Mahmoud Jaraba forscht intensiv zu Bandengewalt. Obwohl das letzte laufende Verfahren um die rivalisierenden Gangs abgeschlossen ist, prognostiziert er: Es wird noch viel schlimmer.
Geht es nach Mahmoud Jaraba, ist das, was die Region Stuttgart seit Jahren erlebt, nur die Ruhe vor dem Sturm. Die Rede ist vor Bandengewalt, der blutigen Fehde zweier multiethnischen Gruppen, welche die Ermittler seit Jahren in Atem hält.
Vergangene Woche ging das vorerst letzte laufende Strafverfahren in diesem Zusammenhang zu Ende. Ein 26-Jähriger wurde zu knapp acht Jahren Haft verurteilt, nachdem er am 28. Januar 2025 einem verfeindeten Bandenmitglied in einem Döner-Laden in Stuttgart-Möhringen in den Bauch geschossen hatte. Haben also die Maßnahmen der Behörden gefruchtet?
Der Politikwissenschaftler und Sozialanthropologe Mahmoud Jaraba forscht an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg seit vielen Jahren zu Clankriminalität und Bandenkriminalität. Er zeichnet ein finsteres Bild der Entwicklungen voraus: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass es mehr und mehr Bandenkonflikte geben wird.“
Auch die Region Stuttgart werde davon nicht ausgenommen sein. Jaraba kennt die Situation hier gut, hat wissenschaftliche Interviews mit Aussteigern der beiden rivalisierenden Gruppen geführt, wovon die eine laut Behörden vor allem auf der Achse Stuttgart/Göppingen und die andere auf der Achse Plochingen/Esslingen/Ludwigsburg aktiv sein soll. Einiges von dem, was die Austeiger Jaraba erzählt haben sollen, steht in Widerspruch dazu, was das Innenministerium zumindest zuletzt über den Konflikt bekanntgegeben hat.
Experte widerspricht Innenministerium teilweise
Der Bandenkrieg, bei dem mehrere Menschen getötet wurden, beschäftigt bis heute auch die Landespolitik. Einige kleine Anfragen in den vergangenen Monaten quer durch die Fraktionen sollten Licht in die dunkle Welt bringen, die nach Jaraba noch dunkler sein könnte als bisher angenommen.
So verneinte das Innenministerium auf die Frage der FDP, ob der Regierung bekannt sei, ob die Banden mit anderen kriminellen Gruppen wie der Mafia oder kriminellen Rockergruppen kooperierten. Auch wurde immer wieder der Eindruck erweckt, dass es in den Auseinandersetzungen zuvorderst um antiquierte Vorstellungen von Ehre ginge und nicht so sehr um finanzielle Interessen in illegalen Geschäftsfeldern.
Mahmoud Jaraba hält diese Einschätzungen für ziemlich abwegig. „Die wichtigste Geldquelle für diese Banden sind Drogen“, sagt er. Manche innerhalb der Strukturen verdienten mit dem Handel illegaler Substanzen „unglaublich viel Geld“. Nicht nur die Struktur der Banden, auch der Drogenhandel selbst habe sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. „Den Straßenverkauf gibt es zwar noch, aber die meisten Geschäfte werden mit Kokstaxis gemacht.“ Also Drogen-Kurierdiensten, die auf Bestellung liefern.
