Galerie Stadt Sindelfingen Kubus als Sinnbild der aufstrebenden Stadt

Von Claudia Barner 

Die Museumsleiterin Madeleine Frey möchte jungen Künstlern ein öffentliches Forum bieten. Foto: factum/Weise
Die Museumsleiterin Madeleine Frey möchte jungen Künstlern ein öffentliches Forum bieten. Foto: factum/Weise

Das Kabinett Lütze und das Schaufenster Junge Kunst haben künftig einen festen Platz im Erdgeschoss der städtischen Galerie. Zur Eröffnung gibt es konkrete Kunst zu sehen.

Sindelfingen - Es ist alles eine Frage des Standpunkts. Wer in Bewegung bleibt, kann deshalb mehr entdecken. Konkrete Kunst erschließt sich dem Betrachter vor allem dann, wenn er sich unbefangen darauf einlässt, die Vielfalt reduzierter Formen zu erspüren. Die Galerie der Stadt Sindelfingen (Kreis Böblingen) bietet derzeit den passenden Rahmen für die Auseinandersetzung mit Farbe und Form, Material und Idee. Die Beton- und Holzarbeiten des Künstlers Benjamin Appel haben in den oberen Etagen neue Erlebnisräume geschaffen. Im Erdgeschoss des Alten Rathauses geht die visuelle Entdeckungsreise nun weiter.

Bisher waren die Ausstellungsräume im Eingangsbereich der Galerie Teil des großen Ganzen. Jetzt entwickeln sie ein Eigenleben. Die Leiterin der Galerie, Madeleine Frey, will Akzente setzen und neue Besuchergruppen ansprechen. „Durch den i-Punkt gibt es im Erdgeschoss viel Besucherverkehr. Die beiden Räume stehen künftig für sich. Die Exponate kann man auch erfassen, wenn man nur eben kurz hereinschaut“, sagt sie.

Die öffentliche Wahrnehmung ist ihr gewiss

Zunächst gilt es, eine Entscheidung zu treffen: Zuerst nach rechts oder zuerst nach links? Auf der einen Seite lockt das „Kabinett Lütze“ mit ausgesuchten Werken aus der Sammlung des Stuttgarters Diethelm Lütze, die bisher nur im Rahmen von Gruppenausstellungen gezeigt wurden. Gegenüber begründet die 1983 in Tübingen geborene Künstlerin Sarah Wohler mit der Werkschau „Prosperity 71063“ eine neue Form der Präsentation: das Schaufenster Junge Kunst. Die Idee dazu stammt von Madeleine Frey. „Wir möchten jungen Künstlern aus der Region ein öffentliches Forum bieten“, sagt sie.

Die öffentliche Wahrnehmung ist ihr in diesem Fall gewiss. Denn die Galerie hat sich nach außen hin geöffnet. Das große Fenster zum Marktplatz ist ein Teil der künstlerischen Darstellung. Über eine Holztreppe wird der Betrachter aus dem Stadtraum an die Ausstellung herangeführt. Das soll die Neugier wecken. „Ich hoffe, dass wir Hemmschwellen abbauen können“, sagt Madeleine Frey.

Im Raum dahinter begegnet man einem Stück Sindelfinger Stadtgeschichte. Es geht um die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, um Wachstum und um Architektur. „In dieser Phase sind viele Industriebauten entstanden, die mit ihrer bloßen Zweckmäßigkeit den Wohlstand der Stadt versinnbildlichen“, erklärt Madeleine Frey. Sarah Wohler ist auf Spurensuche gegangen, hat Gebäude fotografiert, analysiert und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zurückgeführt.

Unterschiedliche Blickwinkel

In der Abstraktion zeigt sich der Kubus als Sinnbild der aufstrebenden Stadt. Im Spiel mit den für diese Ära typischen Farben Rot, Türkis, Orange und Blau hat die Künstlerin Gemälde und ein Wandbild gestaltet. Das Thema ist konsequent umgesetzt. Das Gebäude der Apotheke auf dem Nachbargrundstück ist über das seitliche Fenster in die Umrisslinien einpasst. Wer sich im Raum bewegt und die blauen Markierungen am Boden beachtet, kann den Perspektivwechsel nachvollziehen.

Um unterschiedliche Blickwinkel geht es auch im neuen Kabinett Lütze. Die Galeriechefin Frey hat den Bogen geschlagen und zur Eröffnung Exponate ausgewählt, die in Bezug zur konkreten Kunst stehen. Die Werke von Thomas Lenk, Arnulf Letto, Anton Stankowski, Hermann Waibel, Ludwig Wilding und Gerhard Wittner entschlüsseln vermeintlich fest gefügte Strukturen, spielen mit individueller Wahrnehmung und vermitteln eine Ahnung davon, dass auch in kleinen Dingen große Botschaften stecken können.

Ein Beispiel dafür ist Günther Fruhtrunk. In der städtischen Galerie Sindelfingen ist sein Werk „Modulation Schwarz-Rot“ zu sehen. Als Designer hat er mit der Gestaltung der Aldi-Tüte das alltägliche Leben geprägt.

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