Wer im Tierheim Stuttgart Hunde ausführen will, muss zunächst einen mehrwöchigen Gassigeher-Kurs besuchen. Unsere Autorin hat an dem Kurs teilgenommen.
Die erste Aufgabe war nicht einfach: Arie und Maila. Als die beiden mit einem der Tierheimleiter, Martin Pechmann, um die Ecke kommen, rutscht mir kurz das Herz in die Hose. Anfängerhunde sehen anders aus – und gemütlich wirken sie auch nicht. Die großen, kräftigen Hunde sind unsere ersten Übungshunde. Ich frage mich: Bin ich in diesem Kurs richtig?
Doch Arie und Maila sind gut erzogen. Radfahrer, Jogger oder andere Hunde lassen sie beim Spaziergang im Wald kalt. Maila schnüffelt gern am Wegesrand und trottet meist geduldig neben mir her. Die Übungen macht sie ohne Widerstand mit. Doch als wir umkehren, merkt sie, es geht zurück ins Tierheim, und sie beginnt heftig zu ziehen. Offenbar bin ich ihr zu langsam – ab da führt sie mich spazieren, nicht umgekehrt.
Ein Tierheim ist kein Streichelzoo – die Tiere sind anspruchsvoll
Gassigehen im Tierheim – das klingt nach einem Traumehrenamt. Mit ein paar süßen Hunden spazieren gehen. So hatte ich mir das vorgestellt, als ich mich dafür im Stuttgarter Tierheim angemeldet habe. In vielen Tierheimen ist es Pflicht, vorab einen Kurs zu absolvieren. Im Stuttgarter Tierheim in Botnang ist sogar eine mehrwöchige Schulung obligatorisch – zehn Theorieabende, mehrere begleitete Spaziergänge und eine schriftliche wie praktische Prüfung am Ende.
Das hat seinen Grund. Viele Hunde im Tierheim sind nicht ohne Grund dort. Manche wurden beschlagnahmt, weil ihre Besitzer sie schlecht hielten, andere ausgesetzt oder abgegeben, ihre Halter waren überfordert. Einige haben in ihrem kurzen Leben Schlimmes mitgemacht, wurden misshandelt oder gequält. Besonders die umgangssprachlich als Kampfhunde bezeichneten Tiere sind oft nicht artgerecht erzogen – manche sind gefährlich. „Wir fangen bei vielen Hunden bei null an“, sagt Petra Veiel, Pressesprecherin des Tierheimes, im Kurs.
Die Bezeichnung Kampfhund ist unter Experten nicht üblich, man spricht von Listenhunden. Die Einstufung basiert auf der Annahme, dass bestimmte Rassen durch ihre körperliche Stärke und ihren ursprünglichen Zweck ein höheres Gefährdungspotenzial haben können. Entscheidend für das Verhalten eines Hundes sind aber Erziehung, Haltung und die Wesensart, nicht die Rasse. In Baden-Württemberg zählen American Staffordshire Terrier, Bullterrier und Pit Bull Terrier zu den Listenhunden. Teils sind rund 50 Prozent der Hunde in Stuttgart von der Gesetzgebung betroffen.
Deshalb lernen wir in den Theoriestunden viel über Pitbulls oder Staffordshires, über Gefahrensituationen und über Versicherungen. Martin Pechmann versichert abschließend aber ironisch: „Keine Sorge, die Handchirurgie ist heutzutage sehr gut.“ Die Pfleger erzählen auffällig oft von ihren Bissverletzungen – wohl damit wir uns der Verantwortung für diese Hunde bewusst sind.
Viele Tierheim-Hunde sind schwierige Charaktere geworden
Für Gassigeher und Hundebesitzer ist es entscheidend, die Signale des Tieres zu deuten. Was bedeutet es, wenn ein Hund die Zähne fletscht, knurrt oder nur mit dem Schwanz wedelt? An Zähnen, Ohren und Schwanz lässt sich viel ablesen. Auch wie wir einem Hund einen Maulkorb anlegen oder ihn im Notfall beatmen können, zeigen uns die Tierpfleger.
Ich war bisher zwar häufig mit Hunden von Freunden oder Verwandten unterwegs. Große Hundeerfahrung? Fehlanzeige. Zudem hatte ich während meines Studiums eine unschöne Begegnung: Auf einer Party bat ich den Gastgeber, seine Toilette nutzen zu dürfen. Er schickte eine Freundin mit. Kaum öffnete sie die Tür, stürzte ein Rottweiler-Mischling auf mich zu und biss sich in meinen Arm fest. Zum Glück hatte ich eine Skijacke an, kam mit einer Prellung davon.
An einem Abend komme ich zu spät zum Gassikurs. Als ich die Tür öffne, blickt mir Conny entgegen und bellt. Sie ist ein Kangal – und nur einen Tick kleiner als ich. Die anatolischen Hirtenhunde gelten als die stärkste Rasse der Welt. Als ihr Frauchen Sarah Escher, Mitglied des Tierheimleitungsteams, sie ruft, dreht sie sich aber sofort um und trottet brav zu ihr.
Ab da habe ich die heimliche Angst, dass mir in der Abschlussprüfung einer der drei Kangals des Tierheims zugeteilt werden könnte. Um mich vorzubereiten, studiere ich die Porträts der Tierheimhunde auf der Website. Der kleine Havaneser Tommy hat „charakterlich einiges zu bieten“, mag keine Rüden und hasst Katzen. Der Husky Sam ist auf einem Auge blind und begegnet neuen Menschen „mit Skepsis“. Ich lerne, wer beim Spaziergang gerne den „Boss“ spielt.
