Bei der Verlegung der Gasleitung ist Konzentration und Präzision gefragt. Foto: Stefanie Schlecht

Im Herrenberger Stadtviertel Ziegelfeld müssen nach und nach alle Gas- und Wasserleitungen ausgetauscht werden. Der Grund: zu viele Rohrbrüche in zu kurzer Zeit.

Es handelt sich um eine kleine Straßensperrung in der Beethovenstraße in Herrenberg. Doch dahinter steht ein Vorhaben, das die Stadt die nächsten zwei Jahrzehnte begleiten könnte. Im Herrenberger Wohngebiet Ziegelfeld, im Südosten der Stadt, müssen alle Gas- und Wasserleitungen ausgetauscht werden.

 

Das betrifft insgesamt fünf Kilometer Trinkwasser- und fünf Kilometer Gasleitungen. Daniel Duperon Quezadas, Abteilungsleiter Netze und Betriebsanlagen bei den Stadtwerken Herrenberg, plant dafür einen Zeitraum von 15 bis 20 Jahren ein. Eine Mammutaufgabe in Häppchen also. „Sie dient dazu, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten“, betont der 37-Jährige.

Sechs Rohrbrüche in vier Jahren

Als Grund für die Maßnahme nennt Duperon Quezadas die Anfälligkeit des verbauten Materials – PVC. Allein in der Beethovenstraße, unter der die Hauptversorgungsleitungen liegen, habe es seit 2021 sechs Rohrbrüche gegeben. Die Summe der Zwischenfälle zwang schließlich zum Handeln.

Daniel Duperon Quezadas hat den Überblick über die Arbeiten. /Stefanie Schlecht

Nun ist es allerdings nicht ungewöhnlich, dass im Ziegelfeld PVC verwendet wurde. Als das Wohnquartier um das Jahr 1970 herum entstand, war es ein beliebter Baustoff. Zwischen 1950 und 1980 wurde PVC in großem Umfang für Leitungen eingesetzt, erklärt Professor Philipp Akkawi von der Hochschule Esslingen, dessen Forschungsschwerpunkt unter anderem die Gas- und Wasserversorgung ist.

Zwei Besonderheiten im Ziegelfeld

Auch dass Versorgungsleitungen ausgebessert werden müssen, sei kein Herrenberger Alleinstellungsmerkmal, betont Duperon-Quezadas. Der Sanierungsbedarf sei überall hoch. Allerdings gibt es im Ziegelfeld offenbar zwei Besonderheiten: Duperon-Quezada kennt keine andere Stadt, in der auf einer so großen, zusammenhängenden Fläche PVC-Rohre für Wasserleitungen verwendet wurden – und er kennt überhaupt keine andere Stadt, die PVC für ihre Gasleitungen eingesetzt hat.

Tatsächlich dürfte der Anteil an PVC-Leitungen am heutigen Netz vergleichsweise niedrig sein. Akkawi geht davon aus, dass er bei Gasleitungen bundesweit „eher gering“ ist. Bei Wasserleitung liege er bei circa 20 Prozent. Eine Nachfrage bei den Böblinger Stadtwerken zeigt stichprobenartig: Dort wurden für die Gas- und Wasserleitungen „nahezu keine“ PVC-Rohre verwendet.

Hoher Prüf- und Wartungsaufwand

Trotzdem stellt sich die Frage: Könnte in anderen Kommunen ein ähnliches Szenario wie in Herrenberg eintreten? Eine große Sanierungswelle allein aufgrund des Umstands, dass PVC-Rohre verbaut wurden, erwartet Akkawi nicht. „Etwaige Schwachstellen lassen sich eher auf Unterschiede in der ursprünglichen Materialqualität, die Verarbeitung oder ungünstige Einbaubedingungen zurückführen“, merkt er an.

