Elmar Roloff (2.v.re.) in „Sobald fünf Jahre vergehen“. Foto: Conny Mirbach

Jo Fabian, verantwortlich für Regie, Ausstattung und Musik, nutzt in seiner Version von „Sobald fünf Jahre vergehen“ die Vorlage des Dichters Garcia Lorca für eine streng choreografierte Bühnenkomposition über das Warten.

Dieser Abend im Kammertheater lässt sich nicht einfach als theatralische Abendunterhaltung konsumieren. Dabei ist er doch ­hinreißend komisch. Die eineinhalb Stunden fordern indes nicht nur die Lust, sich auf die wunderbar poetischen Sprachgebilde einzulassen, die der Dichter Federico Garcia Lorca in seiner leider nur selten gespielten Komödie „Sobald fünf Jahre vergehen“ aus dem Jahr 1931 geschaffen hat. Gefordert ist vor allem die Bereitschaft, sich während der drei Akte dem Sog visuell und akustisch un­gewöhnlicher Bilder hinzugeben.

Dabei scheint der Plot der „unmöglichen Komödie“ auf den ersten Blick leicht durchschaubar: Fünf Jahre Träume von der Liebe hat sich ein junger Mann verordnet, ehe er seine Verlobte heiraten will. Sie kann diese Frustration ihrer Liebessehnsucht nicht ­ertragen und tröstet sich auf einer Reise mit einem anderen. Aus Kummer lässt sich der junge Mann danach mit der Frau ein, die ihn seit langem liebt. Doch im Rücken der schlichten Geschichte entwickelt Garcia Lorca aus der „Legende von der Zeit“ einen raffinierten dramatischen Diskurs über die Liebe, das Leben und den Tod.

Nach zupackenden Schnitten am Text nutzt der Künstler Jo Fabian (Regie, Ausstattung und Musik) die Vorlage des Dichters für eine streng choreografierte Bühnenkomposition über das Warten. Sie fügt sich harmonisch aus Kammertönen der Komödie und kräftigeren Farben der Groteske, scheut aber auch den Kalauer nicht. Die Zuschauer erleben ein faszinierendes Gesamtkunstwerk aus der Ästhetik des Texts, dem geheimnisvollen Spiel der zehn Darsteller, aus Musik, Klängen, Licht und Raum.

Während der ersten beiden Akte glaubt man sich in ein Museum versetzt, dessen ­Exponate den Muff der Gründerzeit auf die Moderne prallen lassen: Sofas und Sessel aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts nebst mit elektrischen Kerzen beleuchteten Weihnachtsbäumen suchen heimelige Nähe zu kühlen, mit armdicken Seilen verzierten Betonplatten als Symbolen heutiger spanischer Architekturkunst.

Dazwischen bewegen sich Männer betulich in schwarzen Cuts und weißen Gamaschen. Bedächtig suchen Frauen unter kunstvollen Hutbergen nach Orientierung. Wie fremdartige menschliche Wesen, die aus einem weit zurück liegenden Gestern ihren Weg ins Heute suchen, trippeln, schreiten, posieren, schwadronieren sie durch die ­Szenerie.

Als Liebestheoretiker sucht ein junger Mann (Florian Rummel) Halt an einem vertrockneten Blumenstrauß. Ein alter Mann (Elmar Roloff), emeritierter Professor mit schulterlanger weißer Mähne, philosophiert vergeistigt über das Wesen des Lebens. Von der Schauspielerin Nathalie Thiede gut ­getroffen ist auch die sich nach der Liebe des jungen Mannes verzehrende Figur der ­Stenotypistin.

Besonders gut gelingen Jo Fabian Bilder der unendlichen Langsamkeit des vergeblichen Wartens seiner Figuren auf das Leben. Wie Ausstellungsstücke der Ziellosigkeit irren sie zaudernd über die Bühne. Meist wirkt die Szenerie, als habe Becketts „Godot“ um die Ecke geschaut. Oder Robert Wilson bei Jo Fabians Choreografie des exzessiv Bedäch­tigen mitwirken dürfen. Später, wenn die Inszenierung die Träume vom Leben im Heute untersucht, zwitschert mal ein unsichtbarer Vogel und ein Telefon klingelt. Oder das ­Pfeifen eines Jets zerreißt ab und zu die Stille. Auf der Bühne erklingen Popsongs (bestechend die Stimmigkeit der Musik). Und Jo Fabians Figuren verlieren sich im Hip-Hop-Sound immer wieder in einer Art Ballettshow – so schmeckt Leben im Hier und Jetzt.

Höhepunkte der Aufführung sind die ­surrealistischen Impressionen im dritten Teil des Abends: Der Realismus der beiden ersten Akte hat sich aufgelöst. Weit öffnet sich der Raum. Hinab in die Tiefen unseres Unter­bewusstseins, wo für die Liebe kein Platz vorgesehen ist. Statt dessen herrschen hier albtraumhaft Zirkusfiguren, die mit Gewehr und Pistole ihrer Lust auf Gewalt frönen.

Im Mittelpunkt einer gleißenden Lichtinstallation steht im blütenweißen Kleid eine Braut (ausdrucksstark: Marianne Helene Jordan) und tastet mit ihren Plastikhänden nach der Liebe – berührende Posen des ­Seelenlosen. (hl)

Nächste Aufführungen: An diesem Dienstag, Mittwoch und Donnerstag, jeweils 20 Uhr; Karten unter 07 11 / 20 20 90

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