Ein Bild aus besseren Tagen: Nadine und Lars Volbrecht in der Alten Vogtei in Köngen. Das Restaurant ist seit Monaten geschlossen. Foto: Horst Rudel

Gegen den Ex-Pächter der Alten Vogtei in Köngen läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Betrugs. Derzeit ist er in der Schweiz, seine Gläubiger versuchen vergebens ihn zu finden.

Stuttgart - So kurz war in der Geschichte des „Guide Michelin“ wohl noch kein Restaurant mit einem Stern ausgezeichnet. Am Dienstagabend hatte der Restaurantführer in Berlin bei einer Gala die Köngener Alte Vogtei (Kreis Esslingen) neu geehrt, am Mittwoch war der Stern bereits wieder weg. Denn das Lokal gibt es längst nicht mehr, der einstige Pächter Lars Volbrecht hatte es vor mehr gut acht Monaten geschlossen. Die Geschichte dahinter liest sich abenteuerlich. Es geht um verärgerte Vermieter und Lieferanten – von 80 Gläubigern ist die Rede. Um unbezahlte Rechnungen und Gehälter, sprich: Es geht um viel Geld, um Ermittlungen wegen Betrugsvorwürfen gegen Volbrecht – und letztlich um die Ehre.

„Wie kann man sich in Berlin bei der Michelin-Gala­ dreist hinstellen und einen Stern entgegennehmen, wenn man so viele Leute geprellt hat?“, fragt der Koch Aaron Turner empört. Bis Mai 2018 war er in Köngen als Küchenchef bei Volbrecht tätig. Doch er kündigte, nachdem sein Gehalt zwei Monate lang ausgeblieben war, und ging juristisch gegen seinen Ex-Chef vor. Wie ihm sei es vielen ergangen, erzählt Turner, der inzwischen im Gourmetrestaurant Berlins Krone in Zavelstein (Kreis Calw) arbeitet. Ob Angestellte, Lieferanten, Vermieter: „Volbrecht hat einfach nicht mehr bezahlt“, sagt Turner. Vermutlich sei ihm alles über den Kopf gewachsen. „Doch statt sauber Insolvenz anzumelden, hat er sich in die Schweiz abgesetzt.“ Und was sagt Lars Volbrecht dazu? Alles Gerüchte und Halbwahrheiten.

Neuer Job in der Schweiz?

Er habe „in der Schweiz eine weitere Herausforderung gefunden“, schrieb er am Mittwoch in einer Stellungnahme gegenüber unserer Zeitung. Am Freitag gab er auf weitere Anfrage allerdings zu: Ja, es gebe offene Rechnungen. Er sei aber gewillt eine saubere Lösung zu finden: „Die Rechnungen werden derzeit nach und nach beglichen.“ Er habe seinen Anwalt beauftragt: „Damit jeder Gläubiger sein Geld bekommt.“

Patrick Bonomi überrascht diese Aussage. Der Gastronom, der in Wendlingen die Villa Behr betreibt, hatte die Alte Vogtei vor Volbrecht gepachtet – und ihm das gesamte Inventar verkauft, als er das Haus übergab. „Herr Volbrecht schuldet mir aus dem Kaufvertrag 100 000 Euro. Ich habe vor Monaten Strafantrag wegen Betrugs gegen ihn gestellt.“ Als unsere Zeitung ihn mit diesen Vorwürfen konfrontiert, beteuert Volbrecht, er habe stets vorgehabt, die Außenstände zu begleichen: „Ich habe mein Eltern­haus verkauft, um das Inventar der Alten Vogtei kaufen zu können“, schreibt er per Mail. Doch dann habe sich herausgestellt, „dass auf dem Haus eine Pfändung lag“. Von einer Betrugsabsicht könne somit keine Rede sein. Dennoch wird gegen den entthronten Sternekoch ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart habe am Amtsgericht Böblingen Anklage wegen Betrugsvorwürfen erhoben, bestätigt ein Sprecher. Zweimal habe man versucht, ihm die Anklage in der Schweiz zuzustellen: erfolglos­. Nun sei Volbrecht zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben.

Wo sich der Gatronom aufhält, wüssten auch Monika und Hans Kusterer vom gleichnamigen Weingut in Esslingen gern: „Er schuldet uns 1350 Euro. Wir haben einen Vollstreckungsbescheid gegen ihn erwirkt.“ Nur: Wie und wo sollen sie das Geld eintreiben? „Er ist verschwunden. Ich habe noch nie erlebt, dass jemand so viel verbrannte Erde hinterlassen hat“, sagt Monika Kusterer. Auch vielen anderen Lieferanten sei „übel mitgespielt“ worden: „Die hat es teils noch heftiger getroffen.“

„Er hat viele getäuscht“

Immerhin: Die Vermieter des heimeligen Fachwerkhauses, in dem die Alte Vogtei beheimatet ist, haben den Streit mit ihrem Ex-Pächter inzwischen beigelegt. Vor Gericht. Man habe auf die Begleichung der Mietrückstände verzichtet, im Gegenzug habe Volbrecht das Haus im Juni 2018 geräumt, sagt eine der Vermieterinnen, die nicht namentlich genannt werden will. Volbrechts Vorwurf, man habe ihn nicht über einen Schimmelbefall im Haus informiert, und dieser habe dann zu der Schließung des Lokals geführt, tritt sie entschieden entgegen: Der Alten Vogtei sei die Konzession – anders als von Volbrecht behauptet – keinesfalls entzogen worden. Derzeit suche man einen neuen Pächter.

Das ist auch im Panoramarestaurant Triemel in der Schweiz der Fall, das Volbrecht derzeit noch gepachtet hat. Rolf Bucher, der Verwaltungsratspräsident der Sportbahnen Hochwang, zu denen das Lokal gehört, hält sich bedeckt und will nur so viel verraten: „Herrn Volbrecht wurde bereits im Dezember 2018 auf das Saisonende am 30. April 2019 gekündigt.“ Sein Amtsvorgänger hingegen nimmt kein Blatt vor den Mund: „Das war ein Trauerspiel“, sagt Bruno Hardmeier. „Der Mann hat hier viele Leute getäuscht und um Geld geprellt.“ Auf Instagram kündigt Volbrecht jedoch schon ein weiteres Projekt an: Er werde im Juni ein Lokal in Chur eröffnen. „Da kann man nur hoffen, dass nicht noch mehr Leute geschädigt werden“, kommentiert Bonomi.

Stellt sich noch die Frage, wieso Lars Volbrecht überhaupt zur Sterne-Gala fuhr. „Ich war persönlich in Berlin und habe den Michelin-Stern als Auszeichnung für mein Team und mich gesehen. In der Alten Vogtei steckte mein ganzes Herzblut “, schreibt er unserer Zeitung. Die Aktion kam in der Branche allerdings nicht gut an. Aaaron Turner wertet sie „als Schlag ins Gesicht eines jeden hart und ehrlich arbeitenden Kochs“. Auch Nico Burkhardt, im Stuttgarter Olivo jahrelang mit einem Stern geehrt und seit Herbst 2018 in Schorndorf mit dem Hotel und Restaurant Pfauen selbstständig, wundert sich: „Lars Volbrecht hätte klipp und klar sagen müssen, dass sein Lokal zu ist. Den Stern anzunehmen, war einfach unfair und unkollegial.“

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