Vor der praktischen Prüfung sind alle ziemlich aufgeregt
Am Abend vor der Prüfung fühle ich mich etwas sicherer, es ist mein zweiter Praxistag. Die Hündin Yuna, die ich an dem Abend zugeteilt bekommen habe, ist eine Herausforderung. In ihrer Beschreibung steht: „Ich bin eine kleine Rakete. “ Sie bestätigt dies sofort: Sie zieht an der Leine, rennt hierhin und dorthin, schnüffelt überall, schleift ständig größere Stöcke mit. Ihre früheren Besitzer gaben sie zurück, weil sie mit ihr komplett überfordert waren. Auf die Übungen hat sie wenig Lust, sie macht einfach nicht mit.
Am Prüfungstag sind wir alle nervös. Die Theorieprüfung ist machbar, aber die Praxis macht vielen Sorgen. Einige Prüflinge wollen unbedingt die dunkelblaue Kategorie erreichen – Hunde, die sehr schwierig und teils bissig sind. Arie und Maila gehören in diese Kategorie. Die höchste Stufe ist rot: die Listenhunde und aggressive Tiere – viele müssen einen Maulkorb tragen.
Ich habe mir die hellblaue Kategorie vorgenommen: umgängliche Hunde, die aber durchaus einige Macken haben. Die Tierpflegerin teilt mir Leni zu, eine neue Hündin – ohne Porträt auf der Website! Ich frage die Prüferin, worauf ich achten muss.
Leni ist wild. Sie versucht, ihr Geschirr abzustreifen, beißt in die Leine und schnappt nach meiner Hand. Übungen ignoriert sie. Ich habe kein gutes Gefühl.
Zum Glück bekommt jeder Prüfling zwei Hunde an dem Tag. Nach der wilden Leni habe ich die Mischlingshündin Luna an der Leine. Wenn sie keine Lust auf eine Übung hat, legt sie sich einfach hin. Ihre Leine verheddert sich ständig, und ich schwitze bald heftig, weil sie mich mitunter auch wie eine Lokomotive hinter sich herzieht. Als das Tierheim in Sicht ist, legt sie noch einmal einen Zahn zu. Sie will jetzt zurück. Meine Prüfung ist ihr offenbar egal. Mein wichtigstes Ziel habe ich immerhin erreicht: Ich wurde nicht gebissen – und meine Hunde auch nicht. Die Prüfer zählen natürlich einige Fehler auf, die ich bei der Prüfung gemacht habe.
Am Ende bekomme ich die hellblaue Kategorie. Fast alle Anfänger landen in dieser Kategorie – aus Sicherheitsgründen. Eine Teilnehmerin ist enttäuscht, sie hätte sich dunkelblau zugetraut.
Eine andere ist mit hellblau zufrieden: Sie will nur mit kleinen, einfachen Hunden spazieren. Und: „Der Kurs war toll“, sagt sie. „Ich habe so viel gelernt, vor allem in den Praxisstunden.“ Auch fand sie es bewundernswert, dass die Pfleger sich so viel Zeit genommen haben. Die Tierheimmitarbeiter machen den Kurs und die Prüfung alle ehrenamtlich. Seitdem es den Kurs gibt, gab es allerdings keine Beißunfälle mehr beim Gassigehen.
Hunde haben wie Menschen ihre eigene Geschichte
Auch der Gassigeher-Vertreter Axel und seine Frau Susanne engagiert sich ehrenamtlich. Vor dem ersten eigenen Ausflug sollen wir Neuen uns mit einem Pfleger oder langjährigen Gassigehern austauschen. Ich rufe Axel an. Ohne meine heimlichen Ängste zu kennen, sagt er: „Ich würde dir nicht gleich einen Kangal geben!“ Er selbst geht gern mit großen Hunden in den Wald, für Listenhunde aber fehlt ihm die Qualifikation. „Anfänger sollten wissen, dass Hunde wie Menschen eine eigene Geschichte und einen eigenen Charakter haben“, sagt er. Axel rät, sich selbstkritisch zu fragen: Was kann ich gut? Wo habe ich Probleme? Wie reagiert der Hund auf mich?
Zwei Wochen nach der Prüfung bin ich zum ersten Mal als Gassigeherin unterwegs. Axels Frau Susanne nimmt mich eine Woche lang jeden Morgen mit. Viele langjährige Gassigeher kennen den Charakter der Hunde, mit denen sie häufig ihre Freizeit verbringen, gut und können Anfängern viel zeigen.
Susanne hat ein Händchen für ängstliche Hunde und hilft ihnen, Vertrauen zu fassen. Sie kommt an sechs Tagen die Woche ins Tierheim, trainiert mit „ihren“ Hunden intensiv, kümmert sich um ihre Körperpflege und kann ihnen einen Maulkorb anlegen.
Wir holen zuerst den kleinen Tommy ab. Er ist elf Jahre alt, sieht knuffig aus – und hat klare Grenzen. Streicheln? Erlaubt er nur, wenn er jemand wirklich schon kennt. Nach einer halben Stunde hat er schon genug und trottet freudig zurück ins Tierheim.
Danach ist Yuna dran. Anfangs springt sie mich wieder an und schnappt nach meiner Hand. Anscheinend hat sie mich vergessen seit unserer ersten Begegnung. Als wir täglich im Wald unterwegs sind, läuft es besser mit uns – am Ende sind wir fast schon gute Buddys. Es ist ein schönes Gefühl.