Thomas Paul und Klaus Maisch vom Tiefbauamt lassen sich von Hasan Tanrikut und Shpeitim Feruti (von links) zeigen, wie sie einen Köder samt Messgerät in einen Kanaldeckel versenken. Foto: Langner/ 

Wie bekommt Herrenberg sein Nagerproblem in den Griff? Neben der Pfalzgraf-Rudolf-Grundschule ist auch der Bahnhof ein Hotspot. Die Stadt hat sich Hilfe von außen geholt.

Die Lehre vom Karma besagt, dass schlechte Taten negative Folgen haben. Auch in Herrenberg glaubt man an „KaRMa“ – allerdings steht das Akronym hier für die „Kampagne für ein nachhaltiges Ratten-Management“, mit der das Bundesumweltamt die Menschen für das Thema sensibilisieren will. Das will auch die Herrenberger Stadtverwaltung. Schließlich kämpft die Gäustadt derzeit an zwei Fronten gegen eine Rattenplage von beträchtlichem Ausmaß.

 

In der Pfalzgraf-Rudolf-Grundschule kommt es deswegen zu Unterrichtsausfällen, weil das gesamte Erdgeschoss für die Bekämpfung der Nagetiere gesperrt werden muss. Rund zwei Kilometer entfernt, im Bereich der Bahnhofstraße, gibt es offenbar ebenfalls Probleme mit Ratten. Für beide Einsatzorte hat die Stadt externe Hilfe geholt. An der Grundschule ist die EXento GmbH Schädlingsbekämpfung aktiv. Die Gerlinger Firma ist unter anderem darauf spezialisiert, Nager in Innenräumen auszumerzen. Um das vermehrte Rattenaufkommen rund um den Bahnhof kümmert sich die Firma Rockstroh aus Bad Rappenau.

Einige Mitarbeiter des kommunalen Dienstleisters sind an diesem Mittwochmorgen vor Ort in der Bahnhofstraße, um zu prüfen, wie viele „Besuche“ es in den vor zwei Wochen aufgestellten Fallen gab – sprich: wie viele Tiere bereits an den ausgelegten Giftködern geknabbert haben. Achtlos weggeworfene Essensreste oder für Tauben ausgestreute Brotkrumen ziehen die Tiere scharenweise an. „Sie verlieren dabei jede Scheu vor dem Menschen“, sagt Thomas Paul, Mitarbeiter im Amt für Tiefbau und Entwässerung. Zusammen mit seinem Amtschef Klaus Maisch schaut er sich an, wie die modernen Rattenfänger arbeiten. Auch einige Pressevertreter sind mit dabei. Schließlich hat die Rattenplage an der Grundschule ein großes Medienecho ausgelöst.

Stadt will Bewusstsein für das Rattenproblem schaffen

„Das ist allerdings ein separates Thema“, betont Klaus Maisch. Das verstärkte Aufkommen der Nager in der Bahnhofstraße habe aus seiner Sicht nichts mit der Situation in der Grundschule zu tun. Die Stadt wolle mit diesem Vor-Ort-Termin bei den Bürgerinnen und Bürgern vor allem ein Bewusstsein für das Rattenproblem schaffen. „Füttert keine Tauben, spült keine Essensreste das Klo runter, lasst keine Lebensmittel herumliegen“, mahnt Thomas Paul, der in Herrenberg für das Thema Abwasser zuständig ist.

Zudem will die Verwaltung darüber informieren, wie sie die Plage in den Griff bekommen will – und was es mit den sechs grünen Behältern auf sich hat, die seit zwei Wochen rund um Busbahnhof und Bahnhof verteilt auf dem Boden herum liegen. „Das sind Köderschutzboxen“, sagt Patrick Feyl von der Firma Rockstroh. Sie enthalten einen pink eingefärbten Futterbrocken, der mit Gift versetzt ist. „Für Katzen oder Hunde sind diese Boxen nicht zugänglich“, betont der Kundenfachberater, dass für größere Haustiere keine Gefahr bestehe.

Mit seinen Kollegen Shpejtim Feruti und Hasan Tanrikut ist Patrick Feyl an diesem Mittwoch zum ersten von voraussichtlichen einer ganzen Reihe 14-tägiger Kontrolltermine nach Herrenberg gekommen. Insgesamt 13 Köder hat die Firma im Bereich Bahnhofstraße oberhalb und unterhalb der Oberfläche ausgelegt. Bei den in der Kanalisation eingesetzten Ködern halte man sich streng an die EU-Bestimmungen, wonach keine Biozide ins Abwasser gelangen dürfen.

Neben Giftködern gibt es auch Schlagfallen. „Da drin sind Bolzen, die den Ratten mit 130 Sachen den Kopf einschlagen“, erklärt Feyl. Ein schneller Tod im Gegensatz zu den zwei bis drei Tagen, die es dauere, bis die Ratten an den Giftködern sterben. In beiden Fällen sei die „Tilgung“, wie es im euphemistischen Fachjargon heißt, für die Tiere jedoch weitgehend schmerzfrei. „Von dem Gift sind die Ratten wie benebelt“, erklärt der Außendienstler. Beschönigen will er das Thema nicht. Sterben sei niemals schön, sagt Feyl.

Fallen sind mit Sensoren ausgestattet

„Ratten gehören zu unserer Biosphäre dazu“, betont der Fachberater. Das Problem sei der Mensch, weil die Tiere durch ihn ein Nahrungsüberangebot vorfinden und sich dann unkontrolliert vermehren würden. Deshalb könne es bei der Rattenbekämpfung auch immer nur darum gehen, die Populationen einzudämmen.

Die rund um den Bahnhof ausgelegten Fallen sind mit Sensoren ausgestattet, die zum Teil mehrfach am Tag Informationen senden. Beim Auslesen der Daten am Computer registriert Hasan Tanrikut an einer Messstation bereits 129 Zugriffe – schon ab 15 werde es für die Rattenbekämpfung interessant, sagt Feyl. Unklar sei allerdings, wie oft einzelne Ratten mehrfach eine Falle aufgesucht haben. Das verraten nur die Schlagfallen, in denen bereits acht Tiere ein jähes Ende gefunden haben und dann vom Abwasser weggespült wurden.

Die Daten deuten darauf hin, dass der Herrenberger Bahnhof sich wohl zu einem Hotspot entwickelt hat. Allerdings habe er in anderen Städten auch schon Werte von mehr als 400 Zugriffen erlebt, sagt Feyl zur Einordnung. In den kommenden zwei, drei Monaten werde man mehr wissen. Klar ist laut Klaus Maisch aber eins: „Ratten sind ein flächendeckendes Thema und mit Sicherheit nicht nur ein Herrenberger Problem.“

Die Rattenplage von Herrenberg

Beginn Ende November
 Vor knapp drei Wochen meldete die Herrenberger Stadtverwaltung, dass eine Spezialfirma angeheuert wurde, um der Rattenplage zunächst im Bereich rund um die Bahnhofsstraße Herr zu werden.

Befall einer Grundschule
 Anfang Dezember wurde bekannt gegeben, dass fünf Klassenräume im Erdgeschoss der Pfalzgraf-Rudolf-Grundschule in Absprache mit dem Gesundheitsamt gesperrt werden müssen, da Rattenkot gefunden wurde.

Unterrichtsausfälle
 Eine Woche später hat sich die Situation weiter zugespitzt: In allen Räumen im Erdgeschoss wurden Rattenexkremente gefunden, der Unterricht kann wohl bis nach Weihnachten nur noch in Schichten stattfinden.