Die Gasleitungen sind gelb, die Wasserleitungen blau. /Stefanie Schlecht

Tatsächlich könnten die Einbaubedingungen im Ziegelfeld eine Rolle spielen. „Die Rohre sollten eigentlich in Sand liegen“, sagt Duperon Quezadas. Fahren schwere Autos über die Straße, erschüttern sie das Erdreich. Das Problem: PVC sei spröder als anderes Material und bekomme schneller Risse, wenn beispielsweise aufgrund der Erschütterungen ein Stein dagegen gedrückt werde. Der Sand diene also als Puffer. Im Ziegelfeld sei aber wenig Sand verwendet und bei den Gasleitungen zudem noch an den Dichtungen gespart worden.

„Wir haben in diesem Stadtviertel einen deutlich höheren Prüf- und Wartungsaufwand“, fasst Duperon Quezadas die Folgen zusammen. „Wir prüfen beispielsweise mindestens einmal im Jahr, ob die Gasleitungen noch dicht sind.“ Bei ihnen sieht er den größten Handlungsbedarf, denn ein Leck in einer Gasleitung hat ungleich gravierendere Auswirkungen als ein Leck in einer Wasserleitung. „Aber wenn wir schon die Erde aufmachen, dann tauschen wir auch die Wasserrohre aus.“

Verständnis für damalige Entscheidung

Wie teuer das ganze Unterfangen wird, kann er noch nicht sagen. Bis Oktober ist zunächst der Abschnitt in der Beethovenstraße zwischen Hugo-Wolf-Straße und Mozartstraße an der Reihe – er ist etwa 500 Meter Leitung. Dafür sind laut Duperon Quezadas 900 000 Euro eingeplant. Zum Vergleich: Die Reparatur eines Rohrbruchs kostet demnach zwischen 50 000 und 70 000 Euro.

Kritik an seinen Vorgängern in den 1970er Jahren äußert er nicht. „Das konnte man damals nicht besser wissen.“ Auch für die Entscheidung, für die Gasleitungen PVC zu verwenden, signalisiert er Verständnis. „Damals gab es noch nicht so lange Gas, das war Neuland.“ Allerdings hat sich inzwischen offenbar bei der Planung die Herangehensweise geändert. Bei den PVC-Rohren habe man damals eine Haltbarkeit von 50 Jahren vorhergesagt. „Aber es ist schwierig, ein Netz auf 50 Jahre zu planen, das ist zu kurz“, sagt Duperon Quezadas.

Die neuen Rohre sind deshalb aus dem Kunststoff PE (Polyethylen). Sie wären laut Duperon Quezadas – bei Bedarf und im Gegensatz zu PVC – auch für Wasserstoff geeignet. Läuft alles nach Plan, haben die nachfolgenden Generationen im Ziegelfeld erst einmal Ruhe. „Die neu verlegten Rohre halten laut Materialforschung 100 Jahre“, sagt Duperon-Quezadas. „Und wir gehen davon aus, dass sie das auch tun.“

Welche Einschränkungen es gibt

Straßensperrung
Die Arbeiten in der Beethovenstraße sind in mehrere Abschnitte unterteilt. Als erstes ist der Bereich zwischen Hugo-Wolf-Straße und Brahmsstraße gesperrt. Er soll voraussichtlich Ende Juni fertig sein. Fußgänger können an der Baustelle vorbeigehen. Von der Sperrung betroffen ist die Buslinie 782, die aber weiterhin alle Haltestellen anfährt. Details zu Fahrplanänderungen gibt es in der VVS-App und an den Haltestellen.

Einschränkungen
Die Arbeiten an den Gas- und Wasserleitungen gehen nicht ohne Einschränkungen für die Bewohner einher. Vereinzelt kann die Gas- und Wasserversorgung kurzzeitig unterbrochen sein. Ist das der Fall, werden die Betroffenen darüber informiert.

Besondere Baustelle
Bei den Arbeiten ist höchste Vorsicht geboten. Zwar werden die Gasleitungen mit einer sogenannten Blase dicht verstopft. Trotzdem gilt absolutes Rauchverbot, auch für Fußgänger, die die Baustelle passieren.