Ein Galerist bei seiner traditionellen Tätigkeit: Marco Schacher in seinem Raum für Kunst im Galerienhaus in der Stuttgarter Breitscheidstraße Foto: Roberto Bulgrin

Zeichenschule, Verlag, Buchhandlung, Café: Mit alternativen Geschäftsmodellen stemmen sich die Galerien in Stuttgart und der Region gegen die Krise. Stirbt der klassische Showroom aus?

Stuttgart - Die Nachricht war ein weiterer Tiefschlag für die Stuttgarter Kunstszene. Im April kündigte Edith Wahlandt an, ihre Galerie Ende des Jahres zu schließen. Nach Wehr, Franke, Hollenbach oder Kerstan steht damit erneut eine Anlaufstelle für Bilderfreunde vor dem Aus. Andere, wie etwa Friese und Parrotta, haben die Stadt verlassen, weil sie ihre Zukunft in Berlin oder Köln sahen.

 

Immerhin, der schlechten Stimmung zum Trotz gab es auch einige Neugründungen. Bei denen sticht eines heraus: Allein auf das Geschäft mit Bildern wollen sie sich nicht verlassen. Stattdessen probieren sie es mit dem Modell „Kunst plus x“. Die Galerie Kernweine im Stuttgarter Süden etwa verkauft nicht nur aktuelle Fotografie und Medienkunst. Im angeschlossenen Café kann man nach dem Ausstellungsbesuch auch noch einen Espresso trinken. Oder in der kleinen Spezialbuchhandlung, die ebenfalls zur Galerie gehört, nach Neuerscheinungen aus dem Kunst- und Fotobereich stöbern.

Auch das Galerienhaus im Westen beherbergt seit Januar zwei Mieter, die breiter aufgestellt sind. Zum einen den Fotoverlag Hartmann Projects, der die Positionen aus seinem Buchprogramm parallel in Ausstellungen präsentiert, zum anderen Jürgen Palmer. Als Maler, Grafiker, Webdesigner und Kurator für öffentliche Kunstprojekte war der Stuttgarter schon immer ein Multitalent, seit dem Umzug in die Breitscheidstraße mischt er nun auch im Kunsthandel mit. Wert legt der 1957 Geborene aber darauf, dass er sich nicht als klassischer Galerist versteht. „Ich mache keine branchenüblichen Verträge, die dem Galeristen fünfzig Prozent der Verkaufserlöse zugestehen, sondern kassiere eine Provision, die etwas geringer ausfällt.“ Langfristige Aufbauarbeit, Vermittlung bei Sammlern, Kuratoren und Kritikern kann und will Palmer seinen Künstlern dagegen nicht versprechen. Schließlich nimmt er neben seinen anderen Jobs noch ein weiteres Betätigungsfeld wieder auf und bietet Zeichenkurse an: „Dafür fehlte mir zuletzt der Platz.“

Auch in Berlin weht ein strengerer Wind

Den Trend, sich alternative Standbeine aufzubauen, beobachtet Michael Sturm seit Längerem. Unlängst hat der alteingesessene Stuttgarter Galerist und Baden-Württemberg-Repräsentant des Bundesverbands deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) eine Zweigstelle eröffnet. Mit einer österreichischen Partnerin betreibt er in Wien die Galerie Sturm und Schober. Er hofft, sich an der Donau neue Sammlerkreise zu erschließen. „Es wird für uns alle enger, deswegen suchen wir Kooperationspartner, bündeln Kompetenzen und hoffen, dass Synergien entstehen.“ Die Schwierigkeit, vom Kunsthandel zu leben, sei nicht mehr auf Stuttgart oder Baden-Württemberg beschränkt. „Auch den Berlinern weht der Wind strenger ins Gesicht.“

Das Internet trägt an dieser Entwicklung ausnahmsweise keine Schuld. „Der Online-Handel mit Kunst“, sagt Sturm, „spielt in Deutschland nur eine untergeordnete Rolle.“ Die Ursache für die Krise vermutet er woanders: Internationale Großgalerien wie Gagosian oder Hauser und Wirth würden immer mächtiger, zugleich drängten die Auktionshäuser aggressiver als früher auf den Markt für Gegenwartskunst. Auch das Kaufverhalten vieler Sammler habe sich aufgrund der niedrigen Zinsen gewandelt. „Wer früher eine halbe Million übrig hatte, baute sich für die Summe eine Sammlung von günstigeren Positionen auf. Heute wird dieser Betrag in ein einziges Werk von etablierten Künstlern wie Jeff Koons investiert. Einfach, weil das als die sicherste Anlage gilt.“ Verlierer dieser Tendenz seien diejenigen, die im mittleren Preissegment operierten. Und dazu gehört der Großteil der Galerien.

Manche Galeristen verzichten ganz auf eigene Räume

Dass viele den Kunstverkauf mit anderen Geschäftsbereichen kombinieren, kann Sturm deshalb gut nachvollziehen. Nebenher noch einen Verlag oder ein Café zu betreiben käme für ihn selbst zwar nicht infrage, doch auch Sturm würde heute einiges anders machen, wenn er noch einmal von vorn anfangen müsste. „Wahrscheinlich würde ich mich stärker auf den Sekundärmarkt, also die Vermittlung und Organisation von Wiederverkäufen, konzentrieren.“ Eine weitere Strategie, auf die gewandelten Rahmenbedingungen zu reagieren, besteht darin, seine Ausstellungsräume zu verkleinern oder ganz darauf zu verzichten. Ein Beispiel: die Ludwigsburger Galerie Fuckner, die ihr Programm vorwiegend außer Haus zeigt, etwa in einem Stuttgarter Büro für Design und Innenarchitektur. Auch dieses Modell dürfte angesichts hochschnellender Innenstadtmieten noch viele Nachahmer finden. Der BVDG, so Sturm, habe deswegen bereits seine Aufnahmebedingungen gelockert. Mittlerweile müssten Mitglieder nicht mehr zwingend über eigene Räume verfügen. Entscheidend sei allein „eine seriöse Galeriearbeit“.

Müssen wir uns also daran gewöhnen, demnächst nur noch Kunst zwischen Kaffeetischen oder gar in Blumenläden präsentiert zu bekommen? Oder in Pop-up-Galerien, die nach zwei Monaten wieder verschwunden sind? In dieser Hinsicht macht Sturm sich noch keine Sorgen. Experimentelle Formate seien zwar bereichernd, er selbst habe sich auch schon darauf eingelassen. Den traditionellen Showroom ersetzen könnten Zwischen- oder Parallelnutzungen aber nicht. „Erstens schätzen Sammler Kontinuität, und zweitens weckt ein klassischer Ausstellungsraum einfach mehr Vertrauen.“