Rekordtiefer Füllstand der deutschen Gasspeicher alarmiert Experten: In Bayern ist die Lage besonders schlecht. Wie geht es nun weiter?
Die Situation der deutschen Gasspeicher erreicht einen kritischen Punkt. Laut aktuellen Daten haben die Speicher am 5. Februar erstmals die 30-Prozent-Marke unterschritten - ein Wert, der Erinnerungen an den Krisenwinter 2021/2022 weckt und Experten zunehmend beunruhigt, zumal das importierte LNG-Gas wegen der Kältewelle in den USA immer teurer wird.
Die Grünen wollen die Verantwortliche deswegen jetzt in den Wirtschaftsausschuss im Bundestag zitieren. „Ministerin Reiche macht ihren Job nicht“, sagte der Grünen-Energiepolitiker Michael Kellner der dpa. Weiteres akutes Problem: Aufgrund von Vereisung und niedrigem Wasserstand in der Ostsee könnte die Kapazität einiger LNG-Terminals in Gefahr sein. So wurde am 8. Februar gemeldet, dass die Anlage auf Rügen blockiert war. Ein Tanker befand sich in Warteposition.
Gasspeicher jeden Tag 1 Prozent niedriger
Wegen der Kälte in Nord- und Ostdeutschland geht der Füllstand derzeit jeden Tag um insgesamt etwa ein Prozent zurück. Dies obwohl die von Bundeskanzler Merz berufene Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vor Kurzem noch mitteilen ließ, dass die täglichen Importe dank LNG eigentlich höher seien als der Verbrauch.
Lesen Sie auch: Ab wann spricht man von einer Gasmangellage? (von Lukas Böhl)
Der wichtige Speicher Rehden im Landkreis Diepholz in Niedersachsen ist fast leer. Sollte es so kalt bleiben wie aktuell, könnten die Vorräte womöglich nur noch sechs Wochen bis Mitte März reichen - oder müssten durch höhere Lieferungen ergänzt werden.
Söders Gasspeicher in Bayern fast leer
Grenzwertig zeigt sich die Lage vor allem auch in Bayern, wo einer der Speicher zuletzt nur noch einen Füllstand von 4,4 Prozent aufwies.
Lesen Sie auch: Gasspeicherstände auf historisch niedrigem Niveau (von Matthias Schiermeyer)
Der verhältnismäßig frostige Winter macht sich nicht nur mit Schneechaos in vielen Bundesländern bemerkbar, sondern hat auch zu einem rasanten Rückgang der Speicherstände geführt. An den kalten Tagen der vergangenen Wochen sank der Stand der Gasspeicher noch weiter, denn vor allem im Norden und Osten Deutschlands herrscht Frost.
Bayrischer Gasspeicher Wolfersberg fast bei null
Besonders prekär ist die Situation in Bayern: Der Gasspeicher Wolfersberg im Landkreis Ebersberg südlich von München, den Ministerpräsident Markus Söder und sein Stellvertreter Hubert Aiwanger noch 2022 medienwirksam besichtigten, weist einen Füllstand von 4,4 Prozent auf und ist damit praktisch leer. Der Betreiber hat sogar eine Stilllegung beantragt, da sogenannte Porenspeicher nicht rentabel seien. Mangels Nachfrage am Markt war Wolfersberg lediglich mit 6 Prozent Reserve in den Winter gestartet.
In Inzenham-West sieht es mit 17 Prozent kaum besser aus. Selbst Breitbrunn, der größte Speicher Bayerns, enthält Anfang Februar nur etwa 15,5 Prozent seiner Kapazität – Gegenmaßnahmen auf Landesebene wurden bislang nicht ergriffen. Allerdings hat der deutschlandweite Gasnetzverantwortliche Trading Hub Europe (THE) vorsorglich neue Optionsverträge ab Mitte Februar abgeschlossen, um auch bei Kälte die Versorgung jederzeit sicherstellen zu können. Die Mehrkosten tragen am Ende die Verbraucher über das Netzentgelt.
Die größten deutschen Erdgasspeicher befinden sich indes in Niedersachsen und NRW. Sie sollen bei Bedarf den Rest des Landes mitversorgen. Trotz aller Lippenbekenntnisse der Politik gelangt auch russisches LNG-Erdgas weiter nach Europa und trägt zur Stabilisierung der Versorgung bei. Wird sie endgültig gekappt, drohen neue Abhängigkeiten wie zum Beispiel von Donald Trump.
