Viele Menschen hoffen, dass die Betriebe bald öffnen können. Foto: dpa

Michael Matzke, Kreischef des Hotel- und Gaststättenverbands, spricht über die dramatische Lage der Branche durch den Lockdown.

Rems-Murr-Kreis - Gastronomie und Hotellerie im Land sind in besonderer Weise von den Folgen der Corona-Pandemie betroffen. Michael Matzke, Kreischef beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Dehoga, sagt, wie es im Rems-Murr-Kreis aussieht.

 

Herr Matzke, wie ist die Situation der Gastronomiebranche im Kreis?

Jeder Betrieb ist anders: Pachtbetrieb oder Eigentumsbetrieb? Take-away-Geschäft oder nicht? Liquiditätsreserven vor der Krise oder Schulden, zum Beispiel, weil man investiert hat? Die Frage, wo ein Betrieb steht, hängt von vielen individuellen Faktoren ab. Unsere Betriebe sind jetzt schon zum zweiten Mal geschlossen und dürfen nur noch Liefer- und Abholdienste anbieten. Die bringen im Regelfall höchstens zehn bis 15 Prozent des Normalumsatzes, selbst wenn es gut läuft. Auch die Hotellerie ist faktisch zu: Sie darf nur Geschäftsreisende beherbergen, und die Umsätze, die am Geschäftsreisebetrieb hängen, waren schon vor dem Lockdown light eingebrochen. Das gilt für die ganze Branche: Seit Beginn der Krise im März 2020 verzeichnet das Gastgewerbe im Land über 30 Prozent Umsatzverlust – da sind in der Summe bislang geschätzt gut vier Milliarden Euro Verluste aufgelaufen. Auch im Sommer, als alles wieder normaler ausgesehen hat, haben wir rund 20 Prozent weniger Umsatz gemacht als im Vergleichszeitraum 2019. Wir hatten also seit März zu keinem Zeitpunkt eine auch nur annähernd normale Situation.

Wie viele Betriebe gibt es im Rems-Murr-Kreis, und wie viele Arbeitsplätze hängen hier daran?

Im Rems-Murr-Kreis gibt es etwa 1300 Gastronomie- und Beherbergungsbetriebe. 3000 sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter sowie etwa 4000 Minijobber sind in diesen Betrieben beschäftigt.

Der Präsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga in Nordrhein-Westfalen rechnet damit, dass bis zu 35 Prozent der Betriebe in Insolvenz gehen werden. Was glauben Sie?

Wir rechnen mit 25 Prozent Insolvenzen. Durch die Verlängerung der Anzeigepflicht wird sich dieser Prozess erst in den nächsten Monaten auswirken. Eine weitere schwere Belastung für die Zukunft sind die Schulden, die viele von uns in den letzten Monaten aufnehmen mussten, um wirtschaftlich durchzuhalten. Sie drohen auf Jahre hinaus die Investitionskraft der Unternehmen zu schwächen. Aus diesem Grund kämpfen wir jetzt schon für bessere Rahmenbedingungen nach der Krise. Der reduzierte Mehrwertsteuersatz auf 7 Prozent ist richtig, wirkt sich aber nur bei geöffneten Betrieben positiv aus. Denn nur mit vernünftigen Erträgen können wir nach der Wiederöffnung die Lasten abtragen, die diese Krise uns aufgebürdet hat.

Wie kommen die Hilfen, die bis zu 75 Prozent des eigentlichen Umsatzes ausmachen können, eigentlich an?

Unsere Betriebe sind geschlossen, die Not ist groß, auch wenn die November- und Dezember-Hilfen nun endlich bei einer immer größeren Zahl von Betrieben eintreffen. Die Zeiten sind nach wie vor extrem hart für uns, aber diese Zahlungen helfen vielen Betrieben des Gastgewerbes, wirtschaftlich zu überleben. Dass sie überhaupt kommen – wenn auch leider viel zu spät – hat entscheidend mit unserer Verbandsarbeit zu tun: Ohne den Dehoga gäbe es keine Dezemberhilfe für das Gastgewerbe. Und ohne den Druck unseres Verbandes wären auch wichtige Verbesserungen bei der Überbrückungshilfe III nicht gekommen. Der Verband wird sich zudem weiterhin dafür einsetzen, dass auch die zugesagten Hilfen schnell und vollständig ankommen.

Was ist, wenn Restaurants und Cafés wieder aufmachen dürfen? Wie lange dauert es dann aus Ihrer Sicht, bis sich die Unternehmen wieder stabilisieren können?

Wir hoffen auf schnellstmögliche Öffnungsperspektiven, und wir gehen jetzt auch schon die Themen an, die nach der Wiederöffnung zur neuen gastronomischen Normalität führen sollen. Wie lange das dauert, kann niemand vorhersehen.

Wie sieht das Fazit der Lage aus Ihrer persönlichen Sicht aus?

Mit geschlossenen Restaurants, Hotels und allen Freizeiteinrichtungen trifft der zweifache Lockdown uns alle sehr hart. Durch die Schließungen werden die sozialen Kontakte verstärkt ins private Umfeld verlegt. Dort gibt es keine Hygienekonzepte, und es findet auch keinerlei Kontrolle über die Anzahl der Kontakte statt. Wir, die Gastronomen und Hoteliers, haben mit größtmöglichem Einsatz und im eigenen Interesse dafür Sorge getragen, dass die Hygienemaßnahmen eingehalten wurden. Die geringe Infektionsrate in unseren Betrieben hat die Wirksamkeit dieser Maßnahmen bestätigt. Viele Arbeitsplätze sind bedroht, vielen Gastronomen und Hoteliers droht die Insolvenz. Auch die gesamte Zulieferindustrie ist von der Schließung betroffen. Trotzdem schauen wir mit Zuversicht in die Zukunft und freuen uns auf unsere Gäste. Unsere Philosophie ist nicht nur der Verkauf von Essen und Trinken zur Nahrungsaufnahme, sondern wir leben vom Miteinander und der Geselligkeit.