Vor dem Breuninger ist der rote Teppich für das Cotidiano ausgerollt, das am Freitag eröffnet hat. Foto: ubo

Während die einen Wirte ums Überleben kämpfen, eröffnen andere neue Lokale – als Signal für eine gute Zukunft. Die Ketten Peter Pane und Cotidiano sind in Stuttgart gelandet. Ein Streifzug zwischen rotem Teppich und großen Ängsten.

Stuttgart - Auf der Toilette des neuen Burgerestaurants spricht aus den Boxen eine angenehme Erzählstimme zu denen, die hereintreten. Das Märchen von Peter Pan, vom Jungen, der nie erwachsen werden will, klingt so schön, dass man länger bleibt als nötig an diesem Örtchen. Märchen haben meist ein Happy End. Die Helden müssen davor Gefahren meistern. Auch in der Pandemie hoffen wir alle auf ein glückliches Ende.

Wann wird alles wieder gut?

Corona trifft ins Herz der Gastronomie. Kleinere Betriebe ohne Polster fürchten um ihre Existenz. Gleichzeitig geben finanzkräftige Ketten Gas. Zwei davon sind nun in Stuttgart angekommen: Die Burgerkette Peter Pane(Pane wie Brot) an der Lautenschlagerstraße 21, in deren Toiletten das Märchen läuft, hat am Donnerstagabend Eröffnung gefeiert. Und am Freitag folgte das „Nachbarschaftsrestaurant“ Cotidiano, das im Breuninger eine neue Zeit am gastronomisch ausgehungerten Marktplatz startet.

Der fleischlose Anteil bei den Burgern wird immer größer

Was diese Ketten verbindet: Beide folgen dem Großstadttrend nach vegetarischem und veganen Speisen mit einer Auswahl, die man sonst in Stuttgart selten findet. „In Berlin liegt der fleischlose Anteil bereits bei 50 Prozent“, sagt Peter-Pane-Betriebsleiter Durim Thaqi. Seinem Chef Patrick Junge, der einst im Dienste der Burgerkette Hans im Glück (auch ein Märchenname!) stand und seit seiner Selbstständigkeit vor sechs Jahren bisher 40 Filialen vor allem im Norden der Republik eröffnet hat, sei es wichtig, im Südwesten Fuß zu fassen – mit Burgern, die „Wunderrübe“, „Holde Maid“ oder „Waldelfe“ heißen, mit einer Speisekarte, die dick ist wie ein Märchenbuch, mit einem Ambiente, das nach Szenebar aussieht.

Eine Restauranteröffnung in der Pandemie ist merkwürdig. Jeder, der steht, trägt Maske, auch der DJ. Viele Tische sind nicht besetzt. Unter dem Mundschutz versteht man die Bedienungen nicht immer. In Berlin hat man sie geschult, damit sie das große Angebot kennen. Trotz der schwierigen Lage verbreitet das Personal eine Fröhlichkeit, als wisse jeder, es geht um viel. Stuttgart ist, was Burgerrestaurants angeht, nicht gerade unterversorgt. Das Peter-Pane-Team will mit coolem und schnellem Service zeigen, dass die Neuen alles geben für die Pole-Position. Die Eröffnung ist ein Signal: Wir glauben an die gute Zukunft! Corona wird mal überstanden sein! Die fleischlosen Burger kommen dem Geschmack von gegrilltem Rinderhack überraschend nah. Und die Auswahl an Dips ist so groß, dass man sich im Schlaraffenland der Soßen fühlt.

Es gibt ihn noch, den roten Teppich!

Musical-Premieren, Palazzo,Weltweihnachtscircus – alles fällt in diesem Jahr aus. Und doch gibt’s ihn noch, den roten Teppich. Vor dem Cotidiano im Breuninger, das halb Restaurant, halb Café ist, ist er ausgerollt, um Passanten neugierig zu machen. Dem Systemgastro-Unternehmen aus München, das über Jahre mit Breuninger über eine Partnerschaft verhandelt hat, ist dies am Marktplatz gelungen. Avocado und Lachs sind hier die Hits. Am Samstag wird der rote Teppich übrigens wieder entfernt.

Ketten mögen genügend Finanzkraft besitzen, um in der Pandemie neu zu starten. Inhabergeführte, kleinere Restaurants haben es da viel schwerer. Blicken wir ins Leonhardsviertel. Der Sommer, sagen die Wirte dort, war nicht schlecht. Über Nacht hatten sich zwar große Löcher aufgetan, doch die verschwanden nach der Berichterstattung unserer Zeitung rasch wieder. Die Bauarbeiten für einen neuen Straßenbelag wurden aufs nächste Jahr verschoben, nur Leitungen sind verlegt worden. Der Winter aber wird hart für die Gastronomie.

Weinstube Fröhlich hat einen Luftreiniger gemietet

Die Gin-Bar Botanical Affairs hat draußen Heizpilze aufgestellt, was nach Meinung der Wirtin Christina Beutler von der Weinstube Fröhlich für ein Speiselokal wenig bringt. „Zum Essen setzt man sich nicht draußen bei Eiseskälte, auch nicht bei einem Ofen“, sagt sie. Froh ist die Weinstuben-Chefin, dass es mit dem Luftreiniger Airguard geklappt hat. Der soll Viren wie in einem OP-Saal ausfiltern. Die Nachfrage nach diesen Geräten ist so groß, dass viele Gastronomen leer ausgehen. Seit Freitag steht der Airguard auf Leasing-Basis für knapp 300 Euro im Monat nun in der Weinstube.

Christina Beutler ist betrübt, dass sie „zum ersten Mal in 23 Jahren“ zwei betriebsbedingte Kündigungen aussprechen musste. Die Geschäfte gehen schlecht. Die Altstadt hat noch nicht zurückgefunden zur Normalität. Der Straßenstrich, eigentlich verboten, ist wieder da. Die ersten Laufhäuser haben geöffnet, die anderen folgen im November. Die Sperrstunde um 23 Uhr, die von nächste Woche an gelten soll, macht den jungen Bars zu schaffen. „Stuttgart ist keine Stadt für Afterwork“, sagt Patrick Witz, der Chef der Fou Fou Bar, „da ziehen die Leute erst um 21 Uhr los.“ Besser sei es, wenn man sich in einer Bar unter Kontrolle treffe, „als wenn alle wieder daheim feiern“.

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