Sorgen machen in diesem Zusammenhang laut Experten auch die begrenzten Transportkapazitäten zwischen Nord- und Süddeutschland.
Marktverzerrungen und Preiskapriolen
Die negative Entwicklung hatte sich bereits im vergangenen Frühjahr angedeutet. Damals sorgten Marktverzerrungen und gesetzliche Füllstandsvorgaben dafür, dass der Rohstoff zur Lieferung im Sommer teurer war als zur Lieferung im Winter. So hatten die Händler kaum Anreize, Gas einzuspeichern. Die Zielmarke von 70 Prozent zum 1. November wurde dann auch nur mit Mühe erreicht.
Der Energiekonzern Uniper warnt sogar, dass die Versorgungssicherheit derzeit „nicht garantiert“ sei. Deutschland sei mit einem Speicherfüllstand von lediglich 75 Prozent in die Heizperiode gestartet. „Die Speicher sind aktuell leerer als im Krisenjahr 2022“, bestätigt auch Timm Kehler, Vorstand des Verbandes „Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft“ laut Medienberichten.
Gasspeicher „unzureichend befüllt“
Sebastian Heinermann, Geschäftsführer des Verbandes der Speicherbetreiber INES, macht neben den kalten Temperaturen auch die Politik für die Misere verantwortlich: „Man darf sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Speicherbefüllung vor dem Winter 2025/26 unzureichend war. Die aktuellen Mechanismen sichern die Versorgungssicherheit nicht ausreichend ab.“
Über das Gasspeichergesetz hätte die Bundesregierung die Möglichkeit gehabt, staatliche Instrumente einzusetzen und höhere Füllstände sicherzustellen. „Davon wurde kein Gebrauch gemacht, da hohe Kosten befürchtet wurden“, kritisiert INES.
Bundesnetzagentur wegen LNG noch optimistisch
Die Bundesnetzagentur gibt sich trotz der Zahlen gelassen: „Die Gasversorgung in Deutschland ist stabil“, heißt es in einer Stellungnahme. Deutschland verfüge über ausreichende Import- und Speichermöglichkeiten, aktuell sei auf dem Weltmarkt ausreichend Gas verfügbar.
Auch Verbandschef Kehler gibt vorsichtige Entwarnung für den laufenden Winter: „Dank der Versorgung mit LNG werden wir diesen Winter zwar kein Versorgungsengpass bekommen, aber mit sehr leeren Speichern aus der kalten Jahreszeit kommen. Die Wiederbefüllung wird daher zur entscheidenden Frage, die der Bund als Verantwortlicher für Versorgungssicherheit zu lösen hat.“
Liste der Gasspeicher in Deutschland
- Allmenhausen
- Bad Lauchstädt
- Bernburg
- Bierwang
- Breitbrunn
- Bremen-Lesum
- Empelde
- Epe
- Eschenfelden
- Etzel
- Frankenthal
- Fronhofen
- Hähnlein
- Harsefeld
- Huntorf
- Inzenham
- Jemgun
- Kalle
- Kirchheiligen
- Kraak
- Krummhörn
- Nüttermoor
- Peckensen
- Peißen
- Reckrod
- Rehden
- Reitbrook
- Rönne
- Rüdersdorf
- Sandhausen
- Schmidhausen
- Staßfurt
- Stockstadt
- Uelsen
- Wolfersberg
- Xanten
Schwankende Gaspreise im Großhandel
Die Experten sind sich einig: Ein Gasmangel würde sich zunächst durch starke Preissteigerungen bemerkbar machen, die wiederum den Verbrauch drücken und „den Markt in ein ausgeglichenes Zustand bringen“ würden. Preissteigerungen an den Großhandelsmärkten waren bereits zu beobachten.
Auf höhere Heizkosten müssen sich auch Verbraucherinnen und Verbraucher einstellen. Der Abrechnungsdienst Techem hat berechnet, dass die höchsten Kostensteigerungen für das Jahr 2025 bei Fernwärme mit plus 13,2 Prozent anfallen, gefolgt von Gas (plus 9,7 Prozent), Strom/Wärmepumpe (plus 9,2 Prozent) und Heizöl (plus 2,4 Prozent).
Dieser Artikel erschien am 5. Februar 2026 und wurde am 8. Februar aktualisiert.