Umstrittenes Kunstwerk: Das ist das Modell der Häuser, die bald dauerhaft in der Rems schwimmen sollen. Allerdings nicht mehr fünf, sondern nur noch drei. Foto: Heyer & Miklautsch

Ist das Kunst, oder kann das weg? Für die Gartenschau 2019 muss Remseck Häuser in der Rems bauen – viele Stadträte halten das für unsinnig. Immerhin: der Architekt hat die Pläne angepasst. Der erste Entwurf klang nach einem echten Schildbürgerstreich.

Remseck - Mit der Frage, ob Kunst eine Funktion erfüllen muss, haben sich im Verlauf der Menschheitsgeschichte allerlei kluge Köpfe befasst – ohne je eine letztgültige Antwort gefunden zu haben. Auch über die ästhetischen Ansprüche, die an einen Künstler und sein Werk gestellt werden dürfen, wurde viel diskutiert. Dazu existiert ein Satz, der auch Kunstbanausen einleuchtet und den Heinz Layher am Dienstag im Remsecker Gemeinderat allen Anwesenden ins Gedächtnis rief: „Über Kunst lässt sich schwer streiten“, sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende und versuchte damit, die Stimmung im Gremium zu befrieden. Andere Stadträte waren durchaus streitlustig, allen voran Steffen Kirsch. Kunst? Dass was in Remseck geplant ist, „ist gar nichts“, sagte der CDU-Chef. Andere erinnerten daran, dass Kunst eine Schwäche hat: Sie ist teuer. „In diesem Fall reine Geldverschwendung“, kritisierte Peter Bürkle, Freie Wähler.

Bekanntlich beteiligt sich Remseck mit 15 anderen Städten und Gemeinden an der Remstalgartenschau 2019. Organisiert wird das Großprojekt von der Gartenschau-Gesellschaft und den Kommunen selbst, gefördert wird es von Regionalverband und Land. Auf die interkommunale Zusammenarbeit legt man großen Wert, und deswegen haben sich die Macher etwas ausgedacht: Sie beauftragten renommierte Architekturbüros, für jede Kommune ein Kunstwerk zu entwerfen, eine Landmarke. 16 Stationen sollen „dem Landschaftspark Remstal ein unverwechselbares Merkmal verleihen und das Zusammengehörigkeitsgefühl widerspiegeln“.

16 Landmarken sollen das „Zusammengehörigkeitsgefühl der Kommunen“ verdeutlichen

In Waiblingen entsteht eine begehbare Gebäudeskulptur, in Fellbach eine ungewöhnlich geformte Pergola, in Remshalden ein Rosenpavillon, bei Essingen eine weiße Treppe. Hübsch sehen die Entwürfe aus, nur Remseck ist – vorsichtig ausgedrückt – unzufrieden. Kleine, weiße Häuser sollen dort als Landmarke dienen. Als das Konzept vor einigen Wochen erstmals präsentiert wurde, hagelte es Kritik. Langweilig und nichtssagend sei das, hieß es, und Kirsch sprach davon, die Vergabe der 16 Stationen gleiche einem Schrottwichteln. Die Kommunen hatten selbst kaum Einfluss darauf, was bei ihnen gebaut wird.

Umgesetzt werden konnte der erste Entwurf dann aber sowieso nicht. Der Architekt wollte die Häuser direkt im Neckar platzieren und über einen Steg mit dem Ufer verbinden, was schon aus rechtlichen Gründen unmöglich ist. „Der Neckar ist ja eine Bundeswasserstraße, den kann man nicht einfach zubauen“, erklärt der Oberbürgermeister Dirk Schönberger.

Also machte sich die Stadt mit dem Architekten auf die Suche nach Alternativstandorten, und heraus kam die Variante, die am Dienstag vorgestellt wurde. Statt der ursprünglich fünf Häuser sind es nun nur noch drei, die statt fast mitten im Neckar nun nah am Ufer der Rems platziert werden sollen. Unweit der Mündung, wo bis 2019 sowieso ein Steg errichtet wird. Zudem sollen die Mini-Gebäude nicht mehr auf Fundamenten stehen, sondern schwimmen. Das alles macht das ungeliebte Kunstwerk deutlich billiger.

Haben die Häuser eine Funktion? Der OB sagt: Man kann reingehen und rausschauen

Das wiederum dürfte der Grund sein, warum der Gemeinderat am Dienstag trotz aller Kritik dem Vorschlag der Verwaltung folgte und das nötige Geld frei gab. Wenn auch denkbar knapp: 13 Stadträte stimmten dafür, elf dagegen. 70 000 Euro werden die Häuser kosten, die Hälfte davon übernimmt die Stadt, der Rest wird bezuschusst. Angesichts der mehr als 1,8 Millionen Euro, die Remseck insgesamt in die Gartenschau investiert – etwa in Balkone an der Rems, den besagten Steg oder einen Wasserspielplatz – sind das Peanuts. Der OB jedenfalls appellierte vor der Abstimmung eindringlich an den Rat, nicht aus dem 16-Stationen-Projekt auszuscheren, und gab sich sichtlich Mühe, für die Häuser zu werben. Diese, sagte Schönberger, hätten durchaus eine Funktion. „Man kann reingehen und rausschauen – und bekommt dabei eine andere Perspektive.“ Richtig überzeugt scheint indes auch er nicht zu sein. Auf die Frage, ob ihm der Entwurf gefalle, sagte Schönberger nach der Sitzung: „Ich bin Jurist, kein Architekt.“

Fans hat das Remsecker Kunstwerk übrigens auch. Thorsten Englert, der Geschäftsführer der Gartenschau-Gesellschaft, reagierte am Mittwoch geradezu euphorisch auf die positiven Neuigkeiten aus Remseck. „Ich finde es großartig, dass sich der Gemeinderat für die Umsetzung entschieden hat. Der Entwurf gehörte von Anfang an zu meinen persönlichen Favoriten.“ Kai Buschmann, Stadtrat der FDP, sieht wiederum ganz andere Probleme auf die Stadt zukommen. Dass bald unweit des Remsecker Sandstrands, wo man sowieso massive Probleme mit Vandalismus habe, „sinnlose Häuser entstehen, kann ich nicht vertreten“, sagte er. „Spätestens Silvester fliegen die in die Luft.“

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