Weltpremiere in Esslingen: Der spanische Pantomime Carlos Martínez präsentiert sein letztes Solo-Programm „Zugabe!“ bei den Galgenstricken. Foto: Hannes Keller

Der spanische Pantomime Carlos Martínez spricht auf der Zielgeraden seiner Karriere über die Magie seiner stillen Kunstform und die Weltpremiere seines letzten Programms.

Er steht seit über 40 Jahren auf der Bühne, hat in mehr als 4000 Auftritten in 44 Ländern sein Publikum begeistert, Bücher geschrieben, Vorträge gehalten und Workshops geleitet – nun feiert der spanische Pantomime Carlos Martínez im Keller der Esslinger Galgenstricke die Premiere seines finalen Soloprogramms „Zugabe!“. Im Gespräch mit unserer Zeitung zieht er Bilanz und blickt auf seine internationale Karriere zurück.

 

Herr Martínez, wie wichtig ist Ihre Herkunft für Sie?

Carlos Martínez: Im ersten Teil von „Zugabe!” betrete ich das Haus meiner Kindheit und begegne dem kleinen Carlos und seinen Erinnerungen. Viele meiner Stücke entstehen genau dort: in der Erinnerung, in meiner eigenen Biografie. Der Tod meiner Mutter etwa hat den Ton meiner Arbeit tief geprägt. 1994, nach ihrer Beerdigung, führte ich zum ersten Mal „Die Taschenuhr” auf – ein Stück gestischer Poesie, das dem Leben gewidmet ist. Diese kleine Uhr gehört zu den Objekten, nach denen ich im Haus meiner Erinnerungen suche. Diese Gegenstände versetzen mich in unvergessliche Momente zurück, die mein persönliches wie auch mein berufliches Leben geprägt haben.

Der Philosoph Sören Kierkegaard hat einst notiert, dass das Leben zwar vorwärts gelebt werden muss, aber nur rückwärts verstanden werden kann …

In diesem Satz steckt viel Wahrheit. Im Laufe der Jahre sammelt man immer mehr Vergangenheit an. Während mich der Terminkalender zu neuen Bühnen, Ländern und Publikumsgruppen führt, spüre ich gleichzeitig das Bedürfnis zurückzublicken. Ich denke an Herausforderungen, die unüberwindbar schienen, an Stücke, deren Entwicklung sich als schwierig erwies, an Fehler, die ich korrigieren musste, und an Ängste, die ich in den Garderoben zurückließ, um weitermachen zu können.

Am Ende jeder Performance schminken Sie sich ab und zeigen Ihr Gesicht – was macht diesen Moment für Sie so wichtig?

Ich habe Make-up immer als Teil meiner Berufskleidung verstanden, genau so, wie andere den Arztkittel anziehen oder die Clownsnase aufsetzen. Diese weiße Maske trage ich mit Würde, als Hommage an die großen Pantomimen, die ich seit meiner Jugend bewundere. Das Wichtigste an der Maske ist jedoch, dass ich sie jederzeit abnehmen kann. Und wenn ich das tue, bleibt das Make-up des Pantomimen auf meinem Handtuch zurück. Dann zeige ich mich so, wie ich bin, mit unverhülltem Gesicht und wiedererlangter Stimme.

Am Anfang Ihrer Laufbahn prophezeiten Ihnen viele, die Pantomime habe keine Zukunft?

Ja, und heute, nach mehr als 40 Jahren auf der Bühne, kann ich sagen: Doch, sie hatte eine. Denn anders als die Künstler altert oder stirbt die Kunst nicht. Als Marcel Marceau starb, glaubten manche, die Pantomime sei mit ihm verschwunden. Doch ich habe mir seither weiterhin das Gesicht weiß geschminkt – in der Überzeugung, dass diese Kunst trotz der Zerbrechlichkeit der Stille lebendig bleibt. Auf allen Bühnen, auf denen ich gespielt habe, habe ich erlebt, wie die Pantomime sprachliche, soziale und kulturelle Grenzen überwindet. Mir selbst treu zu bleiben und die Essenz dieses Kunstgenres zu bewahren, war meine größte Erfüllung.

„Die Essenz der Mimesis“

Welche Chance hat das Theater ohne Worte in einer Zeit, in der Smartphone, Computer und Künstliche Intelligenz immer mehr Raum einnehmen?

Man muss nur beobachten, wie die Menschen während einer stillen Vorstellung ihre Handys vergessen und einer Geschichte folgen, die ganz ohne Worte auskommt. Die Pantomime ist tief in unserem Leben verwurzelt. Wir sehen Blicke, die sprechen, Lippen, die schweigen, Hände, die sich schließen, Arme, die sich öffnen, Schultern, die sich heben, Mundwinkel, die sich senken ... . Darin liegt die Essenz der Mimesis: das Leben beobachten, einstudieren, verstehen, verinnerlichen und mit Respekt und Ehrlichkeit auf der Bühne wiedergeben. Es gibt nichts Zeitgemäßeres als eine Livevorstellung, in der die Menschlichkeit im Kontrast zur Kälte der Technik steht.

Was festigt den Künstler Carlos Martínez, was stärkt den Menschen Carlos Martínez?

All das habe ich nie allein erreicht. Ein engagiertes Team hat mich von Anfang an begleitet, gestützt, geerdet und mir seine ganze Professionalität zur Verfügung gestellt. Diese Zusammenarbeit und das entgegengebrachte Vertrauen verleihen mir als Künstler Halt und stärken mich als Mensch. Es gibt mir Kraft, zu wissen, dass ich meinem Stil treu bleiben und ein gestisches Theater weitergeben kann, das viele längst für bedroht hielten.

Wie fällt Ihre künstlerische Bilanz aus?

Ein Leben, das einer so kleinen und minimalistischen Kunstform wie der Pantomime gewidmet ist, hinterlässt Spuren: Erinnerungen, Fotos, Presseartikel, Interviews, Auszeichnungen, Briefe von Zuschauern, Schülern, Kollegen und Freunden ... . Vor allem aber hinterlässt es den Respekt und die Zuneigung meines Teams und meiner Familie. Wenn ich die mehr als 4000 Auftritte in 44 Ländern betrachte, empfinde ich vor allem Dankbarkeit – gegenüber dem Leben und gegenüber all jenen, die mir vertraut haben: Die Veranstalter, Hunderttausende Zuschauerinnen und Zuschauer, die Kritiker, meine Workshop-Teilnehmer. Das ist die wahre Bilanz: Das Privileg, diese Kunst gelebt und mit so vielen Menschen geteilt zu haben. Ihnen widme ich dieses neue Programm – als Vermächtnis und als Bestätigung für die Internationalität der Stille.

Ein Meister des gestischen Theaters

Ausbildung
Carlos Martínez wurde 1955 in der spanischen Provinz Asturien geboren. Sein vielfach ausgezeichnetes Können verdankt er einer vielfältigen Ausbildung an Pantomimen- und Schauspielschulen, täglichem Training und intensiver Körperarbeit. Sein Wissen über Pantomime basiert auf jahrelanger Lehr- und Vortragstätigkeit, intensiver wissenschaftlicher Forschung und Auftritten in Europa, Nord- und Südamerika, Afrika und Asien.

Entwicklung
Carlos Martínez hat das Genre der klassischen Pantomime entscheidend weiterentwickelt, er hat moderne Erzählformen ausgelotet, die gestische Sprache in neuen Facetten entfaltet und immer wieder überraschende kreative Impulse gesetzt.

Zukunft
Mit seinem finalen Solo-Programm „Zugabe!“ wird Carlos Martínez noch bis Ende 2027 auf Tour gehen. Dann wird er sich verstärkt dem Unterrichten widmen, junge Künstler unterstützen, Workshops leiten, ein neues Buch schreiben und für kürzere Gastauftritte auf die Bühne zurückkehren. Während die Premieren-Gastspiele vom 23. bis 25. Januar bereits ausverkauft sind, gibt es für die Vorstellungen am 20. und 21. Juni bei den Esslinger Galgenstricken noch Karten.