51 Jahre in der Küche: Klaus Bertleff mit seiner Tochter Diana Foto: Simon Granville

Nach 51 Jahren am Herd machen Klaus Bertleff und seine Tochter Diana das bekannte Wirtshaus am Ezach in Leonberg zu. Besonders traurig sind die Gäste.

Zielgerichtet geht Klaus Bertleff zum Tisch rechts von der Theke und deutet auf die hölzerne Sitzbank: „Hier hat er gesessen.“ Mit „er“ ist Dieter Ortlieb gemeint. Der frühere Leonberger Oberbürgermeister war einer der ersten Gäste, nachdem 1970 das Wirtshaus am Ezach, eröffnet wurde. Damals hatte Bertleff im elterlichen Betrieb als Bub schon mitgeholfen. Jetzt, 53 Jahre später, zieht sich der begeisterte wie begnadete Koch ins Privatleben zurück.

 

Der Abschiedsschmerz ist zumindest im Moment nicht ganz so groß. Denn das urige, ganz in Holz gehaltene Lokal bleibt im Besitz der Familie. Bertleff will es nicht verpachten und auch nicht umgestalten: „Wir lassen alles so, wie es ist.“ Außerdem läuft in den Adventswochen der Betrieb wie immer – also auf Hochtouren. Das Lokal ist bis zum Abschiedsabend am 29. Dezember jeden Abend komplett ausgebucht.

„Bei uns geht seit Jahren im Dezember die Post ab. Und in der ersten Januarwoche haben wir seit eh und je geschlossen“, sagt denn auch Bertleffs Tochter Diana, die sich seit 27Jahren im Restaurant um den Service kümmert. „Das Abschiedsgefühl wird sich wohl erst Mitte Januar einstellen, wenn wir sonst wieder aufmachen würden.“

Dann aber bleiben die Türen des Ezach-Eck geschlossen, wie das Restaurant, das tatsächlich am Rande des Wohngebiets Ezach liegt, im Volksmund genannt wird. „Es ist an der Zeit. Die ganzen Umstände werden immer schwieriger“, sagt Klaus Bertleff mit Blick auf steigende Steuern, schärfere Auflagen und fehlendes Personal. „Du hast niemanden mehr, auf den du dich verlassen kannst.“ Außer auf die eigene Familie. Auf die Tochter natürlich. Seine Partnerin arbeitet mit – und die 89-jährige Mutter putzt den Ackersalat oder die Pfifferlinge.

Die Anfänge mit Bierverkauf

Losgegangen war die Wirtstradition an der Ecke Gebersheimer Straße/Vizinalweg, wie die Ezachstraße damals noch hieß, im Jahr 1969. Damals war es üblich, dass in Privathaushalten Bier verkauft wurde. Bei Klaus Bertleffs Großvater Michael nahmen die Kunden den Gerstensaft nicht immer gleich mit heim, sondern gönnten sich direkt im Hause Bertleff den einen oder anderen Schluck. Der Vorläufer des heutigen Restaurants war entstanden.

Die Familie ließ den einstigen Stall umbauen – im bayerischen Brauhaus-Stil, ganz in dunklem Holz. So sieht es bis heute aus. Die Stützbalken in der Mitte sind die Originale von damals. Der junge Klaus ging in die Lehre, die Familie verpachtete das Lokal. Nach 20 Jahren in verschiedenen Restaurants kehrte Klaus 1994 ins Eltinger Elternhaus zurück, um die Leitung zu übernehmen.

Erfolgsrezept „Hier kocht der Chef“

Von Anfang an setzte er auf regionale Küche mit hochwertigen Zutaten. Heute in der Gastrolandschaft durchaus selten, gab es damals in Leonberg noch mehrere Restaurants mit gehobener deutsche Küche: Jörg Mink, mittlerweile im Schloss Solitude, hatte den Eltinger Adler, das Brauhaus Kirchner war eine beliebte Anlaufstelle, und am Marktplatz hatte Piet Knöpfle die Krone zum kulinarischen Treffpunkt gemacht.

Trotz der großen Konkurrenz konnte sich Klaus Bertleff mit dauerhafter Qualität behaupten. Bei ihm gilt das alte Motto „Hier kocht der Chef“, und genau das ist sein Erfolgsrezept. Die Leute kommen wegen seines Essens. Deshalb war eine Vergrößerung auch nie ein Thema: „Wenn ich alleine koche, geht das ja gar nicht. Vertreten hat mich in all den Jahren niemand.“

Kutteln sind nicht mehr gefragt

Der Erfolgsdruck indes ist im kleineren Rahmen nicht minder gering: „In unserer Größe muss man jeden Tag ausverkauft sein, sonst funktioniert es nicht.“ Ein hartes Geschäft: „Wir haben uns unsere Stammgäste in Jahrzehnten erarbeitet“, sagt er heute.

Die wissen, was sie wollen: Trendwenden haben die Bertleffs selten beobachtet. „Saure Nierle etwa oder Kutteln waren jahrelang gefragt. Heute geht das gar nicht mehr“, erinnert sich der Chef an die Anfangsjahre. Heute wiederum werden Bäckle gerne gegessen. Als er sie schon einmal vor einigen Jahren auf der Karte hatte, wollte sie niemand.

Und dann ist da noch die Veggie-Sache, die aber im Ezach-Eck kein wirkliches Thema ist. „Für Veganer und Vegetarier sind wir nicht unbedingt das richtige Lokal“, sagt Diana Bertleff. „Wobei es jeden Tag vier bis fünf frische Gemüsesorten gibt, die auch gerne gegessen werden.“

Vater und Tochter reden so, als lägen noch viele gastronomische Jahre vor ihren. Wären da nicht die ersten Abschiede. Stammgäste, die manchmal nach Jahrzehnten zum letzten mal unter Tränen Ade sagen. Die Blumen schicken. Oder Abschiedsbriefe schreiben, in denen steht, dass die Ezach-Tradition in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben wird. „Das rührt uns natürlich “, sagt der Chef. „Aber nach 51 Jahren in der Küche muss ich an meine Gesundheit denken.“ Zwei Tage vor Silvester ist also Schluss. Definitiv und endgültig? Klaus Bertleff lächelt: „Ich brauche eine Auszeit.“ Was ja nicht bedeutet, dass er nicht ab und an doch noch mal am Herd steht.