üblich aufgewacht. Im vergangenen März starb Josef Stritzelberger, der bis zum Jahr 2018 den Hasenwirt betrieb. Diesen Monat  folgte ihm seine Frau Waltraud. Die Krone in Uhlbach bewirtschaftet Maria Engel seit dem Tod ihres Mannes im Sommer 2023 alleine. Ihren Stammgästen serviert sie an sieben Tagen in der Woche Mittagstisch, abends öffnet sie nur für Feiern und Gruppen. „Ich arbeite halt gerne“, sagt sie, „und solange es gesundheitlich gut geht, mache ich weiter.“ Und dass im Dreimädelhaus der Herbst ausgefallen ist, erklärt Anette Currle mit dem Tod ihres Vaters Frit z. „Wir sind uns bewusst, was es für eine Lücke in Uhlbach gerissen hat.“ Wie es mit dem Gutsausschank weitergeht, ist noch offen.

Seit 29 Jahren steht Christine Winkle in der Küche der Weinstube

Christine Winkle kommt jedenfalls auch schon auf 52 Berufsjahre. Und ihr Mann Herbert kommt mit seinen 84 Jahren und nach einer schweren Erkrankung im Sommer kaum noch in den Löwen. Ein Lokal zu betreiben, war sein Traum. „Sie ist eine Superköchin“, lobt er seine Frau, die seither in der Küche steht. „Es wird Zeit, dass wir zur Ruhe kommen“, sagt Christine Winkle. Zwei, drei Interessenten haben sich die urige Weinstube schon angeschaut. Im Prinzip sei der Löwen ein Ausflugslokal, von Frühjahr bis Herbst voll mit Wanderern und Weintouristen und garantiert jeden Sonntag ausgebucht. Oft musste Herbert Winkle wegen Platzmangels Gäste wegschicken. Aber das Haus stammt aus dem Jahr 1690, es ist verwinkelt, die Küche ist klein, und die Sorgen von Christine Winkle sind groß: „Uhlbach ohne Lokal , das ist eine Katastrophe.“

Möglicherweise schaffen Annette Currle, Annette Ehrlich und Holger Köckritz einen fließenden Übergang, wenn es mit den Bauarbeiten endlich glatt läuft. Perle soll das Lokal am Uhlbacher Platz heißen nach einem Spruch vom früheren Oberbürgermeister Manfred Rommel, der den Stadtteil als die Perle Stuttgarts bezeichnet hat. Zwischen 9 und 20 Uhr wird es dann Backwaren, Kaffee und Kuchen, einen Mittagstisch und Häppchen sowie Uhlbacher Wein geben. An zwei Abenden sind längere Öffnungszeiten geplant. „Ein Anlaufpunkt für Jung und Alt“ ist das Ziel, erklärt die Sängerin und Stadtführerin Annette Ehrlich, die bei dem Projekt für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist, während Annette Currle als Gastronomin „das Gesicht der Perle“ wird. Mit „moderner Gemütlichkeit“ beschreibt sie die Einrichtung, ein Klavier wird es geben, Lesungen und andere Veranstaltungen sind geplant, damit wieder Leben am Ortskern einkehrt.

Neue Ideen für den Uhlbacher Ochsen

„Der Ochsen wird wieder mehr aufmachen“, lautet die Neuigkeit von Uta Wagner. Allerdings führt sie schnell an, dass es „den alten Ochsen“, wie sie ihn mit ihrer Schwester Elke führte, nach wie vor nicht mehr geben wird. Nur für private Feiern oder traditionelle Termine lässt sie seither Gäste in das Wirtshaus. Doch im Dezember findet ein kleiner Weihnachtsmarkt im Garten und auf der Gasse davor statt, die Organisatoren sind aktive Ortsansässige. Ähnliche Pop-up-Aktionen sollen folgen. „Es entsteht Neues“, freut sich die 71-Jährige, „die Ideen sind da.“ Mit Björn Schwarze hat sie einen professionellen Koch gefunden, der bei diesen Gelegenheiten die Küche übernehmen wird, sofern es seine Berufstätigkeit zulässt. Viel mehr kann und will sie noch nicht verraten. Zumal der Ochsen immer gleich ausgebucht ist, wenn sie ihn doch mal aufschließt. „Ich dachte, ich räume aus“, sagt Uta Wagner über ihre früheren Pläne für das Traditionslokal, „aber jetzt mache ich halt mit.“

Herbert Winkle kann sich noch gut daran erinnern, dass es in Uhlbach einmal ein halbes Dutzend Lokale gegeben hat. „Bei schönem Wetter ist hier der Teufel los“, sagt seine Frau über den Bedarf. Im Sommer hat sie deshalb sogar die neben dem Haus befindliche Trollinger Stube wieder geöffnet, obwohl sie eigentlich genug zu tun hat. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge denkt Christine Winkle ans Aufhören, sagt sie: „Es fällt mir wirklich nicht leicht.“