Die Corona-Krise bringt den Kunstmarkt zum Erliegen. Der Berliner Galerist Klaus Gerrit Friese blickt dennoch optimistisch in die Zukunft und nutzt die Zeit, um Grundsätzliches zu hinterfragen.
Stuttgart - Die Corona-Krise bringt den Kunstmarkt zum Erliegen. Galerien bangen um ihre Existenz, Kunstvereine und Museen um ihre Förderer und ihr Publikum. Der Berliner Galerist Klaus Gerrit Friese ist sicher: Die Lust an der Kunst wird wiederkommen.
Herr Friese, Sie haben eben einen neuen Bildband für den Maler Cornelius Völker fertiggestellt. Die Feier fällt aus – wird es denn solche publizistischen Anstrengungen von Privatgalerien überhaupt noch geben können?
Die Ausstellung von Cornelius Völker, die sich ganz und gar dem Thema Papier widmet - also Zeitungen, Bücher, Pornohefte, Klopapier, Post sind auf den Leinwänden zu sehen – ist sorgsam komponiert und jetzt nicht öffentlich sichtbar. Um so dankbarer sind wir für den Katalog, der uns ermöglicht, die Werke in dieser Form den Sammlern zu schicken und zu zeigen. Lothar Schirmer hat das Buch verlegt; ebensolche Sorge, ob solche Taten es noch von Privatgalerien geben wird, hat man für die Verlage: Wie wird das weitergehen, wenn die Umsätze um 70 bis 90 Prozent geschmälert sind. Wir werden sehen.
Sie hatten seit vielen Jahren eine Digitalpräsenz. Hilft Ihnen das jetzt?
Das ist für mich gar nicht die Frage. Alle haben doch im selben Moment auf digital geschaltet. Wir nicht.
„Es kommt darauf an, Geschichten zu erzählen“
Warum?
Man mag gar nicht mehr all die Menschen in den schlecht beleuchteten Räumen sehen, die dort via der sogenannten sozialen Distanzierungsmedien etwas erzählen. Ich denke, es kommt weiterhin darauf an, Geschichten zu erzählen, punktgenau, die verdeutlichen, was die Kunst uns bedeutet und dafür geeignete Formen zu entwickeln.
Was sind Ihre Wege?
Wir haben uns über Jahrzehnte von einem Ereignis zum nächsten getrieben, das geht jetzt nicht mehr. Machen wir was draus. Wir schreiben Briefe, hören am Telefon zu, und arbeiten an Konzepten für unsere Kunst. Da ist enorm viel zu tun, und das machen wir alle zusammen jeden Tag, im Homeoffice, in der Galerie.
„Wie sind künftig Kooperationen möglich?“
Geht es dann um beides – die Galerien als Unternehmen, aber auch um die gesamte Kette zwischen künstlerischer (Selbst-)Ausbildung, Eintritt in die Vermittlungsfelder und Eintritt in die (Dialog-)Kette Produktion und Rezeption?
Ich bin nicht der Mensch fürs berühmte Positive, und ich sehe das enorm Schwierige der jetzigen Situation. Aber müssen sich nicht alle, wenn schon mit Solidarität nicht zu rechnen ist, fragen, wie auf Dauer vernünftige Kooperationen möglich sind?
Sie meinen auch zwischen privaten und öffentlichen Kunstforen?
Es geht ums Ganze, natürlich. Wir sollten uns schleunigst Gedanken machen: Wer sind wir, was für eine Verantwortung haben wir, wo geht’s jetzt weiter, und mit wem lassen sich sinnvolle Modelle entwickeln. Selbstkritik im nicht stalinschen Sinn gehört dazu, Reflexionen über das, was wir vernünftigerweise machen können, um unsere Bedeutung im gesellschaftlichen Kontext zu haben.
„Die Sichtbarkeit wird wiederkommen“
Das gilt der Zukunft. Aber wie lange kann es eine KünstlerIn verkraften, dass nicht nur die Verkäufe fehlen, sondern die Sichtbarkeit an sich?
Die Sichtbarkeit wird ja wieder kommen, wenn denn die Arbeit gut ist. Das wesentlich Kritischere wird sein, wie es geht, wenn die Verkäufe ausbleiben. Die ökonomische Basis ist meist schmal bei den Künstlerinnen und Künstlern, vor allem bei den Jüngeren. Da muss man sich sorgen, dass das Durchhalten am eigenen Werdegang möglich bleibt. Wir als Galerie können dafür unser möglichstes tun, aber dafür bedarf es auch einer einfachen Größe: des Verkaufs!
Fragen von Sichtbarkeit und Verkauf treffen aber doch auch sehr bekannte Künstlerinnen und Künstler. Sie konnten etwa jüngst eine viel beachtete Retrospektive zum Werk von Karin Kneffel organisieren. Die Präsentationen in der Kunsthalle Bremen und in den Räumen des Museums Frieder Burda in Baden-Baden weckte internationales Interesse. Was fällt hier an möglichen Anschlussprojekten jetzt alles weg?
Alles wird ja im schlimmsten Fall verschoben, nur verschoben. Aber Sie haben Recht – an den Kneffel-Ausstellungen haben wir gesehen, wie schnell sich Bewusstsein verändert. Knapp 100 000 Besucherinnen und Besucher haben die beiden Ausstellungen in Bremen und Baden-Baden gesehen, es gab Rezensionen in der „Zeit“, der „Süddeutschen“, in der „Welt“, der „FAZ“, im „Handelsblatt“ und natürlich in Ihrer Zeitung. Auf einmal wird ein Werk breit und seiner Bedeutung angemessen wahrgenommen. Das wird wirken und weiter gehen.
„Wir brauchen weiter Entdeckungen“
Umgekehrt dürfte sich Ihr Mut, junge Künstlerinnen und Künstler zu präsentieren, nun in Grenzen halten. Wird sich also die Vielfalt innerhalb der Galerieprogramme verringern?
Nein, wir sind nur so gut, wie es unser differenziertes Galerieprogramm in der Vielfalt ist. Ich sehe gar nicht, dass wir das ändern wollen und können. Im Gegenteil. Vor anderthalb Jahren haben wir im Kontext einer Ausstellung, die sich mit dem Weiterleben des Werks von Willi Baumeister in einer jüngeren Künstlergeneration beschäftigte, eine starke junge argentinische Künstlerin entdeckt – Claire de Santa Coloma. Sie wird bei uns in Berlin im November 2020 ihre erste Einzelausstellung in Deutschland haben.
Sie haben die frühen 1990er Jahre mit dem Schlagwort „still alive in 95“ erlebt, die Terrorangriffe auf New York und Washington 2001, den Zusammenbruch der Finanzwelt - jedes Mal, so schien es mitunter, gab es hernach nicht weniger, sondern mehr Kunst und auch mehr und differenziertere Ausstellungsformen. Wird es nun wieder so sein?
So alt also. Ja das stimmt, das gab es alles schon in meinem Berufsleben, und ich habe sehr viel Glück dabei gehabt.
„Die Lust an der Kultur wird wiederkommen“
Und nun?
Die Corona-Zeit forciert eine allgemeine Skepsis: Können diese extremen Finanzsummen, die im Kunstmarkt im kleinsten Teil bewegt werden, auf Dauer Bestand haben.
Und?
Ich glaube, hier wird es zu den sogenannten Korrekturen kommen. Jedoch – warum sollte diese merkwürdige Ruhe in den Städten auf Dauer so bleiben. Die Lust an der Kultur wird wiederkommen. Und neue Dinge werden auftauchen, die gewohnten dazu. Die Kultur die Kunst sind das Lebenselixier, wir müssen uns das zutrauen.
Sie glauben also weiter fest an die Magie des Kunstwerks als Original?
Ich habe vor Corona, eine Woche vorher, ein großes Bild von Dieter Krieg verkauft. Es passte gerade so ins Haus, ins Zimmer, kein Wunder bei 2,35 mal 4,95 Metern Größe. Und dieser Sammler rief an und erzählte, wie ihm das Bild von da an sein Leben bestimme, auf positivste Art, wie es sein Herz bewege, seine Stimmung aufhelle, wie er gar nicht mehr leben könne ohne das Bild. Wie es alles verändere, seinen Blick aufs Haus, die anderen Bilder und und und. Ihm lief das Herz über und mir ging es auf. Magie? Natürlich Magie!