Horst Kuhnert feiert am 22. Juni seinen 80. Geburtstag – mit Freunden in Berlin Foto: stzn

Mit Polyester Kunst machen – geht das? Horst Kuhnert macht es vor – seit 50 Jahren schon. „Raumkörper“ nannte er 1964 seine ersten Werke. Was daraus geworden ist, zeigt die Galerie Schlichtenmaier in Grafenau.

Stuttgart - Manche Kunst-Spur führt im 20. Jahrhundert nach Bad Cannstatt. Von den Figurinen Oskar Schlemmers bis hin zu den internationalen Wegen des Verlegers Gerd Hatje und den Druckkünsten von ­Walter Cantz. Fast vergessen ist anderes – wie die Galerie am Jakobsbrunnen. Anfang der 1960er Jahre verwandelt ein junger Maler und Komponist die Räume in eine Bühne des Antritts: Willy Wiedmann (1929-2013). Künstler wie Georg Karl Pfahler und Thomas Lenk sowie Kritiker wie Günther Wirth und Kurt Leonhard treffen sich.

Kuhnert will einen neutralen Grund

Auch Horst Kuhnert ist dabei. 1939 in Schweidnitz geboren. Anfang 20 ist er, Absolvent der Stuttgarter Akademie. Der Schüler von Heinrich Wildemann hat eine klare Vorstellung. „Ich wollte in den Raum und mit dem Raum arbeiten – aber nicht mit den klassischen Materialien“, sagt er im Rückblick. Er probiert vieles aus. Jedoch: „Ton, Sand, Quarzsand, Holz – das war alles nicht mein Ding.“ Der Grund? „Ich wollte nicht in Strukturen hineinfallen, die Natur hergibt“, sagt er. ­Kuhnert will einen neutralen Grund, allein die Form soll wirken können.

Erster einer neuen Zeit

Er versucht es mit Alabastergips. „Das war viel zu schwer“, erinnert sich Kuhnert. Dann gibt ihm Pfahler, 1958/1959 mit der Gruppe 11 bekannt geworden, einen Tipp. Ein Bauer in Murr an der Enz stellt Bergwerklohren aus Polyester her. Das könnte das Richtige sein – leicht, gut formbar, neutral im Charakter. Und tatsächlich: Bald gilt Horst Kuhnert als Erster einer neuen Zeit.

Rückblick auf 50 Jahre bei Schlichtenmaier

Mehr als fünf Jahrzehnte später steht Kuhnert inmitten unzähliger Besucher in der Galerie Schlichtenmaier im Obergeschoss von Schloss Dätzingen (Grafenau). Das Kuhnert-Panorama seit den 1960er Jahren ist ausgebreitet – bis hin zu Bildern der vergangenen Jahre. Bilder? „Der Gedanke der Malerei ergab sich aus der Folge ,Stabil-instabil’“ (bei Schlichtenmaier mit am schönsten durch eine raumprägende Arbeit von 1995 erlebbar), sagt Kuhnert. Sie brachte den Schritt von den Raumkörpern zu Raumstrukturen – und ein bleibendes Erlebnis. „Ich habe die Plastik auf dem Tisch, schaue sie an und denke sie zurück in den Raum, der unendlich ist“, sagt Horst Kuhnert. Die Malerei mache „den realen Raum zum gedanklichen Raum“.

Das sanfte Lächeln kann auch verschwinden

Horst Kuhnert spricht ruhig, ob inmitten der Ausstellungseröffnung oder abseits allen Trubels. Er wirkt in sich ruhend. Jedoch: Die Augen bewegen sich ständig, und noch bevor das bekannte sanfte Lächeln verschwindet, verraten kleine ­Falten auf der Stirn, wenn zur Aufmerksamkeit sachliche Ungehaltenheit kommt.

Digitalisierung als bildnerisches Thema

Auch Anja Rumig ist zur Eröffnung nach Grafenau gekommen. In ihrer eigenen Galerie hatte sie Kuhnerts Gegenspiel von Plastischem und Malerischem seit 2010 begleitet. Sie sieht Werke, „die vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung des Künstlers mit der Globalisierung und digitalen Vernetzung unserer Welt Ordnungssysteme vorstellen, die der Instabilität gesellschaftlicher Normen neu zu erkennende Stabilitäten ­metaphorisch entgegensetzen“.

Das Scharfkantige gibt Kuhnert nie auf

Der Überblick bei Schlichtenmaier macht aber auch dies deutlich: Zu Beginn genießen Kuhnerts Skulpturen wie dem „Raumkörper“ von 1965 das Fließende, die Bewegung. Das Spitze aber, das Scharfkantige, gibt er nicht auf, ebenso wenig das Interesse an einer denkbar sich selbst multiplizierenden Raumdurchquerung. Und eben auch hieran schließt die Malerei an.

„Ich bin immer mittendrin“

„Ich sehe mich als ein Erfinder“, sagte Kuhnert einmal. Gilt der Satz? „Ich bin immer mittendrin“, antwortet er. „Ich will von meinen eigenen Lösungen überrascht werden“. Am 22. Juni wird Horst Kuhnert 80. Er feiert mit Freunden in Berlin. Am Abend zuvor wird bei Ketterer in Berlin eine Kuhnert-Ausstellung eröffnet. Die ungemein qualitätvolle Schau bei Schlichtenmaier ist ein Vorab-Geschenk. Für uns alle. Das Wiedersehen ist ein Neu-Sehen – noch bis zum 15. Juni (Mi-Fr 11-18.30, Sa 11-16 Uhr).

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: