Das Grundstück mit dem kleinen Kiosk und dem alten, aber nicht mehr verkehrssicheren Baum befindet sich ganz in der Nähe der Haigstkirche. Foto: Jürgen Brand

Das umstrittene Café in Stuttgart-Degerloch ist vom Gestaltungsbeirat unter die Lupe genommen worden. Mit dem Ergebnis: Die aktuellen Pläne gefallen nicht.

Degerloch - Das spitz zulaufende Grundstück an der Ecke Alte Weinsteige und Auf dem Haigst, hoch über Stuttgart und direkt an der Zacke, ist klein und wirkt für den Laien auf den ersten Blick fast unbebaubar. Trotzdem hat es der engagierte Haigst-Bewohner Reiner Xaver Sedelmeier, selbst Künstler und Kommunikationsexperte, gekauft, um es zum Wohle der Nachbarschaft und des Viertels neu zu gestalten. Nur sind nicht alle Nachbarn damit einverstanden. Und beim zweiten Besuch von Sedelmeier und seinem Architekten im Gestaltungsbeirat der Landeshauptstadt kamen die neuen Entwürfe alles andere als gut an.

Ein großer alter Baum beherrscht zurzeit noch die Szene auf der Fläche in unmittelbarer Nähe zum Santiago-de-Chile-Platz und nahe der Haigstkirche. Unter dem Baum versteckt steht ein kleiner Behelfsbau mit der Aufschrift „Feinkost Haigst“, er stammt wohl aus den 1950er Jahren. In dem kleinen Laden können sich die Anwohner unter anderem mit frischem Obst und Gemüse versorgen. Die Zacke fährt vorne, an der Stadtseite, so nah vorbei, dass man sich als die Aussicht genießender Passant unwillkürlich Sorgen um das Ladengeschäft macht.

Café mit Aussicht auf dem Haigst?

Als die ersten Pläne von Reiner Xaver Sedelmeier vor mehr als eineinhalb Jahren bekannt wurden, war das einzelnen Nachbarn gar nicht recht. Sedelmeier plant einen Neubau mit einem kleinen Lebensmittelmarkt, mit einem Bäcker und einem kleinen Café mit Aussicht obendrauf, alles in guter Bio-Qualität, wie er und sein Architekt auch jetzt im Gestaltungsbeirat wieder betonten.

Ein Anwohner fürchtet wegen der Höhe des Gebäudes um die Aussicht für die Bewohner der sozusagen dahinter, auf der anderen Seite der Straße Auf dem Haigst, stehenden Gebäude. Das Café werde zu einem Parkplatzproblem führen, prognostizierte er Anfang 2020. Und die Silhouette der erwähnten Häuserreihe wäre dann auch nicht mehr vom Schlossplatz zu sehen, was nach damaligen Angaben des Anwohners auch der Stadt einmal wichtig gewesen sein soll.

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Die Expertinnen und Experten des Gestaltungsbeirats plagten in ihrer Sitzung im Hospitalhof am 13. Juli aber ganz andere Sorgen. Das Gremium sei ursprünglich von der Idee sehr angetan gewesen, hieß es. Aber jetzt, angesichts der nun vorgestellten neuen Gestaltungsentwürfe, sei man enttäuscht.

Bauherr und Architekt stellten ein horizontal gegliedertes Gebäude mit einem zweigeschossigen Sockelgeschoss und dem Café oben vor, mit großen horizontalen Fensterflächen und großen grauen Flächen am Sockel. Die Fenster seien notwendig, um von vorne soviel Licht wie möglich in das Gebäude zu bekommen, argumentierten die beiden. Und den Sockel brauche man für die erforderlichen Nebenräume. Außerdem sei das Gebäude nur so barrierefrei erreichbar.

Sedelmeier nimmt Kritik mit

Der Beiratsvorsitzende Patrick Gmür sagte, er hege immer noch große Sympathien für das Projekt als Ort für die Nachbarschaft. Er habe sich ein kleines, feines Haus vorgestellt, vielleicht mit Holzvordach, alles ganz sorgfältig und schön geplant und gestaltet. Aber jetzt gebe es viel zu viel Glas, sogar Glasgeländer sind vorgesehen. Auch seine Kollegin Dörte Gatermann sagte, im ersten Entwurf hätte man „ein wunderschönes zart gemachtes“ Gebäude gesehen, jetzt sei es „Investorenarchitektur“. Und Johannes Kister meinte: „Es ist auf einmal schwer geworden und drückt.“

Sedelmeier widersprach dem einen oder anderen Kritikpunkt. „Wir haben auch über Holz und Leichtigkeit nachgedacht“, sagte er. „Aber da muss etwas Massives hin. Wir können da unmöglich ein leichtes Gebäude hinstellen, sonst fliegt ihnen alle fünf Minuten die Kaffeetasse aus der Hand” – wegen der ganz dicht vorbeifahrenden Zacke. Über die Anregungen des Gestaltungsbeirats will er jetzt noch einmal nachdenken. „Das nehmen wir so mit und gehen da noch einmal ran“, kündigte er an. Und Patrick Gmür lud ihn zu einem dritten Besuch ein: „Sie dürfen nochmals wiederkommen, wenn Sie wollen.“

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