Sebastian Schmitt zeigt in der Galerie Villa Merkel eine Auswahl von Werken des Künstlers Rolf Nesch. Foto: Roberto Bulgrin

Der Esslinger Künstler Rolf Nesch gehörte zu den Großen. Er flüchtete vor den Nationalsozialisten nach Norwegen. Die Villa Merkel widmet ihm eine Schau.

Drachen und ein brennender Erdball künden von der Zerstörung der Welt. Die schrecklichen Bilder der Kriege hat der Künstler Rolf Nesch in eine Druckgrafik gebannt. Kräftige, dralle Farben spiegeln Aggression. Die Eindrücke des Kriegs prägten die Ästhetik Neschs. Dieses und andere Werke des gebürtigen Oberesslingers zeigt die Esslinger Galerie Villa Merkel in einer Salonausstellung, die am Sonntag, 9. November, eröffnet wird.

 

Das starke künstlerische Statement gegen den Krieg war von Picassos „Guernica“ inspiriert, das Nesch 1938 in Oslo gesehen hat. Viele Esslinger, die rund um das Klinikum unterwegs sind, kennen den Rolf-Nesch-Weg. Dass er in seiner Zeit einer der bedeutendsten internationalen Künstler war, ist nur wenig bekannt. „Wir wollen den Menschen und sein Werk zeigen“, sagt Sebastian Schmitt, der Leiter der städtischen Galerie. Das soll die Salonausstellung ändern, die dann bis zum 1. Februar 2026 in den Räumen der Galerie zu sehen ist.

Die Besucher niederschwellig mit Rolf Neschs Kunst vertraut machen

Bewusst setzt Sebastian Schmitt, der Leiter der Galerie, bei der Schau auf das überschaubare Format der Salon- oder Kabinettausstellung. Er möchte die Besucher der Galerie niederschwellig mit dem Werk des Künstlers vertraut machen. Das sieht der Kunsthistoriker als spannende Ergänzung zur Ausstellung „Prägungen und Entfaltungen“, die bis 12. April im Kunstmuseum Stuttgart zu sehen ist. Da treten Werke von Nadira Husain, geboren 1980, und Ahmed Umar ( geboren 1988) in einen spannenden Dialog. Alle drei verbinden Migrationserfahrungen, die sich in ihrer Ästhetik und in der Bildersprache widerspiegeln.

Ein Selbstbildnis des Künstlers Rolf Nesch. Foto: Roberto Bulgrin

„Wir haben in unserer Sammlung etliche Werke Neschs“, sagt Sebastian Schmitt. Dass er nun eine Auswahl zeigen kann, freut ihn. Für die aktuelle Ausstellung war es nötig, einige der Werke zu restaurieren. Auch das ist aus der Sicht des Galeriechefs eine große Chance für das Museum: „So bewahren wir die Kunstwerke.“ Mit der Schau will er bei den Besuchern Interesse an der spannenden Biografie Neschs wecken.

Nesch ist in der Schwertmühle in Oberesslingen geboren und aufgewachsen (bis 1900). Teile seiner Kindheit und Jugend verbrachte er in der Nähe von Heidenheim. „Mutter und Vater trennten sich Anfang der 1920er Jahre“, blickt Schmitt zurück. Die Mutter lebte dann ab 1922 wieder in Esslingen, weswegen Rolf Nesch immer wieder dorthin zurückkehrte. Das sei seine glücklichste Zeit gewesen, sagte der Künstler später. 1927 zog er kurzzeitig nach Esslingen, zusammen mit seiner Frau Irma Anhalt, später Nesch.

Mit einer Lehre als Dekorationsmaler fing Rolf Neschs Karriere an

Nach einer Lehre als Dekorationsmaler und dem Besuch der Königlichen Kunstgewerbeschule in Stuttgart von 1909 bis 1912 kam er nach Dresden und arbeitete als Malergeselle. Dort wurde er in die Akademie aufgenommen. Im Ersten Weltkrieg musste er sein Studium unterbrechen; er kam in englische Gefangenschaft. 1919 ging er zurück nach Dresden und nahm das Studium bei Oskar Kokoschka wieder auf. Da erhielt er ein Meister-Atelier. Nesch war Mitglied der Künstlergruppe Die Schaffenden. 1924 besuchte er Ernst Ludwig Kirchner in Davos. Kirchner hatte nach den Worten von Sebastian Schmitt einen großen Einfluss auf die Entwicklung des Künstlers.

Eine Druckplatte von Rolf Nesch aus einer privaten Sammlung. Foto: Roberto Bulgrin

Weil Rolf Neschs Kunstwerke 1937 von den Nationalsozialisten als „Entartete Kunst“ verunglimpft wurden, sind viele seiner Werke damals aus Museen entfernt und zerstört worden. Deshalb emigrierte der Künstler nach Norwegen. 1946 erhielt Nesch die norwegische Staatsbürgerschaft und heiratete 1950 die norwegische Schauspielerin Ragnhild Hald. In dem skandinavischen Land wird sein Werk bis heute hoch geschätzt. Das Museum ist im Kulturhaus Ål in Hallingdal. In Ål ist auch noch der Hof der Familie Nesch. „Das Atelier ist weitestgehend unverändert und kann auch ausgewählt besucht werden“, sagt Sebastian Schmitt.

Rolf Neschs unbändige Lust am Experiment

In der Esslinger Schau möchte Sebastian Schmitt die Bedeutung Neschs für die Entwicklung der Kunst zeigen. Er experimentierte mit druckgrafischen Arbeiten, hat eine neuartige Technik des Metalldrucks entwickelt. Die unbändige Lust am Experiment, die Nesch zeitlebens antrieb, ist in den Arbeiten im oberen Stockwerk der Galerie zu beobachten. Wie virtuos der Künstler die Schwere der Drucktechnik mit der leichten Formensprache der Malerei verbindet, ist in dem großformatigen Werk „Ragnhildrud“ aus dem Jahr 1952 zu beobachten. Da sitzt der Künstler in der idyllischen norwegischen Landschaft. Bis zu seinem Tod 1975 lebte er in Oslo, sagt Schmitt: „Da hat er sein Glück gefunden.“

Das Begleitprogramm

Salongespräche
Am 9. November um 16 Uhr und 16:30 Uhr wird die Schau im Rahmen zweier Salongespräche mit Sebastian Schmitt, Leiter der Villa Merkel und Eva-Marina Froitzheim, Kuratorin Kunstmuseum Stuttgart, eröffnet. Eine Anmeldung unter villa-merkel(at)esslingen.de ist erforderlich und bis zum 8. November, 15 Uhr, möglich.

Offene Führungen
Das Werk des in Esslingen geborenen Künstlers Rolf Nesch lässt sich auch bei öffentlichen Führungen entdecken. Sie finden statt an den Donnerstagen 11. Dezember, 15. Januar und 29. Januar. Beginn in der städtischen Galerie Villa Merkel ist jeweils um 18.30 Uhr. Vom 24. November bis 5, Dezember ist die Schau wegen Bauarbeiten geschlossen. Weitere Informationen: www.villa-merkel.de