Gleichzeitig seien die Banden heute so undurchsichtig strukturiert, dass die unteren Ränge nicht einmal selbst wüssten, für wen sie arbeiten. „Das hat mir ein Aussteiger aus Esslingen erzählt“, sagt Jaraba, „dass sie den Chef nicht kennen und meist nur mit sieben bis neun anderen Mitgliedern zu tun hätten.“
Zwar sei ein Name, den Jaraba mit Blick auf den Schutz der Aussteiger nicht preisgeben will, immer wieder genannt worden. „Aber direkten Kontakt zu ihm hatten sie nie.“
Gangs haben sich strukturell verändert
Das war vor einigen Jahren noch anders, als wohl jedem jungen Menschen in der Region Namen wie Red Legion oder Black Jackets ein Begriff waren – und alleine die Mitgliedschaft bei einer dieser berüchtigten Gruppen zumindest auf der Straße gewissen Respekt einforderte. Doch die ließ der damalige Innenminister Thomas Strobl (CDU) 2015 verbieten. Reste der Red Legion sind laut Behörden zwar auch der stark kurdisch geprägten Gruppe auf der Achse Plochingen/Esslingen/Ludwigsburg aktiv. Allerdings gehören Bilder von Aufmärschen in der Stuttgarter Innenstadt – Machtdemonstrationen – seitdem der Vergangenheit an. Sie wurden gewissermaßen in den Untergrund verdrängt.
Eine solche Angriffsfläche wie ein gemeinsames Label bieten die neueren Gruppierungen auch laut Jaraba nicht mehr. Sie seien zwar viel kleinteiliger organisiert, aber deswegen nicht unbedingt kleiner. „Sie sind weniger uniformiert und pflegen auch keine einheitlichen Bezeichnungen – es gibt zwar für kleinere Untergruppen Namen, die meist die Postleitzahl eines Wohnorts beinhalten, aber außerhalb der Szene sind die kaum jemandem ein Begriff.“
Verbindungen zum Gangser-Rap
Mit Szene meint Jaraba die lokale Rap-Szene, zumindest die Gangster-Rap-Kultur. „Diese jungen Menschen verbringen unglaublich viel Zeit mit Rap“, sagt er. „Das Maskuline, die Narrative, die viel zu tun haben mit Gewalt, finden sie attraktiv.“ Es ermutige sie dazu, den dort propagierten Lifestyle nachzuahmen: keinen Respekt vor der Polizei, dem Staat, der Mehrheitsgesellschaft. Die Verteidigungsstrategie, um die Ehre zu verteidigen: das Messer. „Die Regeln in dieser Parallelgeselschaft drehen sich um Macht und Gewalt, das ist eine total andere Logik“, sagt Jaraba.
Doch warum ist das so? „Wir müssen genau auf die Hintergründe schauen. Viele dieser Männer stecken in einer tiefen Identitätskrise“, sagt Jaraba. Bildung spiele in den Familien oft keine Rolle, Respekt und Anerkennung, so seien viele Gang-Mitglieder überzeugt, könne man sich nur durch Stärke verdienen. „Ein Teil sucht Halt in religiösen Milieus und landet mitunter bei extremistischen Strömungen wie bestimmten salafistischen Gruppierungen, andere orientieren sich an Banden“, sagt Jaraba.
Experte sieht Deutschlandticket als Faktor für Bandengewalt
Vor allem bei den Banden sei die Einstiegshürde ungewollt durch ein Instrument gesenkt worden, das eigentlich einem ganz anderen Zweck dienen soll: „Das Deutschlandticket ermöglicht es den Jugendlichen, sich an Bahnhöfen zu versammeln – die größeren Gruppen dort wirken auf die anderen wie ein Magnet.“ Dies habe Jaraba etwa in Nürnberg beobachtet. Gleichzeitig mache das Ticket, mit dem man günstig durch ganz Deutschland fahren kann, die Mobilisierung für die Gruppen viel einfacher, wenn es irgendwo zu Auseinandersetzungen kommt.
„Es fehlt ethnografische Forschung“, sagt Jaraba. Das koste zwar Ressourcen, würde sich am Ende aber auszahlen. „Das wird eine Herausforderung für die Demokratie“, so der Experte. Zwar sei Prävention wichtig, „aber wir brauchen auch repressive Maßnahmen.“
Dennoch: Zuletzt war es zumindest relativ ruhig um die Stuttgarter Straßengangs geworden. Ihren Höhepunkt hatte die Eskalation der Gewalt wohl 2023 erlebt – als eine Handgranate in Richtung einer Trauergemeinschaft in Altbach (Esslingen) flog. Ein Ast lenkte die Waffe so ab, dass Schlimmeres verhindert wurde.