Mit dem äußeren und dem inneren Gleichgewicht haben die Figuren des Bildhauers Vitali Safronov oft zu kämpfen. Diese Plastik trägt den Titel „Büro Frau Balance“. Foto: Horst Rudel

Das Kulturevent „Kunst im Ort“, das alle zwei Jahre stattfindet, hat sich etabliert. In den vergangenen acht Jahren sind mehrere Tausend Besucher gekommen.

Gammelshausen - Provinz und Kunst gehen sehr wohl zusammen. Ein Beispiel dafür ist das kleine Dorf Gammelshausen. Auf Initiative des Künstlerehepaars Marion und Dieter Gaiss von der Kreativwerkstatt Schnapsidee und mit Unterstützung der Kommune sind alle zwei Jahre im örtlichen Gemeindehaus interessante Arbeiten von verschiedenen Künstlern zu sehen. Am vergangenen Wochenende war es wieder so weit. Zum fünften Mal fand in Gammelshausen „Kunst im Ort“ statt. „Am Anfang hätte niemand gedacht, dass sich das so etabliert“, sagte der Bürgermeister Daniel Kohl bei der Vernissage am Samstag. „Im Lauf der vergangenen acht Jahre sind mehrere Tausend Besucher zu dieser Veranstaltung gekommen.“

Provinziell war diese Ausstellung wirklich nicht. Gezeigt wurden Arbeiten von sechs sehr verschiedenen Künstlertemperamenten. Die fein gearbeiteten Bronzen des Stuttgarter Bildhauers Vitali Safronov, der 1966 im russischen Omsk geboren wurde, zeigen Menschen häufig in skurrilen Situationen, wie die Plastik „Büro Frau Balance“. Diese Figur balanciert einen Stapel Bücher auf dem Oberschenkel und hat alle Mühe damit. Oder das Paar, das aus dem Gleichgewicht käme, wenn nicht die Frau den Mann an der Krawatte gepackt hätte.

Die Atmosphäre gefällt auch den Künstlern

Aus einem sehr leichten Material bestehen dagegen die Figuren der Altshausener Bildhauerin Kerstin Stöckler. Sie arbeitet vorwiegend mit gerissenem, gefaltetem Zeitungspapier, das sie mit Polyesterharz vermischt. Aus diesem Gemisch formt sie Figuren, die in tänzerischer Leichtigkeit zu schweben scheinen. Kerstin Stöckler war schon einmal in Gammelshausen und ist gerne wiedergekommen. Ihr gefällt die Atmosphäre und das Publikum. „Hierher kommen viele interessierte Leute, und man kann gute Gespräche führen.“

Bildhauerisch tätig ist auch der Wahl-Gammelshäuser und Mitinitiator Dieter Gaiss. Er schafft aus heimischen Hölzern filigrane Stuhlgewächse mit giraffenartigen Beinen. Dazu benutzt er nicht etwa feines Werkzeug, sondern eine brachiale Kettensäge. Seit ein paar Jahren wagt sich Dieter Gaiss auch an Köpfe und Torsi. Die Liebe zur Musik spiegeln die großformatigen Acrylbilder von Marion Gaiss wider, die sich schon seit 25 Jahren mit Malerei beschäftigt. Neben ihren Arbeiten hingen jene Songtexte, die sie inspirierten, wie „Blackbird“ von den Beatles oder „Woman from Tokyo“ von Deep Purple. Ihre Markenzeichen sind ein entschiedener Pinselstrich und eine klare Bildsprache.

Malerinnen bevorzugen das große Format

Das große Format bevorzugt auch Petra Seibert. Die Stuttgarter Künstlerin zeigte Arbeiten aus ihrer letzten Schaffensperiode, die sie unter dem Titel „Land mit Strand“ zusammengefasst hat. In vielen ihren Bildern verwendet sie exzessiv die Farben rot und rosa. Während sie vieles dem Zufall überlässt, macht die Malerin Irina Wolff, die ebenfalls in Stuttgart lebt, mehrere Vorskizzen. In Gammelshausen zeigte sie eine Serie großformatiger Ölbilder. Ein jedes zeigt das selbe, sphinxenhafte Gesicht in einer anderen Farbe. Sehr plakativ und farbenfroh sind die Bilder von Tanja Joos. Auch sie gehört der Kreativwerkstatt an, die eine frühere Schnapsbrennerei in Gammelshausen als Atelier nutzt. Die Heininger Künstlerin malt Menschen häufig im Freizeitlook, mit Schlappen und in kurzen Hosen.

Nicht nur die bildende Kunst ist in Gammelshausen zu Hause, sondern auch die klassische Musik. Bei der Vernissage, bei der ein großer Andrang herrschte, spielte das vielfach ausgezeichnete Geschwisterduo Ada Aria und Ead Anner Rückschloß.

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