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Seit Gas mit Spezialverfahren gefördert wird, ist es plötzlich im Überfluss vorhanden.

Hannover/Zürich - Gas ist einer der wichtigsten Rohstoffe der Welt. Bisher war er immer knapp. Seit mehrere Staaten begonnen haben, ihn mit Spezialverfahren kilometertief aus der Erde zu quetschen, ist er plötzlich im Überfluss vorhanden. Dem Gasmarkt steht ein Umbruch bevor.

So gründlich hatte sich der Chef des russischen Energieriesen Gazprom noch selten geirrt. Ende 2008 sagte Alexej Miller Gas-Rekordpreise für die kommenden Jahre voraus. Dreimal mehr als bisher müssten die Europäer in einigen Jahren für den begehrten Brennstoff ausgeben, orakelte der Energiemagnat. Wäre das so gekommen, hätten sich große Teile der Wirtschaft und die Verbraucher hierzulande auf harte Zeiten einstellen müssen, strömt doch fast 40 Prozent unseres Erdgases aus Russland zu uns. Jedoch, es sollte gänzlich anders kommen. Im vergangenen Jahr fielen die Erdgaspreise beständig deutlich unter das Niveau von 2008. War dem erfolgsverwöhnten Gazprom-Chef damals die Fantasie durchgegangen?

Gas steckt in winzigen Gesteinsporen

Tatsächlich hat sich der Gasmarkt seit dem Ausspruch entscheidend gewandelt. Die Erdgas fördernden Länder, allen voran Russland, das mit seinen riesigen Reserven über ein mindestens ebenso großes geopolitisches Drohpotential verfügt, haben einen Teil ihrer Macht eingebüßt. Für die Versorgung der Welt mit Gas sind sie heute zwar immer noch von zentraler Bedeutung, allerdings weit weniger wichtig, als noch vor einem Jahrzehnt.

Der Grund: Neue Förderländer machen den angestammten Platzhirschen Konkurrenz. Sie nutzen sogenannte unkonventionelle Gasvorkommen, um sich von den großen Fördernationen in Asien und auf der arabischen Halbinsel unabhängig zu machen. Dabei nutzen sie tiefliegende und fest im Gestein gebundene Vorkommen, sogenanntes Schiefer-, Tight- oder Flözgas. Die internationale Energie-Agentur geht davon aus, dass weltweit rund fünfmal so viel von diesem unkonventionellen Erdgas im Boden schlummert wie von herkömmlichem Gas. Bis vor wenigen Jahren schienen diese immensen Reserven jedoch wirtschaftlich nicht nutzbar. Hohe Energiepreise und neue Technik haben das allerdings in den letzen Jahren verändert.

Anders als herkömmliche Gasvorkommen, die als große Blasen zwischen dichten Gesteinsschichten eingeschlossen sind, steckt das Schiefer- oder Tightgas in winzigen Gesteinsporen fest. Mit normalen Bohrtechniken kann man es nicht aus den kompakten Erdschichten herauslösen. Mit High-Tech-Gerät, das erst seit wenigen Jahren im Einsatz ist, geht das aber. Dabei stoßen Bohrer senkrecht kilometertief in eine gasführende Schicht vor, biegen dann ab und arbeiten sich horizontal weiter vor. US-Firmen, die bei der Technologie führend sind, schaffen es mittlerweile, in bis zu 3000 Metern Tiefe sieben bis acht Kilometer weit parallel zur Erdoberfläche vorzudringen. In die entstandenen Hohlräume wird Wasser gedrückt, das in Spalten im Gestein eindringt und das Gas nach oben drückt.

USA haben eine Alternative in petto

Besonders die USA, die seit Jahren mit allen Mitteln versuchen, ihre Energie-Abhängigkeit vom Ausland zu senken, setzten auf die unkonventionellen Gasvorkommen, sagt Hilmar Rempel, Fachmann für Energierohstoffe an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. Bis zu hundert Jahre, so die Hoffnung, sollen sie den Gashunger der Nation stillen können.

Dazu hat das Land die Fördertechnik schnell vorangetrieben. Seit 2007 decken die USA nach einer Studie des Center for Security Studies (CSS) an der Züricher Universität ETH die Hälfte ihrer heimischen Gasförderung mit den Schiefergasen. Sogar Russland als größten Gasproduzenten haben die USA durch ihr ehrgeiziges Projekt mittlerweile abgelöst.

Auch in Europa, in Frankreich, Schweden oder Polen lockt der Schatz im Schiefer. US-Konzerne wie Exxon oder Chevron gehen hier bereits mit schwerem Gerät auf Suche. Aufgrund ihrer geringeren Größe dürften die Vorkommen dort allerdings schwieriger auszubeuten sein. Auch in Deutschland sei "das Potential zur Schiefergasförderung da", sagt Fachmann Rempel. Ökologische Bedenken und schwierige Geologie dämpften hierzulande jedoch die Aufbruchstimmung. Immerhin: 14 Billionen Kubikmeter unkonventionelles Gas soll in ganz Westeuropa im Boden schlummern und kann potentiell ausgebeutet werden.

USA haben eine Alternative in petto 

Das neue Schiefergas ist aber nur ein Faktor, der das Machtgefüge im weltweiten Gasgeschäft derzeit durcheinanderwirbelt. Ein anderer ist verflüssigtes Erdgas (LNG). Anders als Pipelinegas, von dem vor allem Zentral- und Osteuropa extrem abhängig ist, erreicht es seine Zielländer über Tankschiffe. Diese landen es an Spezialterminals an und speisen es in das bestehende Pipelinenetz ein. Wegen der großen Nachfrage galt das flexibel einsetzbare LNG als Rohstoff der Zukunft. Länder wie Katar, Indonesien, Russland, Nigeria oder der Jemen haben in den vergangenen drei Jahren Milliarden in Anlagen gesteckt, mit denen das Gas für den Seetransport verflüssigt werden kann. So wollten sie die energiehungrigen Industrieländer zu Höchstpreisen beliefern.

Die Wirtschaftskrise hat dieses Vorhaben aber vereitelt. Die LNG-Produzenten, allen voran das Golfemirat Katar, sitzen auf riesigen Übermengen. Der von der Wirtschaftskrise hart getroffene Schlüsselmarkt USA nimmt immer weniger ab und hat durch die eigenen Schiefergasvorkommen noch eine Alternative in petto.

Als Folge drängt das eigentlich für Nordamerika bestimmte Gas nach Europa und bringt hier den Markt unter Druck. Auch auf Deutschland, das über keinen eigenen LNG-Hafen verfügt, hat das Auswirkungen. Über die Niederlande und Belgien, aber auch über italienische Häfen erreicht das Flüssiggas den deutschen Markt. Hier verdrängt es zusehends das russische Erdgas, das in Pipelines aus Sibirien zu uns gepumpt wird. Hinter den Kulissen findet zwischen den großen europäischen Gasimporteuren Eon-Ruhrgas, Eni und GDF-Suez seit Monaten ein erbittertes Tauziehen um günstigere Preise für das Russland-Gas statt, bei dem die Machtposition der Russen aufgrund des Überangebots geschwächt ist. Die Experten des Schweizer CSS folgern denn auch, Russland sei einer der Hauptverlierer der Umbrüche am Gasmarkt.

Der große Unbekannte in dem Spiel ist China. Das Land hätte das Potential, sämtliche Überschüsse am Markt aufzunehmen, investiert derzeit aber selbst viel Geld in die Ausbeutung der unkonventionellen Ressourcen. Aufgrund seines ungebrochenen Energiehungers prognostizieren manche Experten erneute Gaslieferengpässe in drei bis vier Jahren. Die Prophezeiung von Gazprom-Chef Miller könnte sich so mit einigem Zeitverzug doch noch bewahrheiten.

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