Die Hymnus-Chorknaben beim Konzert: Für die Jungen wären Singproben und Ganztagsschule nur schwer unter einen Hut zu bekommen. Foto: StN

Eisenmann fordert vom Land verlässliche Rahmenbedingungen für Vereine oder Chöre.

Stuttgart - Die gebundene Ganztagsschule kommt. Das ist sicher. Bis zum Jahr 2018 soll an allen Stuttgarter Grundschulen eine verbindliche und qualifizierte Betreuung bis 17 Uhr angeboten werden.

Bürgermeisterin Susanne Eisenmann hat in den vergangenen Monaten viel Aufklärungsarbeit geleistet in Schulen, bei Vereinen und Verbänden und auf Foren zu diesem Thema.

Zuletzt hatte die Schulbürgermeisterin die Pläne den verschiedenen Kulturinstitutionen präsentiert. Vertreter der Jugendorchester, Musikvereine, Theatergruppen oder Chöre lauschten zunächst gespannt, reagierten dann aber skeptisch. Die große Frage, die sich alle stellen – Sportvereine und kulturelle Einrichtungen – lautet: Wie sind die ­musischen oder sportlichen Angebote mit der Ganztagsschule zeitlich unter einen Hut zu bringen?

Können solche Vereine oder Institutionen künftig noch neben der Schule bestehen?

Dies scheint schon für den normalen Chor oder Sportverein problematisch. Verschärft wird das Ganze jedoch, wenn es um die Förderung begabter Kinder geht. Zum Beispiel bei hoch talentierten Sportlern oder goldenen Kehlen. Zugespitzt: Können solche Vereine oder Institutionen künftig noch neben der Schule bestehen? Und wie können Talente in einer bunt gemischten Umgebung entsprechend ihren Fähigkeiten gefordert und gefördert werden?

Kinder des Hymnus-Knaben-Chors proben ab 14.45 Uhr, die Knaben des Collegiums ab 15.30 Uhr. Viele Jugendmannschaften des VfB Stuttgart trainieren am frühen Nachmittag, ebenso wie die Fußballschule des Bundesligisten. Auch bei den Stuttgarter Kickers gilt 17 Uhr als die magische Grenze. Bis dahin müssen die Kinder in der Regel auf dem Platz stehen. Sonst würden auch dort die Übungszeiten mit dem Stundenplan der Schulkinder kollidieren. Eisenmann hatte daher zunächst den Plan, dass begabte Choristen oder Sportler in Absprache mit der jeweiligen Schulleitung für den Zeitraum der Proben oder des Trainings vom Unterricht befreit werden könnten.

Was sich im Einzelfall durchaus bewähren könnte, hat freilich Tücken. Eltern anderer Kinder könnten sich über die Ausnahmeregeln beklagen und Gleichbehandlung einfordern. Am Ende könnte daraus ein Streit werden, der in der Frage gipfelt: Wo fängt außerordentliches Talent an – wo endet besondere Begabung?

Die Kommunalpolitikerin ist verstimmt

Vor dieser Diskussion will Susanne Eisenmann nicht nur die Schulen und Vereine, sondern auch die Kinder bewahren. Sie erhoffte zum Thema „Zeitliche Befreiung von der gebundenen Ganztagsschule“ eine verbindliche Aussage von Kultusministerin Warminski-Leitheußer. Dies formulierte Eisenmann in einem Brief am 29. Februar an die Ministerin: „Aufgrund der individuellen, schuleigenen Gestaltung der über den Tag verteilten Unterrichts- und Freizeitphasen sind regelmäßige (gemeinsame) Probe- oder Trainingszeiten für die Vereine kaum zu finden.“

Weiter stellt Eisenmann die Frage, „ob vonseiten des Landes geplant ist, den Schulen eine Handreichung zu geben, um den verbindlichen Ganztagsbetrieb und das En­gagement sowie die Förderung der Kinder außerhalb der Schule zu verbinden.“

Auf eine Antwort der Ministerin wartet Susanne Eisenmann (CDU) bis heute. Auf Anfrage unserer Zeitung teilte eine Sprecherin des Ministeriums mit: „Der Antwortbrief geht in Kürze raus.“ Über den Inhalt schwieg sie sich aus. Was Susanne Eisenmann davon hält, spricht sie aus Gründen der Höflichkeit nicht aus. Doch die ­Verstimmung ist der Kommunalpolitikerin anzusehen.

„Wir brauchen verlässliche Übereinkünfte für die Trainingszeiten“

Ihr Parteigenosse und Präsident des Württembergischen Landessportbundes (WLSB), Klaus Tappeser, ist indes nicht überrascht: „Die müssen sich eben noch sortieren.“ Unabhängig von diesem Seitenhieb gegen das Ministerium fordert auch Tappeser klare Aussagen von Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD): „Wir brauchen verlässliche Übereinkünfte für die Trainingszeiten. Spätestens um 16 Uhr muss Schluss mit dem Unterricht sein. Außerdem dürfen die Kinder danach keine Hausaufgaben mehr haben.“

Zudem schlägt Tappeser einen „freien Mittwoch“ vor, wie er in Frankreich erfolgreich praktiziert werde. Sollte das Land hierfür keine verlässlichen Rahmenbedingen schaffen, fürchtet Klaus Tappeser, dass vor allem der Spitzensport, aber auch musisch begabte Kinder auf der Strecke bleiben. Denn die Trainings- und Probenzeiten müssten für diese Kinder kalkulierbar sein.

Sonst gäbe es in Zukunft wahrscheinlich weniger von dem, was in einer Leistungsgesellschaft gewünscht ist und große Anerkennung findet: goldene Kehlen und goldene Medaillen.

Der Kreisverband Stuttgart und die Gemeinderatsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen Stuttgart möchten am Freitag, 4. Mai, 17 bis 20 Uhr, mit Fachleuten und Interessierten über den Ausbau der Ganztagsgrundschulen ins Gespräch kommen und darüber diskutieren, wie die Zusammenführung mit den Angeboten außerschulischer Veranstalter gelingt, ohne deren Jugendförderung zu gefährden. Nach einem Einführungsreferat von Ingrid Vanek, Schulleiterin der Carl-Benz-Ganztagsgrundschule, wird die Diskussion im Freien Musikzen­trum Feuerbach, Stuttgarter Straße 15, eröffnet.



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