Der Aufbau von Nahwärmenetzen zur gemeinsamen Energieversorgung wird teuer, ist aber in verdichteten Wohnlagen für die Wärmewende wohl das Mittel der Wahl.
Die Wärmepumpe als Quelle der Hausheizung ist in aller Munde – und in der Landeshauptstadt Stuttgart bereits seit einigen Jahren bei Neubauten überwiegend das Mittel der Wahl. 2008 war diese Heizungslösung nur in fünf von 100 Neubauten genutzt worden, 79 Prozent setzen damals auf eine Gastherme, ein paar wenige auf die klassische Ölheizung – womöglich, weil kein Gasanschluss zu vertretbarem Aufwand erreichbar war.
Klassische Gasheizung auf dem Rückzug
Über die Jahre entschieden sich immer mehr Baufamilien und Investoren für die Wärmepumpenlösung, das zeigen Daten des Statistikamtes der Stadt. 2010 waren es 19 Prozent, 2015 dann 23, 2020 schon 51 und 2021 bereits 54 Prozent. Die klassische Gasheizung hatten 2015 noch 53 Prozent gewählt, 2020 waren es 26 Prozent, im Jahr 2021 wiederum 35 Prozent. 2019 hatte der Gemeinderat ein Austauschprogramm für Öl- und Kohlekessel beschossen, Gasheizungen wurden mit bis zu 1000 Euro für den Neuanschluss und bis zu 10 000 Euro für die eigentliche Gasheizung gefördert.
2022 steuerte der Stuttgarter Gemeinderat um, vor allem aus Klimagesichtspunkten, aber womöglich auch unter dem Eindruck des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Neben Wärmepumpe und der Gastherme spielt in Stuttgart in Neubauten nur noch die Fernwärme eine Rolle, ihr Anteil liegt bei fünf bis zehn Prozent. Fernwärme steht aber nicht allen Haushalten zur Verfügung, denn das Netz ist nur in Tallagen ausgebaut. Wegen der Höhenunterschiede können viele Stadtteile nicht erreicht werden. Die verwendeten Heizenergieträger für neue Wohnhäuser entsprechen laut Statistikamt annähernd dem Bundesdurchschnitt. 55 Prozent der neuen Wohngebäude werden inzwischen mit erneuerbaren Energien beheizt, in Baden-Württemberg sind es sogar 72 Prozent. Bei Neubauten wurden laut Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) 2002 rund 63 Prozent mit einer Wärmepumpe ausgerüstet. In Ein- und Zweifamilienhäusern lassen sich diese wesentlich einfacher einsetzen als in großen Mehrfamilienhäusern. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) setzt auf diese Technik, er plant ein Verbot für den Einbau neuer Gas- und Ölheizungen ab 2024, darüber ist koalitionsintern ein heftiger Streit im Gang.
Planung für das Jahr 2040 in Arbeit
Bei der Umstellung des Gebäudebestands auf umweltfreundlichere Heizenergie soll die Stadt bis Ende 2023 eine Wärmeplanung für 2040 vorlegen, das schreibt das Land größeren Kommunen vor. Die SPD im Gemeinderat hat beantragt, neue Nahwärmenetze und die Erweiterung des Fernwärmenetzes grundsätzlich durch die Stadtwerke Stuttgart umzusetzen. Allerdings haben die gar keinen Zugriff auf das Fernwärmenetz. Es ist im Besitz der Energie Baden-Württemberg (EnBW); die Stadt klagt auf Herausgabe.
Stadt muss Nahwärmenetze konzipieren
Nicht alle Immobilien in Stuttgart werden an Wärmenetze angeschlossen werden können, darauf hat Serena Oberecker vom Amt für Umweltschutz vor dem Bürgerrat Klima hingewiesen. Denn der Aufbau von Netzen zur gemeinschaftlichen Energieversorgung ist teuer, „in den meisten Fällen teurer als die individuelle Versorgung mit einer Wärmepumpe“, so Oberecker. 57 Prozent des Energieverbrauchs würden in Stuttgart für die Wärmeerzeugung benötigt, so die Fachfrau.
In stark verdichteten Ortskerngebieten würden einzelne Wärmepumpen vor Häusern keinen Platz finden, „dort werden die Eigentümer keine Möglichkeit für eine Einzellösung haben“, so Oberecker. Auch Lärmemissionen seien ein Thema. Für diese Fälle setze die Stadt auf Nahwärmenetze mit einer Wärmezentrale und Wärmespeicher – gedämmten Behältern, die mehrere Hunderttausend Liter heißes Wasser fassen. „Diese Teile müssen irgendwo hin, das muss im Stadtbild auch gut aussehen“, so Oberecker. Im Neubaugebiet im Neckarpark wurde die Technik zum Beispiel in ein Parkhaus integriert.
Ganz am Anfang der Pläne müsse die Energieeinsparung stehen, also Gebäudesanierung und die Betriebsoptimierung bestehender Anlagen, dann folge der Wechsel zu neuen Energien wie Geothermie über Sonden oder Kollektoren, Abwasserwärme, Biomasse, Solarthermie oder Photovoltaik.