Die Stadt Ostfildern entwickelt Konzepte für den Ganztagsbetrieb an Grundschulen. Foto: dpa

Ostfildern hat das Punktesystem für die Vergabe von Ganztagsbetreuung in der Grundschule geändert. Die Kommunalpolitiker fordern Schritte gegen den Fachkräftemangel.

Das Zukunftsmodell Ganztagsschule kommt. Mit dem Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz haben ab dem Schuljahresbeginn 2026/27 alle Erstklässler einen Rechtsanspruch auf mindestens acht Stunden Betreuung. Das stellt die Stadt Ostfildern wie viele andere Kommunen vor Herausforderungen. Für die kostenpflichtige Schulkindbetreuung fehlt Fachpersonal.

 

Bis 2029/2030 sollen alle Grundschulkinder Anspruch auf Betreuung an fünf Werktagen mit bis zu acht Stunden täglich haben. Zurzeit fehlen dafür in Ostfildern Kapazitäten. Um die begrenzten Plätze in der kostenpflichtigen Schulkindbetreuung möglichst gerecht zu vergeben, hat die Stadt 2025 ein Punktesystem für die Vergabe für die Zweit- bis Viertklässler eingeführt. Das wurde nun überarbeitet. Da die Erstklässler den Rechtsanspruch haben, sind ihnen die Plätze garantiert. Nach der neuen Rechnung bekommen Alleinerziehende 20 statt bisher 15 Punkte. Für Kinder und Familien, die als „Härtefall“ eingestuft werden, gibt es 160 statt bisher 50 Punkte. Die neuen Regeln gelten ab dem Schuljahr 2026/27.

Die Pfingstweideschule in Kemnat wird zurzeit umfassend saniert. Foto: Markus Brändli

Die Stadträtinnen und -räte stimmten den Plänen zwar zu, forderten aber von der Verwaltung, die Suche nach Fachkräften weiter zu beschleunigen. Das angepasste Punktesystem bei der kostenpflichtigen Schulkindbetreuung verwaltet nach den Worten von Stefanie Sekler-Dengler (SPD) zwar den Mangel, „doch es darf nicht darum gehen, den nur neu zu verteilen.“ Sie erwartet von der Stadt, die Gewinnung von Fachkräften zu beschleunigen. Dabei hat sie auch innovative Ansätze wie die Ausbildung von Quereinsteigerinnen im Blick. Ein Rechtsanspruch, der neue Ungerechtigkeiten schafft, verfehlt sein Ziel. „Der Gemeinderat sollte nicht hinnehmen, dass der Mangel nur neu verteilt wird. Ohne den deutlichen Ausbau der Schulkindbetreuung droht die Umsetzung des Rechtsanspruchs zu einem Nullsummenspiel mit sozialen Verlierern zu werden.“

Um Bildungsgerechtigkeit geht es auch Gabriele Klumpp (Grüne). Daher begrüßt sie es, dass die Ganztagsschule in Kemnat und in der Schule im Park an den Start gehen soll. Durch den Rechtsanspruch auf einen Platz für die Erstklässler seien die zweiten bis vierten Klassen benachteiligt. Auch mit dem überarbeiteten Punktesystem könne die Vergabe „schwierig werden“.

Punktesystem für Betreuungsplätze in Ostfildern

Das Punktesystem für die Vergabe von Betreuungsplätzen für Schulen und Kitas gilt seit dem 1. Januar 2025. Markus Dinkelacker (Freie Wähler) findet es gut, dass die Verwaltung aus ersten Erfahrungen gelernt und nachgebessert habe. Dennoch werde man das neue System aufmerksam begleiten und überprüfen: „Hier geht es nicht um Rechenspiele, sondern um reale Lebenssituationen von Familien.“ Es sei wichtig, „dass die Kriterien nicht nur auf dem Papier gut aussehen, sondern auch in der Praxis umsetzbar sind – für die Verwaltung ebenso wie für die betroffenen Eltern.“

„Grundsätzlich sollte jede Familie, die für ihr Grundschulkind eine Betreuung benötigt, auch ein entsprechendes Angebot erhalten“, findet Sonja Fleischhacker (CDU). Dass neben der Ganztagsschule die Angebote von Hort, Kernzeitbetreuung und Kernzeitbetreuung Plus zur Verfügung stehen, begrüßt sie. „Ob diese Angebote in ausreichender Anzahl vorhanden sind, wird sich anhand der Anmeldezahlen zeigen.“

„Bei der Vergabe von Plätzen geht es nicht um Rechenbeispiele, sondern um reale Lebenssituationen von Familien.“

Markus Dinkelacker, Freie Wähler

Stadt Ostfildern plant mehr Ganztagsschulen

Weil der Bedarf an Ganztagsplätzen wächst, plant die Stadt, bis 2027 vier zentrale Schulstandort Ruit, der Parksiedlung, dem Scharnhauser Park und in Kemnat zu Ganztagsschulen weiterzuentwickeln. An der Klosterhofschule in Nellingen und an der Grundschule Scharnhausen lässt das Raumangebot das derzeit nicht zu. Mittelfristig soll zumindest in Nellingen, mit rund 11 000 Einwohnern Ostfilderns größtem Stadtteil, Ganztagsbetrieb möglich sein.

Eine Vorreiterrolle hat die Grundschule Ruit. Dort können Familien zurzeit noch den Ganztag wählen. In der Bürgerfragestunde meldeten sich Eltern zu Wort, die diese Flexibilität erhalten wollen. Zwar befürworteten die Eltern den Ganztag, doch der sollte nicht verpflichtend sein: „Familien sind vielfältig, es gibt heterogene Lebensentwürfe. Diversität ist normal.“ In Ruit seien die Strukturen so, dass sich viele Familien flexible Angebote wünschen. Die Eltern fragten, ob sich die Wahlfreiheit erhalten ließe?

Dem erteilte Oberbürgermeister Christof Bolay eine Absage. Ostfildern habe sich auf den Weg zur Ganztagsschule gemacht. „Wir starten den Betrieb nicht in verpflichtender Form.“ Nach einiger Zeit werde das aber kommen. Ein Baukastenprinzip lasse sich auf Dauer nicht umsetzen.

Die Ganztagsschule in Ostfildern

Ganztagsbetreuung
Mit dem Schuljahr 2026/2027 tritt schrittweise der bundesweite Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in Kraft. Bis 2029/2030 sollen alle Grundschulkinder Anspruch auf Betreuung an fünf Werktagen mit bis zu acht Stunden täglich haben – Unterricht inklusive. Außerdem gilt eine maximale Ferienzeit von 20 Schließtagen.

Ein Konzept entsteht
Eine Arbeitsgruppe unter Beteiligung des Gemeinderats arbeitet seit Anfang 2025 an einem Konzept für die Ganztagsschulen, das über die Umsetzung des gesetzlichen Anspruchs hinausgeht. Ziel ist es, ein hochwertiges und familienfreundliches Betreuungsangebot zu schaffen. Derzeit betreibt die Stadt sieben Grundschulen mit ergänzender Betreuung sowie das Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) Lernen und Horte. Etwa die Hälfte der 1500 Grundschulkinder in Ostfildern nimmt ganztägige Angebote wahr.