David Miliband Foto: factum/Weise

David Miliband, der ehemalige britische Außenminister, und sein Bruder Ed Miliband besuchen samt ihrer Mutter und Tante das Mahnmal der KZ-Gedenkstätteninitiative Hailfingen-Tailfingen. Sie erfahren erstmals, wo ihr Großvater starb.

Gäufelden - Es ist für uns ein düsterer und ernüchternder Tag“, sagt David Miliband. Dennoch: nun komme endlich Licht in das lange währende Dunkel von David Kozaks Geschichte. Milibands Großvater war aus der polnischen Heimat von den Nazis zunächst in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert worden. Über seine weitere Verschleppung und seinen Tod wusste die Familie bis vor Kurzem nichts Konkretes. 72 Jahre nach der Ermordung David Kozaks im einstigen KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen besuchten am Montag der ehemalige britische Außenminister David Miliband, sein Bruder Ed Miliband, einst Vorsitzender der Labour-Partei, sowie deren Mutter Marion Miliband­ und ihre Schwester Hadassah­ Kosak­ den ehemaligen Ort des Grauens.

Vor sechs Monaten eine E-Mail erhalten

601 Namen stehen auf dem Mahnmal in Gäufelden-Tailfingen. An der Stelle, wo die KZ-Häftlinge den Nachtjägerflugplatz der braunen Machthaber bauen sollten. David Miliband tritt ans Mikrofon. Vor sechs Monaten­ habe er eine E-Mail erhalten mit den jetzt bekannten Details. Eine schauderhafte Nachricht, die ihn nicht nur als Enkel Kozaks bewegt habe, sondern auch in seiner Funktion als Präsident des International Rescue Committee in New York, das sich für Flüchtlinge und Opfer des Naziregimes einsetzt.

Miliband, von 2007 bis 2010 britischer Außenminister, weist darauf hin, wie wichtig es sei, der Wahrheit auf den Grund zu kommen – und aus der Vergangenheit zu lernen. „Auch wenn es noch so schmerzhaft ist“, sagt der 52-jährige frühere Politiker der Labour-Partei. Auch sein Bruder Ed Miliband (47) spricht, der seit 2005 Mitglied des britischen Unterhauses ist und von 2010 bis 2015 Chef der Labour-Partei war. Die beiden danken Volker Mall und Harald Roth von der Gedenkstätteninitiative sowie deren Unterstützer, denen es gelang, von bisher 120 KZ-Häftlingen die Angehörigen aufzuspüren.

Recherche führt zu den Hinterbliebenen

Das Lager existierte von November 1944 bis Februar 1945. Die Häftlinge mussten Zwangsarbeit in den umliegenden Steinbrüchen verrichten. Untergebracht waren sie in einer von Stacheldraht umzäunten Flugzeughalle an der Stelle des heutigen Sportplatzes von Tailfingen. Sie litten unter Kälte, mangelnder Hygiene und Krankheiten, mussten hungern und Schläge sowie Demütigungen ertragen. Von den 601 Inhaftierten starben mindestens 186. Sie kamen in ein Massengrab, 75 von ihnen wurden nach der Befreiung des Lagers auf dem Friedhof von Tailfingen beerdigt – darunter David Kozak­. Wo er ums Leben kam, das hat die Familie nun erfahren. Wahrscheinlich starb er – wie viele der Mitinhaftierten – an Entkräftung.

„Ein Geschichtsstudent stieß bei seiner Recherche zum Auschwitzer Sonderkommando auf David Kozak und wies uns Anfang April darauf hin, dass dessen Töchter und Enkel in England und in den USA leben“, berichtet Volker Mall. Dies habe geholfen, den Lebensweg des Ermordeten zu rekonstruieren und der Dokumentation über das Lager wieder ein Puzzlelteilchen hinzuzufügen. David Kozak, am 11. März 1909 in Częstochowa im Süden Polens geboren, besaß mit seiner Frau eine Stahlfabrik mit 300 Angestellten. Das Paar bekam 1934 eine Tochter, Dobra Jenta, die sich später Marion nannte. Sie und ihre Schwester Hadassah hatten eine behütete Kindheit in einem wohlhabenden Elternhaus­. Bis zum 3. September 1939.

Genaues Todesdatum

Zwei Tage nach Beginn des Polenfeldzugs marschierte die Wehrmacht in Częstochowa ein. Am nächsten Tag erschossen die Deutschen 150 Juden. Das jüdische Ghetto, im April 1941 eingerichtet, wurde am 22. September 1942 aufgelöst. Mehr als 42 000 Juden wurden ermordet, 40 000 davon in den Gaskammern von Treblinka. Als die Deportationen begannen, versteckten sich Marion Kozak, ihre Schwester und ihre Mutter. Der Vater David­ Kozak blieb zurück und kümmerte sich um seine Eltern. Sie wurden im Juli 1943 in Treblinka ermordet.

„David Kozak kam mit einem Transport am 28. Oktober 1944 von Auschwitz nach Struthof ins elsässische KZ. Im November 1944 wurde er nach Hailfingen transportiert“, sagt Volker Mall. Kozak trug die Häftlingsnummer 193 182. Sein Todesdatum ist der 16. Januar 1945.

Spuren nicht nur im persönlichen Bereich

Marion Miliband und ihre Schwester Hadassah Kosak überlebten dank der Hilfe eines deutschen Fabrikanten, versteckt in einem Nonnenkloster. Eine Hilfsorganisation brachte sie dann 1947 nach England. Dort heiratete Marion Kozak im Jahr 1961 den Soziologen Ralph Miliband (1924–1994). Bei ihren Söhnen David und Ed hat das nun Erlebte wohl nicht nur im persönlichen Bereich­ Spuren hinterlassen, sondern wird vermutlich auch in ihre Arbeit einfließen.

Die Gedenkstätte

Initiative
: Am Aufbau der KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen war maßgeblich die lokale Sektion des Vereins Gegen Vergessen – Für Demokratie beteiligt. Nach der Eröffnung im Juni 2010 sollte ein neuer Verein etabliert werden, der speziell für die Betreuung und Entwicklung der Gedenkstätte zuständig sein sollte. Der Verein KZ Gedenkstätte Hailfingen- Tailfingen wurde dann noch im selben Jahr gegründet. Vorstandsvorsitzender ist Walter Kinkelin, Schulleiter des Otto-Hahn-Gymnasiums in Nagold. Volker Mall und Harald Roth, treibende Kräfte der Initiative, waren früher Lehrer.

Öffnungszeiten:
Der Dokumentationsraum im Rathaus Tailfingen hat regelmäßig sonntags von 15 Uhr bis 17 Uhr geöffnet. Um 16 Uhr wird – falls gewünscht – eine kleine Einführung in die Ausstellung angeboten. Wer Näheres wissen möchte, meldet sich unter Telefon 0 70 32/ 2 64 55 oder per E-Mail unter volker.mall@kz-gedenkstaette-hailfingen-tailfingen.de

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