Bei Schlichtenmaier in Stuttgart: Cornelia Schleimes „Meine Kugel, Deine Kugel“ (Ausschnitt) Foto: Cornelia Schleime

Eine sorgsam geschminkte Frau mit erwartungsfroh-heiterem Blick richtet eine Pistole auf uns Betrachtende. Was passiert hier?

Widersinniger könnte die Situation kaum sein: Eine sorgsam geschminkte Frau mit erwartungsfroh-heiterem Blick richtet eine Pistole auf die Betrachtenden. Soll hier das Publikum lustvoll weggeschossen werden?

 

„Meine Kugel – Deine Kugel“ betitelt die Berliner Malerin Cornelia Schleime das Bild – in der aktuellen Schleime-Solo-Schau in der Galerie Schlichtenmaier in Stuttgart (Kleiner Schlossplatz 11) zentral gehängt. Was aber ist das? Hinter dem Kopf der Schützin schwimmt ein Fisch vorbei, links und rechts ihres Kopfes steigen Luftblasen auf. Ist die Frau abgetaucht? Sehen wir ein letztes (lächelndes) Aufbäumen vor dem Ende? Filmszenen kommen in Erinnerung und werden doch von der auch materiellen Präsenz der Malerei buchstäblich davongespült.

Cornelia Schleime, Education, 2024 (Ausschnitt) Foto: Cornelia Schleime

„In der Ferne fängt die Welt erst an“, ist die Ausstellung überschrieben, die in ihrer klugen Präsentation als ständiger Echoraum funktioniert. „Meine Kugel – Deine Kugel“ deutet bereits an, dass mehr künstlerische Äußerungsformen hinter diesem provokant fordernden Blick steckt. Sängerin, Filmerin, Fotografin, Aktionskünstlerin und Dichterin ist Cornelia Schleime, bevor sie 1984 Ost- gegen Westdeutschland tauscht. Das gemeinsame Vielfache scheint Cornelia Schleime im Leinwandbild auch 41 Jahre später mitunter zu cineastischer Strenge zu verführen. Doch dann steht man vor einem Doppel, das tief verunsichert: Eine erwachsene Figur fasst einer jungen Frau von hinten an das Kinn, hält sie mit kaltem Blick fest. Von welcher „Education“, so der Bildtitel, ist hier bildlich die Rede, welche Kälte wird hier malerisch erzeugt?

Cornelia Schleimes Aquarelle als heimliche Stars der Schau

Eigentliche Stars der Ausstellung sind neben solchen malerischen Hauptwerken der 1953 in Ost-Berlin geborenen Cornelia Schleime die Aquarelle. Aus anderen Welten scheinen hier die Figuren aufzutauchen, aus einer Traumzeit grüßend und die eigene Flüchtigkeit durchaus genießend. „See you“ ist denn auch eine Serie betitelt – ein Zuruf, der viel Raum lässt. A propos: „Das Weiß des Papiers“, sagt Cornelia Schleime, „möchte ich erhalten und dort, wo nichts auf dem Papier ist, ist das Eigentliche, der Raum, den meine Figuren für sich beanspruchen.“ Beispiele für Schleimes Tiermenschen lenken den Blick freilich noch auf anderes: Hier ist eine Künstlerin am Werk, die ihre Bildwelt im Aquarell immer neu verfeinert – um sie auf der Leinwand mit Asphaltlack vordergründig der Gefahr der Zerstörung auszusetzen.

Cornelia Schleime – noch bis zum 22. November in Stuttgart

Zuletzt steht eine junge Frau hinter einem kunstvoll geschmiedeten Zaun. In den Händen hält sie eine Pistole, ihr Blick ist konzentriert und ohne Furcht. Bleibt denen, die draußen bleiben müssen, am Ende beziehungsweise „Unterm Strich“ (Bildtitel) nur, mit dem Äußersten zu drohen? Cornelia Schleime lässt es offen – und spielt im parkähnlichen Tiefenraum noch einmal ihre malerische Virtuosität aus. Zu erleben ist diese Ausstellung in der Galerie Schlichtenmaier noch bis zum 22. November (Dienstag bis Freitag 11 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 17 Uhr).