Galerie Altes Rathaus in Musberg Bänder des Herzens und Seile zum Aufknüpfen

Von Sabine Schwieder 

Die von Nationalsozialisten ermordeten Kinder waren halbverhungert  und viel  zu  leicht für ihren Strick. Mechthild Schöllkopf-Horlacher, Künstlerin aus Degerloch,  gibt den Kindern von Izieu oder vom Bullenhuser Damm einen Ort des Erinnerns. Foto: Sabine Schwieder
Die von Nationalsozialisten ermordeten Kinder waren halbverhungert und viel zu leicht für ihren Strick. Mechthild Schöllkopf-Horlacher, Künstlerin aus Degerloch, gibt den Kindern von Izieu oder vom Bullenhuser Damm einen Ort des Erinnerns. Foto: Sabine Schwieder

Die Künstlerin Mechthild Schöllkopf-Horlacher aus Stuttgart-Degerloch malt Märchenhaftes mit Pastellkreide und erinnert in ihren Collagen an von Nationalsozialisten getötete Kinder. Nun stellt sie in der Galerie Altes Rathaus in Musberg aus.

Musberg - Schönes und Schauriges, eine märchenhafte Atmosphäre und ganz reale Grausamkeit: Für Mechthild Schöllkopf-Horlacher aus Degerloch gehören diese Bereiche ihres künstlerischen Lebens eng zusammen. Zwar zitiert der Titel ihrer jüngsten Ausstellung in der Galerie Altes Rathaus Musberg das Märchen vom Froschkönig, doch zugleich zeigt sie Bilder von getöteten Kindern. Kinder, die in den letzten Kriegstagen von den Nationalsozialisten vernichtet wurden. Und so ist die Ausstellung „Es ist ein Band von meinem Herzen ...!“, die am Samstag, 24. Februar, um 17 Uhr eröffnet wird, schön und grausam zugleich.

Die Gemälde der 1940 in Stuttgart geborenen Künstlerin entstehen teils in ihrem Wohnort Degerloch, teils in ihrem Atelier in Sillenbuch, über das sie seit einem Jahr verfügt. Zu sehen sind überwiegend mit Pastell- oder Ölkreide gemalte Bilder und Collagen, deren Farben oft warm sind und keinesfalls so düster, wie ihre Themen es vermuten lassen. Dazu arbeitet sie Fotos ein und ergänzt die Kreidebilder um Materialien wie rostige Fundstücke oder feine Spitzenbänder.

Öl- und Pastellkreide, Fotos, rostige Fundstücke

Bänder spielten bei ihr immer eine große Rolle, sagt Mechthild Schöllkopf-Horlacher bei einer Vorbesichtigung in der Galerie. Sie sind mal blutrot wie ein Lebensfaden, mal schwarze, einengende Schnüre oder Seile, an denen zwei Figuren den gläsernen Sarg von Schneewittchen tragen. Und es gibt die Seile, an denen die Nationalsozialisten Kinder aufhängten.

Eher zufällig sei sie auf das Thema Holocaust gestoßen, erzählt die Künstlerin. Und doch wird es sie so schnell nicht loslassen. Es war während einer Sommerakademie im Kloster Irsee, als nebenbei und lapidar erwähnt wurde, dass an diesem idyllischen Ort im Rahmen der Euthanasie mehr als 700 psychisch Kranke ermordet wurden, darunter viele Kinder. An sie will Mechthild Schöllkopf-Horlacher mit ihren Bildern erinnern. „Diese Kinder haben doch die gleichen Märchen gehört. Aber sie mussten von heute auf morgen in den Tod gehen“, sagt sie.

Die Geschichte von Ernst Lossa

Insbesondere die Geschichte von Ernst Lossa hat die Künstlerin berührt. Dem 14-Jährigen, der Minderheit der Jenischen zugehörig und als „Zigeuner“ verfolgt, wurde ein tödliches Mittel injiziert. Die für seinen Tod Verantwortlichen konnten nach dem Krieg teilweise wieder ihrem Beruf nachgehen. Der Spielfilm „Nebel im August“ erzählt seine Geschichte nach Ansicht von Mechthild Schöllkopf-Horlacher sehr gut. Sie selbst hat Ernst Lossa nach einer Fotografie gemalt: Eindringlich blickt der Porträtierte auf die Betrachter, als wolle er sagen „Vergesst uns nicht.“

Besonders eindrücklich ist auch die Darstellung der Kinder vom Bullenhuser Damm. In der gleichnamigen Schule in Hamburg wurden jüdische Kinder, die der berüchtigte Lagerarzt Josef Mengele für seine Experimente missbraucht hatte, kurz vor Kriegsende betäubt und anschließend erhängt. Sie waren so abgemagert, dass ihre Peiniger mit dem eigenen Gewicht nachhelfen mussten. Ähnlich wie die Liedermacher Reinhard Mey („Die Kinder von Izieu“) und Hannes Wader („Die Kinder vom Bullenhuser Damm“) oder das Ehepaar Beate und Serge Klarsfeld geht es Schöllkopf-Horlacher darum, den Unbekannten ein Gesicht und einen Namen zu geben.

Traurigkeit und Hoffnung sind gleichberechtigt

Die Fotos der jüdischen Kinder von Izieu, die aus einem Heim oberhalb des Rhonetals verschleppt und in Birkenau vernichtet wurden, hat sie von dunklen Rahmen umgeben und mit Bändern und schmückenden Elementen versehen. Den Sinti-Kindern von Mulfingen, einem katholischen Kinderheim in Hohenlohe, hat sie christliche Symbole beigefügt. Die Arbeiten wirken wie liebevolle Erinnerungsstücke, die aus den Opfern Menschen mit eigenen Vorlieben, eigenen Geschichten machen. Und so ist auch der Ausstellungstitel zu verstehen: Traurigkeit und Hoffnung sind gleichberechtigt, und zuletzt ist das Band um das Herz des treuen Heinrichs zersprungen aus Freude über die Erlösung seines Herrn.

Die Ausstellung „Es ist ein Band von meinem Herzen...!“ mit Arbeiten von Mechthild Schöllkopf-Horlacher in der Galerie Altes Rathaus, Filderstraße 44, in Musberg wird am Samstag, 24. Februar, um 17 Uhr eröffnet. Sie ist bis zum 25. März samstags von 16 bis 18 Uhr sowie sonntags von 11 bis 13 Uhr zu sehen.

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