Christine Braun widmet ihre begehbare Installation mit Pulver dem Thema Fertignahrung. Foto: Gottfried Stoppel

Andy Warhols Banane, Banksy, Schneewittchens Giftapfel und Pulvernahrung: In der Galerie Stihl Waiblingen dreht sich bis März 2025 alles ums Essen. Das Motto lautet: „Ein Fest für die Augen!“

Zitronen, Mandarinen, Pfeffer – was sich heute in jeder deutschen Küche findet, galt im 17. Jahrhundert als echtes Luxusgut. Aus diesem Grund hat der holländische Maler Willem van Aelst die Südfrüchte und das exotische Gewürz auf zwei Gemälden verewigt: Sinn und Zweck der Bilder war es, Reichtum zur Schau zu stellen.

 

Normalerweise befinden sich die beiden Stillleben im Schloss Fachsenfeld bei Aalen. Bis Anfang März aber hängen sie im Zuge der Ausstellung „Ein Fest für die Augen! Essen in der Kunst des 20. und 21. Jahrhundert“ leihweise in der Galerie Stihl Waiblingen und fungieren dort quasi als Appetizer. Sind sie doch das Erste, was Besucher beim Betreten des Museums sehen.

Nahrung fasziniert durch die Jahrhunderte

Stillleben seien die Basis jeder Auseinandersetzung mit dem Essen in der Kunst, sagt die Galerie-Leiterin Anja Gerdemann, welche die Ausstellung mit Susanna Schnelzer kuratiert hat. Und Stillleben sind vermutlich das, woran die meisten beim Thema Essen und Kunst spontan und als Erstes denken. Doch die Bandbreite ist viel größer und das Stillleben folglich nur einer von neun Themenblöcken in der Ausstellung. Dass Nahrung viele fasziniert und beschäftigt, zeigt allein die Tatsache, dass in Waiblingen die Arbeiten von 55 Künstlerinnen und Künstlern hängen, die Zeitschiene reicht vom 17. bis ins 21. Jahrhundert.

Marion Eichmanns Installation „Buffet Dreaming“ ist ganz aus Papier gefertigt. Foto: Gottfried Stoppel

Gut 20 Leihgeber mussten überzeugt werden, ihre Schätze vorübergehend auszuleihen – den teils aufwendigen Schriftverkehr will man sich lieber nicht vorstellen. Bei manchen Stücken sind die Kuratorinnen aber in direkter Nachbarschaft fündig geworden. Zwei in Mezzotinto-Technik vom englischen Grafiker und Zeichner Richard Earlom angefertigte Londoner Marktszenen aus dem 18. Jahrhundert gehören beispielsweise der Stadt Backnang. Earlom hat das turbulente Treiben detailreich festgehalten – auf dem Fischmarkt lauern Hund und Katz auf Beute, eine lebende Robbe ist auch zu sehen.

Banksys Einkaufswagen-Jäger

Auch Lia Darjes hat sich vom Marktgeschehen inspirieren lassen. Ihr Porträt einer Marktfrau in der heutigen Zeit hat sie aber mit ihrer Kamera in Kaliningrad fotografiert – zusammen mit kleinen Marktständen, die aufgrund einer speziellen Fototechnik stark an ein klassisches, gemaltes Stillleben erinnern. Eines dieser Fotos ziert nun das Ausstellungsplakat.

Wenige Schritte weiter wartet eine humorvolle Arbeit des unter dem Pseudonym Banksy arbeitenden britischen Street-Art-Künstlers. Das „Trolley Hunter – Einkaufswagen-Jäger“ benamste Werk zeigt eine Jagdszene der besonderen Art. Drei mit Speeren bewaffnete, auf Beute lauernde Jäger pirschen sich in einer Steppe an Beute heran. Das Objekt der Begierde ist allerdings kein Tier, sondern drei leere Einkaufswagen.

Kultivierter geht es bei Marion Eichmanns Installation eines Esstischs samt Zubehör zu. Die Künstlerin hat unter dem Titel „Buffet Dreaming“ eine Tischszene komplett aus weißem Papier erschaffen – von der mit Leckereien bestückten Etagere über Kerzenständer, Schnittblumen in einer Vase bis zum Kronleuchter. Die Gegenstände sind mit kleinen, aus buntem Papier ausgeschnittenen Details verziert, sie zeigen Menschen, Tiere oder auch kleine Verkehrszeichen. Ein Jahr habe sie 2008 in diese Installation investiert, erzählt die Künstlerin beim Aufbau.

Christine Brauns Bodeninstallation darf weggekehrt werden

Ein Fan von Fertignahrung soll Andy Warhol gewesen sein – Cornflakes zum Frühstück und Dosensuppe zum Mittagessen. Natürlich taucht in der Ausstellung unter der Rubrik „Werbung und Konsum“ sein Plakat einer Suppendose Marke Campbell Cream of Mushroom Soup auf. Auch die berühmte Banane, die einst das LP-Cover der Band The Velvet Underground zierte, ist in Waiblingen zu sehen – nebst anderem berühmten Obst, zum Beispiel einem übergroßen Modell von Schneewittchens Giftapfel.

Ein Kunstwerk ist erst diese Woche direkt vor Ort entstanden. Die Stuttgarterin Christine Braun hat für ihre Bodeninstallation in einem Bereich der Galerie unzählige Häufchen aus verschiedenfarbigen Pulvern in Linienmustern aufgereiht – Begehen ausdrücklich erwünscht. Beim Hindurchlaufen steigt ein würziger Duft in die Nase – vom Rote-Bete-Pulver über grünen Matcha-Tee bis zum Kohlepuder ist so ziemlich alles vertreten. Bei ihrer Installation beschäftigt sich Christine Braun – wie Warhol, aber deutlich kritischer – mit Fertignahrung und Nahrungsergänzungsmitteln, der Entfremdung vom eigentlichen Lebensmittel und der Frage, ob diese Art der Ernährung noch Spaß macht. Was mit ihrer Arbeit nach dem Ende der Ausstellung geschieht? „Die wird zusammengekehrt – und weg“, sagt Braun.

Schmackhaftes Rahmenprogramm

Vernissage
 Die Ausstellung wird am 6. Dezember, 19 Uhr, in der Kunstschule, Eva-Mayr-Stihl-Platz 4, mit Reden eröffnet und kann danach besichtigt werden. Der Eintritt ist frei. Bis zum 2. März ist die Ausstellung dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr geöffnet. Führungen finden sonn- und feiertags um 11.30 und 15 Uhr statt, zudem am ersten und dritten Donnerstag eines Monats um 18 Uhr.

Begleitprogramm
  Eine Führung mit der Autorin Felicity Souter am 24. Januar gehört ebenso zum Programm wie das Thema Foodporn, das sich am 21. Januar Frederike Schmäschke vornimmt. Am 29. Januar und 19. Februar, 10 Uhr, gibt es Führungen plus einen Besuch auf dem Wochenmarkt, wo allerlei über Obst und Gemüse zu erfahren ist. Am 30. Januar und 27. Februar, 17.30 Uhr, werden zur Kunst Pralinen serviert.

Kunstvermittlung
Bei Kursen in der Kunstschule Unteres Remstal werden Gewürzbilder gemacht, mit Apfelhälften oder Kohlstrünken gedruckt oder Früchte und Gemüse aus Ton und Pappmaschee gefertigt.