Der Schöpfer des Amadeus in Heiningen hat den Vertrag mit den Pächtern zum Jahresende gekündigt. Die Rede ist von Uneinigkeiten und Lärmbelästigung. Bemühungen von Bürgermeister, Künstlern und Stammgästen um den Fortbestand blieben erfolglos.
Ein lauer Sommerabend, ein kühles Getränk – vor dem Bistro Amadeus in Heiningen ertönt Mozarts kleine Nachtmusik. Die „Sommerserenade“ mit Salonmusik, leichter Klassik, ein bisschen Operette und einigen Balladen wird aus der Taufe gehoben. Jürgen Rothfuß am Keyboard, Susanne Welz an der Querflöte, Martin Neumann an der Violine und Sängerin Ingrid Schneider mit viel Stimme begeistern ihr Publikum nach kurzer Zeit.
Der Wirt wollte bis zum Ruhestand weitermachen
Alles könnte so schön sein, hinge nicht eine dunkle Wolke über dem Amadeus. Keine Wetterwolke – der Himmel ist völlig klar an diesem Abend – sondern die Bewusstseinswolke, dass die erste „Sommerserenade“ wohl auch die letzte sein wird: Das Amadeus wird zum Jahresende schließen. Nicht wegen Personalnot oder weil die Wirtsleute keine Lust mehr haben, sondern weil ihnen eine fristgerechte Kündigung des Pachtvertrags ins Haus geflattert ist.
„Wir dachten, wir machen das hier bis zu unserem Ruhestand“, sagt Rainer Tkotz. „Es läuft nach Corona so gut wie nie, wir würden gerne weitermachen und sind nach wie vor dazu bereit.“ Doch die Aussichten auf einen Fortbestand des Bistros Amadeus tendieren gegen null: Stammgäste, Bürgermeister Norbert Aufrecht und auch Jürgen Rothfuß haben vergeblich versucht, den Verpächter umzustimmen.
Symbiose aus Wirt, Freunden und Gästen
„Auf den kurzen Nenner gebracht: Wir waren nicht erfolgreich“, erklärt Stammgast Albrecht Kuhn. Wohin nun zum Feierabendbier, nach der Chorprobe, nach dem Training? Wo soll man sich künftig treffen? Ob Gruppen, Paare oder Singles, das Amadeus ist für viele eine Anlaufstelle, an der immer Bekannte oder Freunde anzutreffen sind. Eine bei Jung und Alt beliebte Location, deren Konzept sich sozusagen aus sich selbst heraus und durch die Gäste entwickelte.
„Es war eine Symbiose aus Wirt, Freunden und Gästen“, erinnert sich Jürgen Rothfuß, für den das „Ama“ – wie für viele andere – bald so etwas wie eine zweite Heimat wurde. „Ein Kontakthof, in dem sich Freundschaften entwickelten, und ein Ort, an dem sich spontane Ideen unkompliziert in die Tat umsetzen ließen“, beschreibt er. Das zum Inventar gehörige Klavier ermöglichte Geburtstagsständchen und kleine Spontankonzerte, die hin und wieder in einer Session mündeten. Das „Ama“ wurde zur Ideenbrutstätte mit dem Motto „Nichts ist unmöglich“ und so manche Veranstaltung erreichte im Laufe der Jahre legendären Kultstatus.
Mehrere Pächterwechsel, aber das Konzept blieb
Nach 18 Jahren „Wirtsein“ gab Norbert Pfauser das „Ama“ an einen Pächter weiter, der aber bereits nach einem Jahr das Handtuch warf. Sein Konzept „Speiselokal“ kam bei den Gästen nicht an. Sorge um den Fortbestand der Kneipe machte sich breit, bis schließlich eine zwölfköpfige Gruppe aus Stammgästen den „Rettungsschirm“ aufspannte. Die tagsüber berufstätigen „Hobbywirte“ stemmten das „Ama“ sechs Jahre lang, dann ging ihnen die Luft aus.
2013 fanden sich mit der Familie Tkotz endlich Wirtsleute, die den Charme dessen, was das Amadeus ausmachte, erhielten. Dass es damit nun endgültig vorbei sein soll, stimmt viele traurig. Auch den Verpächter Norbert Pfauser. „Ich habe lange gebraucht, den Entschluss zu fassen, denn das Amadeus ist ja irgendwie mein Baby“, erklärt er.
Stammgäste trauern um ihr Lieblingslokal
Die Gründe seien jahrelange, jetzt unüberbrückbar gewordene Uneinigkeiten über Verbindlichkeiten. Auch habe die veränderte Wohnsituation im Haus zu Problemen mit der Lautstärke der Kneipe im Untergeschoss geführt. „Es ist natürlich jammerschade, dass das Amadeus, das mit dem Ehepaar Tkotz gute Wirtsleute gefunden hatte, nun zumacht“, bedauert Jürgen Rothfuß. „Ich habe hier fast mein halbes Leben verbracht. Es ist kaum vorstellbar, dass es diesen Kulturtreff in Heiningen nicht mehr geben wird, doch man muss Entscheidungen akzeptieren und respektieren.“ Auch Bürgermeister Norbert Aufrecht bedauert das Aus: „Für Heiningen ist es in kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht eine Katastrophe. Wir waren immer stolz darauf, noch einen solchen Treffpunkt zu haben, den es ja in vielen Gemeinden schon lange nicht mehr gibt.“ Er befürchtet, „dass, wenn es den Ort nicht mehr gibt, auch keine neuen Ideen mehr entstehen. Einen adäquaten Ersatz zu finden, wird schwierig, aber man muss die Argumente eines Eigentümers akzeptieren“.
Das Inventar würde der Eigentümer spenden
Norbert Pfauser erklärt: „Falls die Gemeinde einen geeigneten, anderen Ort findet, würde ich das Inventar und den Namen des Amadeus gerne spenden, um die Atmosphäre und den Geist des „Ama“ weiterleben zu lassen.“
Eröffnung galt als verrückte Idee
Kultur
Das Amadeus ist mehr als eine kleine Gaststätte. Das Bistro brachte in den vergangenen 35 Jahren kulturelles sowie gesellschaftliches Leben zusammen und war Keimzelle für neue Ideen sowie Veranstaltungen. Betreiber und Gäste richteten Ausstellungen, Kabarett, Konzerte, Lesungen und Vernissagen im Amadeus aus. Es gab zahlreiche Veranstaltungen, die kulturelle Vielfalt war ausgeprägt.
Anfänge
Das Bistro geht auf Norbert Pfauser zurück. Er verwandelte 1988 den Gemischtwarenladen seiner Eltern in das Amadeus. Die Eröffnung einer Kneipe auf dem Land galt manchen als verrücktes und aussichtsloses Unterfangen. Doch das Bistro in Heiningen entwickelte sich zu einer Erfolgsgeschichte, und Pfauser widerlegte Bedenkenträger und Kritiker.