Mitten in der Urlaubszeit verwandelt sich der Landschaftspark im Töbele auf dem Gartenschaugelände in Rechberghausen bei Göppingen zum Mekka der Gartenfreunde. Foto: Horst Rudel/Archiv

Als sich das Schurwalddorf 2009 den städtischen Traum von der Gartenschau erfüllte, war das ein einmaliger Vorgang im Land. Am Wochenende lockt wieder der bunte Gartenmarkt.

Sommerserie - Gartentage und Gartenmärkte schießen wie Pilze aus dem Boden, seit der grüne Trend nach angelsächsischem Vorbild auch in hiesigen Gefilden auf fruchtbaren Boden fällt. Kaum ein Schloss, eine Burg oder ein Park, dessen Grün nicht zur Kulisse für all die dekorativen und nützlichen Dinge wird, die Terrasse oder Balkon in grüne Wohnzimmer verwandeln. Während die meisten Gartenevents bereits im Frühjahr aufblühen, zündet die Schurwaldgemeinde Rechberghausen (Kreis Göppingen) erst im Hochsommer ihr Gartenfeuerwerk. „Sommer-Blüten-Träume“ titelt der achte Gartenmarkt, der am Wochenende 12. und 13. August seine Pforten öffnet. Schauplatz ist der Landschaftspark im Töbele, mit dem sich die Gemeinde 2009 zum Erstaunen vieler in die Liga der Gartenschaukommunen katapultierte.

Rechberghausen war 2009 die kleinste Gartenschaugemeinde im Land

Mit ihrem ganz eigenen Sommermärchen schulterte Rechberghausen als bis dahin kleinste Gemeinde im Land eine Gartenschau. Rund 240 000 Gäste besuchten den Park und die 700 Veranstaltungen. Das Dorf auf dem Schurwald bewies damit grünes Gespür lange bevor der erste Spatenstich das – von der Kreishauptstadt Göppingen übrigens neidisch beäugte – und nur 15 Kilometer Luftlinie entfernte Schwäbisch Gmünder Pendant ankündigte. Die mit Göppingen verschwisterte Stauferstadt rollte ihren Gästen 2014 den grünen Teppich aus. Aber zurück nach Rechberghausen: Wie kommt wohl ein Dorf mit 5400 Seelen auf den grünen Trichter? Und wie kann es sein, dass eine Landgemeinde eher städtische Ambitionen entwickelt, rund um das Gartenschaugelände 14 Millionen Euro verbuddelt, in eine neue Straßenführung, eine Fahrradunterführung und den Hochwasserschutz investiert, den Bahndamm wegräumt, den Bauhof verlegt und obendrein künstlerische Blüten treiben lässt ?

Für solche Fragen hat Reiner Ruf ein offenes Ohr. Ruf war 37 Jahre lang Bürgermeister in Rechberghausen. Kaum 1977 angetreten, schrieb der gebürtige Badener das erste Sanierungsprogramm in der Gemeinde aus, dem noch einige folgen sollten. Selbst 40 Jahre später ist die „städtebauliche Intensivstation“ Rechberghausen, wie es Ruf einmal nannte, noch nicht beendet.

Im Mittelalter besaß der Ort die Stadtrechte

Das einst verschlafene Schurwaldörtchen hat sich während Rufs Amtszeit zu einer Gemeinde gemausert, die auch als Kleinstädtle durchgehen könnte. Eine Entwicklung, die in Rechberghausen wohl in den Genen liegt, immerhin besaß der Ort im Mittelalter einmal das Stadtrecht.

Der damals noch junge Bürgermeister und seine Mitstreiter haben offenbar nach und nach das Potenzial des idyllisch am Schurwaldrand gelegenen Rechberghausen erkannt, das bis heute vom Spannungsfeld zwischen mittelalterlicher Bausubstanz, samt dem letzten erhaltenen Stadttor im Kreis Göppingen, und den neuzeitlichen Ausläufern im Unterdorf geprägt ist.

Der Alt-Bürgermeister hat die Erneuerung vorangetrieben

„Nicht alles Alte konnte erhalten werden“, beschreibt Ruf den teils schmerzhaften Erneuerungsprozess. So provozierte die 2012 realisierte Tiefgarage unter dem städtebaulich gut eingehegten zentral gelegenen Lidlmarkt einen Aufschrei, während bereits 1991 der Bau des Schlossmarkts die Wogen hochgehen ließ. Vielen erschien der Längsbau nahe der prächtigen Pfarrkirche zu wuchtig und die Architektursprache aus Stein und Stahl als zu gewagt. Aber am Ende bescherte der Bau dem historischen Ortskern moderne Wohnungen und Praxen und verhalf dem oberen Dorf zu einem städtebaulichen Rückgrat.

Dann zog die Kreissparkasse mit einem Neubau in der Hauptstraße nach, und die katholische Gemeinde machte den Weg frei für den Haug Erkinger Festsaal, der mit den Picasso- und Chagallausstellungen von 1999 an zum Mekka für jeweils bis zu 36 000 Kunstfreunde wurde. Und weil vor allem der Bürgermeister einen Narren an der Kunst gefressen hatte, jagte ein Kunstsommer mit Skulpturenschauen unter freiem Himmel den nächsten.

Ohne die tatkräftigen Bürger wäre der Park nicht zu halten

Das aufwendig als Rathaus sanierte Schloss wurde genauso zum Ausstellungsort wie schließlich das Gartenschaugelände samt der benachbarten Kulturmühle. Bis heute pflanzen die Bürger im Förderverein Landschaftspark Töbele den Sommerflor, pflegen den Turm und den See. Es gibt ein Grünes Trauzimmer. Imker und Landfrauen haben sich angesiedelt, und der Gartenmarkt belebt den Park genauso wie Sommernachtsfest und Open-Air-Kino. Übrigens, in der Hauptstraße zwischen Rathaus und Gartenschaugelände wird immer noch gebaut, getreu Rufs Motto: „eine Gemeinde ist nie fertig“.

Drechseln, Grillen, Nähen

Die Stände der mehr als 100 Aussteller bieten Angebote für die ganze Familie. Dazu zählen eine Grillschau, Vorträge zur Orchideenpflege mit Umtopfaktion, floristische Workshops und Nähangebote, Vorführungen im Korbflechten, Drechseln sowie das Arbeiten an der historischen Seilknüpfmaschine. Auf die kleinen Besucher warten Alpakas und ein Kleintierzoo mit seltenen Haustierrassen sowie Windradbasteln und eine Kinderbetreuung.

Geöffnet ist der Gartenmarkt im Landschaftspark Töbele in der Ortsmitte Rechberghausen am Samstag, 12. August, von 10 bis 19 Uhr und am Sonntag, 13. August, von 10 bis 18 Uhr. Parkplätze gibt es im Industriegebiet Lindach, ein Transfer wird per Gartenschaubähnle angeboten.


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